Dass Stalin und Chruschtschow mit einem Federstrich Ossetien beziehungsweise die Krim verschenkten, stört viele Russen heute noch. Dieses Verständnis, vermeintlich eigenes Gebiet aufgrund der Laune zweier Staatsführer verloren zu haben, die en passant ihre Heimatländer mit territorialem Zugewinn bedachten, macht auch den Unterschied beispielsweise zu den baltischen Staaten aus, obwohl auch die lange Zeit Bestandteil des Zarenreiches und der Sowjetunion waren. Die Russen erwarten von den Balten Dankbarkeit für ihren Sieg über den Faschismus und Hitlerdeutschland und viele sind überzeugt, dass Estland, Lettland und Litauen in der Sowjetzeit modernisert wurden und das Bildungsniveau der Bevölkerung angehoben wurde.

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Das russische Machtgefühl mag in der Ostseeregion ähnlich stark ausgeprägt sein und die Angst der baltischen Regierungen trotz ihrer Nato-Mitgliedschaften deswegen auch mehr als berechtigt, aber die emotionale Bindung der russischen Volksseele existiert nicht. Kaum ein Russe würde behaupten, Estland sei ein Teil von Russland. Aber viele denken, die Krim sei es.

Natürlich machen es sich die Russen viel zu einfach, wenn sie aus der Geschichte Ansprüche auf diese Territorien ableiten. Schließlich waren Ossetien und die Krim nicht immer russisch, sondern zuvor Teile anderer Imperien. Die Geschichte beider Landstriche ist auch die Geschichte ständiger neuer Eroberungen. Entsprechend könnten die Türken ebenso die Krim als eigenes Territorium für sich beanspruchen.

In jedem Fall aber ergibt sich eine merkwürdige Situation: Wenn die westlichen Regierungschefs in diesen Tagen lautstark, einig und völlig zu Recht auf die völkerrechtlich festgelegten Grenzen hinweisen, bestätigen sie gleichzeitig aber auch eine Grenzziehung, die der Despot Stalin und dessen Nachfolger Chruschtschow zementiert haben.

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(sueddeutsche.de/mati/cmat)