Russland und sein verlorenes Imperium Da war doch Puschkin

Im Konflikt um Südossetien und der Debatte um die Krim geht es nicht nur um den Machtwillen des Kremls - sondern auch um die russische Volksseele, die sich von der Geschichte benachteiligt fühlt.

Von J. Aumüller

Der starke Mann der Sowjetunion war kein gebürtiger Russe. Russland als eigenständige Einheit interessierte ihn nicht, außerdem war doch sowieso alles Sowjetunion, und außerdem war doch ohnehin klar, dass diese Sowjetunion auf ewig fortbestehen würde. Also trennte er in den Zwanziger Jahren zwei Territorien, die vorher stets zusammengehörten: Südossetien um die Hauptstadt Zchinwali ging an die damalige Georgische Sozialistische Sowjetrepublik, Nordossetien um die Stadt Wladikawkas verblieb bei Russland. Der starke Mann der Kommunistischen Partei war Josef Stalin - in Georgien geboren, doch seine Mutter stammte aus Ossetien.

Eine Frau beobachtet auf der Krim die Einfahrt eines Kriegsschiffes, sie schwenkt eine russische Fahne und hält einen Ikonenbild in der Hand.

(Foto: Foto: Reuters)

Damit trennte Stalin endgültig ein - wenn auch kleines - Gebiet von Russland, um das schon in den umstürzlerischen Revolutionsjahren seit 1918 gerungen wurde, das zuvor aber viele Jahrzehnte zum Zarenreich gezählt hatte. 1774 hatten sich die Osseten dem damaligen Zaren unterstellt hatten, spätestens mit der russischen Annexion des Königreichs Kartlien-Kachetien, zu dem Ossetien damals zählte, im Jahr 1801 waren die Fronten eindeutig.

Auch 1954 war der mächtigste Mann der Sowjetunion kein waschechter Russe. Ihn interessierte Russland als eigenständige Einheit nicht, außerdem war noch immer alles Sowjetunion, und außerdem war auch 1954 noch klar, dass diese Sowjetunion auf ewig fortbestehen würde. Also ging der Generalsekretär am 19. Februar des Jahres hin und verteilte innerhalb des großen Imperiums zwei Territorien neu: Die am Schwarzen Meer gelegene Halbinsel Krim gliederte er der Ukraine an, im Umkehrschluss erhielt Russland Belgorod. Der mächtige Mann war Nikita Chruschtschow, geboren zwar im russischen Kalinowka, aufgewachsen und sozialisiert aber in der Ukraine.

Annektiert durch Katharina, die Große

Das Problem war nur: Mit der Ukraine hatte die Krim außer ihrer geographischen Nähe nie etwas zu tun - nur über alte Legenden lässt sich eine Konstruktion herleiten, dass die Krim einstmals das Kerngebiet für die im Mittelalter entstandene Ukraine war.

Seit 1783 gehörte die Krim zu Russland, als während der Herrschaft von Zarin Katharina II. die Halbinsel annektiert wurde. Schon in den Jahrzehnten davor hatte sich der russische Einfluss nach verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich sukzessive erhöht, obwohl die Halbinsel noch eindeutig osmanisch war. Nach der endgültigen Annexion 1783 blieb die Krim 171 Jahre lang russisch - bis Chruschtschow seine Entscheidung traf. Nach der vorherrschenden Meinung war die Geste eine Art Geschenk zum 300. Jahrestag des Vertrages von Perejaslaw - 1654 legten die ukrainischen Kosaken einen Treueeid auf den Zaren ab.

Inspiration für Puschkin, Tolstoj und Tschechow

Im Falle von Ossetien und vor allem der Krim zu sagen, Russland trauere der Sowjetunion und dem sowjetischen Machtgefühl hinterher, ist wohl nicht von der Hand zu weisen - trifft aber nicht den ganzen Teil der Problematik. Vielmehr trauert auch die Volksseele einem Teil Russlands hinterher.

Die Krim, das ist für sie die Heimstätte vieler Landsleute, die dort immerhin einen Bevölkerungsanteil von 60 Prozent ausmachen. Die Krim, die grüne Insel, das war auch immer ein Platz der russischen Künstler, Puschkin, Tolstoj und Tschechow reisten und lebten dort. Die Krim, das ist Russland.

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