Von Sonja Zekri, Moskau

Seit 18 Jahren regiert Jurij Luschkow in Moskau und in dieser Zeit wurde seine Frau zur Milliardärin. Nun berichtet das Fernsehen über Korruptionsvorwürfe - Luschkow wird zum Spielball im Machtkampf zwischen Präsident Medwedjew und Premier Putin.

Moskau ist eine europäische Metropole: schnell, grell, jung, offen. Moskaus Bürgermeister ist das alles nicht. Jurij Luschkow herrscht seit 1992 über Russlands Hauptstadt. Im nächsten Jahr könnte er sich zum fünften Mal im Amt bestätigen lassen.

Zunehmend Kritik an Moskaus Bürgermeister Luschkow Bild vergrößern

Sie sind nicht die engsten Freunde: Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow (rechts) und Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew. (© dpa)

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Wenn es dazu nicht käme, wenn er, wie viele in der am heißesten diskutierten Personalie der Saison spekulieren, bald schon abgesetzt wird, wäre dies nach Ansicht seiner Gegner für die ächzende Megapolis eine Erlösung.

Dass Jurij Luschkow, 73, studierter Öl- und Gas-Experte, Homosexuelle mit Satanisten verglichen hat, Schwulenparaden auseinander treiben und Bürgerrechtsproteste niederknüppeln lässt, empört eher eine Minderheit. Dass er zu grotesken Experimenten neigt, die Flüsse Sibiriens zur Bewässerung der Steppe umleiten und den Schnee mit Hilfe von Flugzeugen vor den Toren der Hauptstadt niedergehen lassen will - alles Marotten. Aber als er im August nicht aus dem Urlaub in Österreich zurückkehrte, obwohl seine Stadt an Hitze und Smog schier zugrunde ging und sich nach der Rückkehr nur um seine Bienenzucht sorgte, nahmen ihm viele übel.

Überhaupt: Der Honig. Luschkow ist leidenschaftlicher Hobbyimker. Unlängst wies er zur Förderung eines stadteigenen Agrarunternehmens mit Honigproduktion 6,5 Millionen Euro an, für Moskaus Behinderte aber nur 2,5 Millionen Euro. Solche Vergleiche gehören zu einer beispiellosen Anti-Luschkow-Polemik mit dem Titel "Die Schirmmützen-Affäre", mit der der staatlich kontrollierte Sender NTW Luschkow derzeit frontal attackiert.

Luschkows Ehefrau ist die reichste Russin

Der Kernvorwurf dreht sich um die lukrative Komplizenschaft des Bürgermeisters mit der Bauunternehmerin Julia Baturina, die Luschkow nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet hat. Aus erster und zweiter Ehe hat er insgesamt vier Kinder und dank Baturina, die ihm mit ihrer Schneemannfigur und dem runden Gesicht auf frappierende Weise ähnlich sieht, zudem ein Vermögen. Der Stadtvater, so die Kritik, habe seiner Frau Aufträge zugeschoben, sodass Baturina laut Forbes mit 2,2 Milliarden Dollar zur reichsten Frau Russlands aufstieg, die Stadt jedoch litt.

Die Straßen sind verstopft, die Verkehrsführung grotesk. Ein Kilometer des neuen vierten Autobahnringes, so rechneten Kritiker vor, sei teurer als derselbe Abschnitt im Teilchenbeschleuniger in Genf. Luschkow, der als prozessfreudig und vor gelenkten Gerichten als notorisch erfolgreich gilt, will nun gegen NTW klagen. Wieso aber ist er überhaupt ins Visier geraten, wo doch alles längst bekannt ist? Und wer orchestriert die Attacken?

Für Wladimir Putin organisiert Luschkow in Moskau die Mehrheiten der Kreml-Partei "Einiges Russland". Viele vermuten das Präsidialamt hinter den Angriffen. Dmitrij Medwedjew hätte in den Regionen gerne junge Technokraten. Um Luschkow abzusetzen, fehle dem Präsidenten aber die Macht, heißt es, um über ihn in freien Wahlen urteilen zu lassen, der demokratische Wille. So entschied sich der Kreml fürs Fernsehen - und Luschkow bleibt noch im Niedergang ein Symbol für ein fossiliertes politisches System.

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(SZ vom 14.09.2010)