Ruhrgebiet Mythos und Malocher

Das Schwere hat die Menschen rund um den Dortmunder Borsigplatz geprägt - in der Industrie und im Leben. Nur der Fußballverein kommt manchmal zu einer Siegesfeier vorbei.

Von Bernd Dörries, Dortmund

Als Annette Kritzler vor fast zwanzig Jahren nach Dortmund zog und das erste Mal zum Metzger am Borsigplatz ging, da wurde dem Neuankömmling erst einmal die entscheidende Frage gestellt. "Na, wie haben wir denn am Wochenende gespielt", fragte die Metzgerin. Annette Kritzler wusste es nicht und schaute zu Boden. "Hör ma", sagte die Chefin Frau Schlinger, "hier am Borsigplatz lebt und stirbt man mit dem BVB". Das war eine Auskunft und irgendwie auch eine Anweisung.

Seitdem lebt und stirbt Annette Kritzler auch mit dem BVB. Sie lebt in der Nähe des Borsigplatzes und organisiert Führungen durch die Dortmunder Nordstadt und den Borsigplatz. Die Metzgerei von damals gibt es nicht mehr, ein Laden für Sonnenmarkisen ist eingezogen, als ob die Dortmunder Nordstadt sich auf der Sonnenseite des Lebens befinden würde. Der Laden sieht nicht so aus, als liefe er besonders gut. Nur die Kacheln und ein alter Aufkleber der Innung erinnern noch daran, dass hier mal eine Fleischerei war. Dem riesigen Aufkleber fehlt eine Ecke des Schriftzuges, so steht da nur noch: "Kontrollierte Qual". So könnte man die Saison des BVB auch bezeichnen, die aber nun noch ein ganz versöhnliches Ende nehmen kann. Mit dem Pokalsieg am Samstag.

"Hör ma, hier lebt und stirbt man mit dem BVB"

In anderen Städten halten die Fußballer die Schalen und Pokale, die sie gewonnen haben, auf dem Balkon des Rathauses in die Höhe. Das Rathaus in Dortmund hat keinen Balkon. In München und anderswo feiern die Fans meist in den sogenannten guten Stuben der Stadt, wo es aussieht wie auf den Postkarten. Was für München der Marienplatz ist, das ist für Dortmund der Borsigplatz, der von der Mannschaft umrundet wird, wenn es etwas zu feiern gibt.

Eltern kann man sich nicht aussuchen. Und für viele Jahre schien es so zu sein, als wäre der Verein nicht unbedingt sehr stolz darauf, am Borsigplatz geboren zu sein, im Obergeschoss der Gaststätte Wildschütz. Ende der Neunziger ließ man glänzende Börsenprospekte drucken, doch am Borsigplatz ist die Realität etwas schmutziger und rauer als im Prospekt. Vor allem, wenn der BVB gerade mal nicht zu einer Siegesfeier vorbeikommt. Man kennt sie hier gut, die Niederlagen des Lebens. Der Dortmunder Norden, das war lange vor allem Stahl. Schwerindustrie, das heißt auch, dass man es nicht immer leicht hatte.

Der Ball ist rund, der Borsigplatz auch: Im Nordosten Dortmunds dreht sich alles um den BVB, der ganz in der Nähe gegründet wurde.

(Foto: Victoria Bonn-Meuser/dpa)

Heute steht so manches leer rund um den Platz. Der Stadtteil ist das größte zusammenhängende Gründerzeitviertel in ganz Nordrhein-Westfalen. Und es ist auch eines der schwierigsten Quartiere im Land. Eines, in dem die Probleme so groß sind wie der Charme. Die Zuwanderer aus dem Osten Europas hausen in verfallenden Gebäuden. Es gibt so viel Dreck, dass 30 Langzeitarbeitslose in einem Beschäftigungsprogramm den Borsigplatz mehrmals am Tag säubern.

Albert Borsig, das war der Leiter der Borsigwerke, die wiederum ganz in der Nähe die Maschinenfabrik Deutschland gründeten, die dann später von Hoesch geschluckt wurde, die ziemlich viel schluckten, die dann den ganzen Dortmunder Norden beherrschten, bis sie selbst von Krupp übernommen wurden. Hoeschland war das Viertel rund um den Platz, die Westfalenhütte nur ein paar Hundert Meter entfernt. Man arbeitete bei Kalla Hoesch, einem Mann, der in den Chroniken des Unternehmens nicht vorkommt, der aber bis heute in den Köpfen der Leute ist, nach dem ein Büdchen nicht unweit des Platzes benannt wurde. Die Legende um Kalla geht so: Eberhard Hoesch war Anfang des 19. Jahrhunderts in England, um heimlich zu spionieren, wie die Kocher dort den Stahl gewannen. Einmal soll er fast erwischt worden sein und sich im Konverter versteckt haben, jenem Teil eines Stahlwerkes, in dem es besonders heiß ist. "Der Eberhard ist ein ganzer Kerl", hieß es bei der Rückkehr. Aus dem Kerl wurde Karl und schließlich Kalla.

Hoesch und Borussia, das war leben und sterben am Borsigplatz. Die Arbeiter lebten zu acht in Zweizimmerwohnungen. Es gab die Vollkostgänger, die bei voller Verpflegung in einem kleinen Zimmer wohnten, und es gab die Vollvoll-Kostgänger, bei denen neben dem Essen auch noch die Vermieterin irgendwie dabei war im Paket. Der Platz war damals voller Kneipen und Kinos, die verschwanden, als es mit Kohle und Stahl bergab ging.

Auch Borussia musste gehen, die Nazis enteigneten das Stadion Weiße Wiese und schickten die Borussia in den Süden, sie verfrachteten den Arbeiterverein in ein ziemlich bürgerliches Viertel. Auch, weil die Hoeschianer schon immer als besonders widerspenstig und politisch aktiv galten. Da wollten die Nazis wenigstens die Komponente Fußball weghaben. Es war der Beginn einer schleichenden Entfremdung der Borussia von ihrer Geburtsstätte. Erst in den vergangenen Jahren fanden beide wieder zusammen. Der Verein ist nach Hause zurückgekehrt, in diesen Tagen läuft in vielen Kinos der Dokumentarfilm "Am Borsigplatz geboren".

Das ganze Viertel hofft natürlich, vom Ruhm des BVB zu profitieren. Aber auch umgekehrt hat der Verein erkannt, dass es ganz schön sein kann, wenn man einen schönen Gründungsmythos hat, der noch vom Malochertum erzählt, in Zeiten, in denen es sonst vor allem ums Geld geht. Es gibt BVB-Gottesdienste in der Dreifaltigkeitskirche, deren Jünglinge einst den Verein gegründet haben, es gibt eine kleine Ausstellung über die Wurzeln des Vereins. Viel mehr aber auch nicht. Man könnte aus der Gaststätte, wo alles begann, eine Wallfahrtsstätte machen, bisher ist es nur die Currywurstbude Rot-Weiß, deren Farben sich doch erheblich von der Umgebung unterscheiden. Der Borsigplatz ist ganzjährig schwarz-gelb dekoriert. Nur ein Haus macht nicht so richtig mit, der alte Edeka steht seit Jahren leer und verfällt vor sich hin, er gehört einer Erbengemeinschaft Assauer. Was in Dortmund zu gewissen Spekulationen führt.