Rüstung Begehrte Ware aus Russland

Kann bis zu 36 Ziele in der Luft gleichzeitig erfassen und ist im internationalen Vergleich mit etwa zwei Milliarden Dollar noch eher günstig: Das russische S-400-Flugabwehrsystem.

(Foto: Reuters)

Das Flugabwehrsystem "S-400" wird weltweit geordert - auch von Nato-Ländern. Moskau jedenfalls freut sich über das Geschäft.

Von Frank Nienhuysen

Sie sind eindeutig zu schwer, als dass Kunden sie dem Hersteller aus der Hand reißen könnten. Aber die Nachfrage nach russischen Flugabwehrsystemen des Typs S-400 Triumph ist groß. So groß, dass sogar ein Konzernsprecher kokettierte: "Die Möglichkeiten der Produktion sind nicht grenzenlos." Ein halbes Jahr ist es her, dass Russlands Rüstungsunternehmen Rostec bekannt gab, es stelle jetzt S-400-Systeme für China her. China und Russland zelebrieren schon seit Jahren ihre militärpolitische Partnerschaft, in diesen Wochen aber folgten zwei weitere Aufträge mit großer politischer Reichweite: Zuerst bestätigten Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan einen Kaufvertrag für S-400-Systeme, dann besiegelte Putin Ende vergangener Woche in Moskau auch mit dem saudi-arabischen König Salman einen solchen Rüstungsdeal.

Heiß begehrte Ware Made in Russia, so oft kommt das sonst ja nicht vor. Aber bei Russlands neuestem Flugabwehrsystem stehen nach Aussage des Präsidentenberaters Wladimir Koschin die Staaten "regelrecht Schlange". Es gehe um Länder aus Südostasien, dem Nahen Osten und "einige andere Staaten". Im vergangenen Jahr hatte bereits das aufrüstende Indien S-400 bei Russland bestellt. Warum aber halten es China, Indien, die Türkei - und Russland sowieso - für derart großartig?

Das Nato-Land Türkei zeigt mit dem geplanten Kauf des russischen Flugabwehrsystems demonstrativ, dass es auf westliche, konkret: amerikanische Rüstungshilfe nicht länger angewiesen sein will. Dieser politische Trotz hat andererseits nur Sinn, wenn aus militärischer Sicht die Ware stimmt. Das modernisierte mobile S-400-System - eigentlich eine ganze Gruppe von Abschussvorrichtungen - gilt als sehr effizient, weil es gleichzeitig die unterschiedlichsten Luftziele erfassen und automatisch bekämpfen kann: Kampfjets, hochfliegende Aufklärungsflugzeuge wie Awacs, ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen, sogar Tarnkappenbomber. Bis zu 36 Ziele erfasst es parallel, bei einer Reichweite von etwa 400 Kilometern und einer Höhe von 27 Kilometern. Das Königreich Saudi-Arabien also wäre damit in der Lage, sich gegen den großen Rivalen Iran zu wappnen.

"Dieses System hat seine Überlegenheit gegenüber allen anderen bewiesen, es ist sicher das beste Luftabwehrsystem, das es derzeit gibt", sagt Dmitrij Schugajew, der Leiter des russischen Dienstes für militärisch-technische Zusammenarbeit. Etwas weniger überschwänglich erklärt der ehemalige Oberst Wolfgang Richter, Rüstungsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, das russische Flugabwehrsystem immerhin "zu den Spitzenprodukten auf dem internationalen Markt. Es ist ein Projekt, mit dem die Türkei ihre Fähigkeit zur Luftabwehr erheblich verbessert." Es sei "sicher besser als das amerikanische Patriot-System, das Deutschland hat", sagt Richter. "Und kostengünstig scheint es auch zu sein." Geschätzt mehr als zwei Milliarden Dollar.

Für Russland sind die jüngsten Großaufträge wichtig, weil sie seinen Ruf als zweitgrößte Rüstungsexport-Nation festigen, die Militärindustrie gehört zu den größten Wirtschaftszweigen des Landes. Vor allem der Abschluss mit der Türkei ist besonders geeignet, Moskaus Sehnsucht nach strategischem Gewicht zu befriedigen, denn er bedeutet die erste Lieferung Russlands an ein Nato-Land. Die US-Regierung hat sich denn auch nicht sonderlich begeistert gezeigt, als Erdoğan und Putin die Unterzeichnung eines Kaufvertrags bestätigten. Allerdings hat auch das Nato-Mitglied Griechenland einmal S-300-Raketen von Russland gekauft, deutlich geräuschloser jedoch als nun die Türkei.

Es kann aber noch Jahre dauern, bis Ankara das Abwehrsystem erhält. Und inwiefern es sich integrieren lässt in die Strukturen der Nato, ist noch eine andere Frage. Schon dieser Tage gab es ersten Streit zwischen Russland und der Türkei. Ankara drohte, den Kauf des Abwehrsystems zu stornieren, wenn beide Länder es nicht auch gemeinsam produzieren würden. Am Montag dementierte der Kreml: Die Expertengespräche würden fortgesetzt. Offenbar kann die Türkei auf S-400 so einfach nicht verzichten.