Rote-Armee-Fraktion Bittere Staatsräson im Deutschen Herbst

Gezeichnet: Kanzler Helmut Schmidt zwischen Hanns-Eberhard und dessen Mutter Waltrude Schleyer bei der Trauerfeier im Herbst 1977.

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Der Kampf gegen den RAF-Terror kostete die Republik vor 40 Jahren einen hohen Preis. Viele Akteure verfolgt das Geschehene bis heute.

Von Tanjev Schultz

Das Erschreckende am Terrorismus ist nicht nur seine eigene Brutalität. Oft verführt er auch seine Opfer und Gegner zu unverhältnismäßigen Reaktionen, bis hin zur Barbarei. Guantanamo und die CIA-Folter sind Beispiele dafür.

Die Erosion von Freiheitsrechten und Rechtsstaatlichkeit geschieht manchmal schleichend. Dann wird Schritt für Schritt der Datenschutz aufgeweicht, und "Gefährder" sollen, obwohl keiner Tat überführt, auf unbegrenzte Zeit weggesperrt werden. Ein vermeintlich starker Staat macht die Bürgerrechte klein.

Es ist lehrreich, frühere Fälle zu studieren, in denen Terroristen den Staat herausforderten. In diesem Jahr jährt sich zum 40. Mal der Deutsche Herbst: 1977 trieb die Rote-Armee-Fraktion (RAF) die Bundesrepublik in einen dramatischen Kampf. Daran zu erinnern, ist mehr als nur eine zeithistorische Pflichtübung.

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Die Geschichte der RAF, das zeigen Neuerscheinungen zum Thema, ist noch immer brisant und bedrückend. Im Zentrum immer die Frage: Wie weit muss, wie weit darf der Staat im Kampf gegen den Terror gehen?

Butz Peters führt in einer lesenswerten Monografie die Gedankenspiele auf, die der Krisenstab anstellte, als die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer als Geisel hielt. Bundeskanzler Helmut Schmidt bat seine Berater auch um unkonventionelle Vorschläge.

Dazu gehörten die Einführung der Todesstrafe für Terroristen und Drohungen gegen deren Familien. Hans-Jochen Vogel, damals Justizminister, wies solche Überlegungen zurück und rief zur verfassungsmäßigen Ordnung. Der Staat durfte das Recht nicht suspendieren.

Wie Schmidt trug indes auch Vogel die Linie mit, Stärke zu zeigen und unnachgiebig zu bleiben gegen die Forderungen der RAF, die ihre in Stammheim inhaftierten Mitglieder freipressen wollte. Die GSG 9 erstürmte in Mogadischu die entführte Lufthansa-Maschine Landshut und befreite die Passagiere.

Frühere RAF-Mitglieder schweigen beharrlich

Die Stammheim-Häftlinge begingen Suizid, und die Terroristen ermordeten Hanns Martin Schleyer. Bei einem Staatsakt saß Helmut Schmidt neben Schleyers Witwe, die Hand im nicht endenden Entsetzen vor den Mund gelegt oder die Nasenwurzel greifend - ein Bild, das noch heute jeden ergreift, der ein Herz hat.

Peters erzählt ebenso sachlich wie eindringlich die Geschichte des Terrorjahres 1977. Er zeigt, wie die Lage vom Frühling bis in den Herbst eskalierte, sodass viele die Bundesrepublik in einem Ausnahmezustand wähnten, der besondere Mittel und besondere Härte verlangte. Im Bonner Regierungsviertel sah es zeitweise aus wie in einem Krieg. Gepanzerte Fahrzeuge blockierten die Straßen, Politiker verbargen sich hinter Sandsäcken und Stacheldraht.

Die "Ouvertüre" des Deutschen Herbsts, wie Peters es nennt, begann im Frühjahr, am Gründonnerstag. Die RAF ermordete Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter, und mit einem Schlag beherrschten die linken Terroristen die Agenda des Landes.

Das Buch hält sich zurück mit zugespitzten Thesen oder Theorien, es widersteht der Versuchung, den dramatischen Stoff zusätzlich zu dramatisieren. Es vertraut auf gesicherte Fakten und die vielen Gerichtsentscheidungen zum Thema. Kühl begegnet der Autor den Legenden und Verschwörungstheorien, die unter anderem zu den Haftbedingungen und den Selbstmorden der RAF-Mitglieder kursieren.

Peters, Rechtsanwalt und Publizist, hat schon mehrere Bücher über die RAF geschrieben, das neue nimmt Erkenntnisse und Entwicklungen der vergangenen Jahre auf, beispielsweise den Prozess um die Ex-Terroristin Verena Becker. Die RAF-Geschichte ist mittlerweile schon recht gut ausgeleuchtet, dennoch liegt manches weiterhin im Dunkeln. Die Wahrheitssuche war und bleibt schwierig.

Anne Ameri-Siemens: Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer. Rowohlt-Verlag Berlin 2017, 320 Seiten, 19,95 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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Frühere RAF-Mitglieder, die etwas wissen und sagen könnten, schweigen beharrlich oder reden, wie Peter-Jürgen Boock, mit zweifelhafter Glaubwürdigkeit. Boock selbst fasste die Situation einmal so zusammen: "Wir waren es, die von unseren Eltern Auskunft gefordert hatten über die NS-Zeit. Mir ist aufgefallen, dass wir mit unserer verkorksten Geschichte dasselbe machen, nämlich nichts sagen oder etwas Falsches sagen."

Es sind solche Zitate und Passagen, die dem Leser immer wieder die Verstiegenheit und die Jämmerlichkeit der RAF vor Augen führen. Zugleich hütet sich Peters vor zu einfachen Urteilen und Verurteilungen. Er nennt das Auskunftsverweigerungsrecht, das den Ex-Terroristen ihr Schweigen ermöglicht, einen "Segen des Rechtsstaats". Diesen Rechtsstaat wollten die Terroristen beseitigen - und dennoch oder gerade deshalb muss er ihnen nun die Rechte gewähren, die ihn auszeichnen.