Ein Kommentar von Heribert Prantl

Persönliche Abstoßreaktionen verhindern derzeit Rot, Rot und Grün. Doch auf Dauer können Personen nicht gegen gesellschaftliche Tendenzen agieren.

Manche Menschen können sich nicht ausstehen. Das ist eine alltägliche Erfahrung, aber nur selten eine Nachricht im Radio. Im Arbeitsleben kommt es ziemlich häufig vor, dass "die Chemie nicht stimmt" zwischen diversen Leuten. Das hat unangenehme Auswirkungen auf das Betriebsklima, das führt zu irrationalen, zu falschen, bisweilen auch zu fatalen Entscheidungen - und nicht selten zum Arbeitsgericht. An diesem Ort der Justiz werden vor allem die Unverträglichkeiten verhandelt, die sich in den unteren Etagen der Arbeitswelt abspielen.

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Zoff im linken Lager (Bildausschnitt einer Demo in Sindelfingen) (© Foto: dpa (Archiv))

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In der Politik, die eine besondere und von der Öffentlichkeit sehr beobachtete Form des Arbeitslebens ist, sind solche Unverträglichkeiten Top-Nachrichten. Sie werden in sogenannten Sondierungsgesprächen und auf Parteitagen offen oder versteckt verhandelt. Es kann, wie derzeit in Thüringen und im Saarland zu studieren, über Koalitionen entscheiden, ob führende Menschen verschiedener Parteien miteinander "können".

In Thüringen können Christoph Matschie, der Chef der dort besonders kleinen SPD, und Bodo Ramelow, der Chef der dort besonders großen Linkspartei, absolut nicht miteinander. Daran scheitert in Thüringen eine rot-rot-grüne Koalition. Die Chemie also bringt den umtriebigen Ramelow in die Opposition und den etwas verdrucksten Matschie in innerparteiliche Schwierigkeiten.

Im Saarland ist es ähnlich: Dort ist Oskar Lafontaine ein rotes Tuch für Hubert Ulrich, den Vorsitzenden der Grünen; Lafontaine hat viel dafür getan, dass es so ist. Zwischen den Grünen und den Lafontaine-Linken im Saarland gibt es zwar inhaltliche Gemeinsamkeiten, aber noch mehr persönliche Animositäten und Verletzungen; eine Rolle spielen auch Parteiübertritte. Die Beziehungen dieser Parteien im Saarland sind Scheidungs- und Rosenkriegen ziemlich ähnlich. Um diese zu besänftigen braucht es einen guten Mediator, guten Willen und sehr viel Zeit. All das stand den saarländischen Vor-Koalitionsgesprächen nicht zu Gebote.

Überhaupt Lafontaine: Ohne das Zerwürfnis, ja den Hass, der sich zwischen ihm und Gerhard Schröder entwickelt hat, sähe die jüngste Geschichte der Bundesrepublik anders aus. Dieses Zerwürfnis setzte eine explosive Energie frei, welche die SPD gespalten hat. Die Versuche Lafontaines, die destruktive wieder in konstruktive Energie und in rot-rot-grüne Bündnisse zu verwandeln, scheitern derzeit auch an den Wunden, die seine destruktive Energie geschlagen hat.

Es ist mehr als eine Ironie der Geschichte, dass zuerst tiefe persönliche Zerwürfnisse die SPD gespalten haben, und jetzt tiefe persönliche Zerwürfnisse rot-rot-grüne Bündnisse verhindern. Letztere Zerwürfnisse sind auch die Folge der Ersteren.

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