CDU: Rücktritt und Verlust Roland Koch, der Unvollendete

Gelassen und souverän: Roland Koch hat erkannt, dass er nicht mehr Macht bekommen wird, als er bisher hatte. In Berlin hängen die Trauben für den Hessen zu hoch. Also tritt der Christdemokrat ab, bevor er getreten wird.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Es gibt viele Menschen, die den skandalgestählten Roland Koch partout nicht mögen, weil sie ihn zwar für klug, aber auch für durchtrieben und unverfroren halten. Es gibt also viele, die sich über seinen Rücktritt freuen. Kein Unions-Politiker hat einen so maliziösen Ruf wie der hessische Ministerpräsident.

Gleichwohl: Roland Koch verkörpert einen Typus von Politiker, der unentbehrlich ist in der Volkspartei CDU - und wie es ihn in der Merkel-Union sonst nicht mehr gibt. Koch ist eine spannende Mischung aus einem Neoliberalen und einem Nationalkonservativen; dazu kommt ein Schuss gut kalkulierte Unberechenbarkeit, die er oft als Liberalität verkauft hat.

Jetzt hat sich diese kalkulierte Unberechenbarkeit wieder aktualisiert: Der Machtmensch Roland Koch zieht entschlossen und wohlpräpariert die Konsequenzen aus einer klaren Erkenntnis: Er hat erkannt, dass es mehr politische Macht als jetzt für ihn nicht mehr geben wird. Sein Zenit ist überschritten.

Kochs Hausmacht in Hessen bröckelt und bröselt, eine weitere Landtagswahl wird er kaum mehr gewinnen. Sein Ergebnis in der jüngsten Landtagswahl war desaströs genug - und nur die Dummheit der SPD-Konkurrentin Andrea Ypsilanti hat ihn gerettet. Koch ist schlau genug, um nicht damit zu rechnen, dass die SPD solche Dummheit wiederholt. Hessen hat ihm also politisch nichts mehr zu bieten, und in Berlin hängen die Trauben für ihn zu hoch.

Koch kann nicht darauf bauen, dass er nach Angela Merkel zum Kanzlerkandidaten der Union ausgerufen wird. Also tritt er ab, bevor er getreten wird. Das verdient Respekt, weil kaum ein anderer Politiker diese Souveränität hat. Koch entscheidet selbst über seine Zukunft, in der er sich wohl als Anwalt und Notar um die Wirtschaft verdient machen wird. Und er ist erfahren, selbstbewusst und selbstsicher genug, um auch da zu reüssieren.

Koch macht nicht den Stoiber

Koch geht nicht im Zorn aus der Politik, wie dies Friedrich Merz tat. Er wirft nicht die Brocken hin, weil er, wie einst der CDU-Finanzpolitiker, den Machtkampf mit Merkel verloren hätte. Koch hat einen solchen Machtkampf gar nicht geführt, weil er zu vernünftig ist, um aussichtslose Kämpfe zu beginnen. Er hat sich mit Angela Merkel nur kleine bis mittlere Scharmützel geliefert, die seinen Ruf als eigenständiger Kopf eher gestärkt, denn angekratzt haben. Koch macht auch nicht den zaudernden Stoiber, der mit Wankel- und Wackelmut seinen politischen Niedergang eingeleitet hat.

Koch verlässt die politische Bühne gelöst und souverän. Dass er in die CDU eine Lücke reißt, in der nun nur noch Leute wie der Stuttgarter Ministerpräsident Stefan Mappus stehen und eine bescheidene Figur abgeben, dürfte Roland Koch insgeheim durchaus befriedigen. Die Bundeskanzlerin und Parteivorsitzende war in die Rücktrittspläne eingeweiht. Sie ist den stärksten innerparteilichen Widerpart los; aber auch Angela Merkel ist zu klug, um sich darüber freuen zu können. Koch ist für die CDU kostbar und derzeit fast unersetzlich.

Es fehlt nun ein Magnet für die wirtschaftsliberale Klientel und ein Anker für die rechtskonservative Wählerschaft. Und in Hessen schwimmen die Felle für die CDU davon: Kochs Feststellung, die Partei dort sei auf seinen Ausstieg wohlvorbereitet, stimmt nicht. Die potentiellen Nachfolger sind älter als er, und ihre politische Potenz ist bescheiden. Die hessische CDU wird verkrautern. Das sind keine guten Aussichten für eine ohnehin höchst beunruhigte Bundespartei.

Wenn nun Roland Koch geht, dann geht einer, der zwar mit 52 Jahren noch relativ jung ist, aber irgendwie schon immer da war. Von den aktiven Unionspolitikern ist er nach dem zwölf Jahre älteren Wolfgang Schäuble der mit der größten politischen Erfahrung. Die CDU verliert konservative Intelligenz, Kampfkraft und einen Teil ihrer inneren Einheit und ihres inneren Halts. Roland Koch hat eine politische Erfahrung gesammelt, für die andere 70 werden müssen. In Hessen war er ein Politiker wie einst sein Vorbild Helmut Kohl in Rheinland-Pfalz, mit 41 wurde er Ministerpräsident. Aber im Gegensatz zu Kohl blieb er im Lande und schaffte den großen Sprung in die Hauptstadt nicht.

Als Merkel in die Politik ging, war Koch schon ein gemachter Mann

Koch ist vier Jahre jünger als Angela Merkel, aber politisch ist er bedeutend älter. Verglichen mit Koch ist sie in der Partei der Rhododendron - schön blühend, aber flach wurzelnd; Koch ist die Kiefer - robust und tief wurzelnd. Als Angela Merkel die ersten kleinen und vorsichtigen Schritte in der CDU machte, war Koch dort schon ein gemachter Mann, Chef der Landtagsfraktion der hessischen CDU, eines der Großtalente seiner Partei, einer im Aufzug nach ganz oben.

Schon mit 14 Jahren, als kleiner "Rolli", hatte er sich in diesen Aufzug gedrängt, einen Ortsverband der Jungen Union gegründet und alle Knöpfe nach oben gedrückt. Die alten konservativen Herren der Hessen-CDU, die sich am Küchentisch des Vaters, einer CDU-Eminenz, trafen, ließen ihn mit Wohlwollen gewähren. Er galt ihnen als Wunderkind, der über die Linken so herziehen konnte wie sie selber. Er hat die Erwartungen der konservativen Hessen-CDU reichlich erfüllt, aber nicht seine eigenen. Roland Koch blieb ein Unvollendeter. Das weiß er. Deswegen tritt er von der Bühne ab.

Nur ein hessischer Hardliner - oder "ein ganz Großer"?

mehr...