Rheinland-Pfalz Chinatown im Nahetal

Wirtschaftswunder in der Provinz: 156 chinesische Kleinunternehmer haben eine ehemalige US-Kaserne bezogen. Sie machen zugleich Werbung für deutsche Produkte.

Von Susanne Höll, Hoppstädten-Weiersbach

Um den Ruf chinesischer Investoren ist es in Rheinland-Pfalz nicht zum Allerbesten bestellt. Schließlich hat die Landesregierung in Mainz gerade eine Blamage mit einem womöglich betrügerischen Käufer aus China für den Flughafen Hahn erlebt. Hundert Kilometer südöstlich der Landeshauptstadt, in Birkenfeld, kann man über solche Vorbehalte nur lachen. Kein Wunder. In der guten Luft des Nationalparks Hunsrück-Hochwald ist eine in Deutschland einzigartige chinesische Business-Enklave entstanden, die frischen Wind in den wirtschaftlich wahrlich nicht begünstigten Landkreis bringt.

Wer im 3200-Einwohner-Örtchen Hoppstädten-Weiersbach unweit von Birkenfeld ein pittoreskes Chinatown erwartet, wird enttäuscht. Der ehemalige Wohnkomplex der US-Armee mutet an wie eine gepflegte deutsche Mietshaussiedlung aus den Sechzigerjahren: zwei- und dreistöckige Siedlungshäuser, in denen früher GIs mit ihren Familien wohnten, ein paar Einfamilienheime, die den Offizieren vorbehalten waren. Wären da nicht die bunten Lampions an einigen Balkonen und die mandeläugigen Kinder, die auf den ruhigen Sträßchen Fangen spielen, würde man nicht glauben, dass hinter jeder der 155 Wohnungstüren Chinesen leben.

Jane Hou, eine chinesische Import-Export-Unternehmerin, kam 2011 auf die Idee des "Eichengartens", wie die Siedlung nun heißt. Die Gebäude standen leer, sie übernahm den Komplex, renovierte und verkaufte die Wohnungen an Landsleute, die, wie sie selbst, mit Ein- und Ausfuhren Geschäfte machen. 156 Kleinunternehmer sind es inzwischen, sie vermarkten chinesische Produkte in Deutschland und umgekehrt.

Etliche sind mit der ganzen Familie gekommen, die Kleinen lernen Deutsch, gehen in die Kita von Hoppstädten-Weiersbach. Die Eltern engagieren sich mittlerweile in den örtlichen Vereinen im Nahetal und feiern mit den Einheimischen jedes Jahr ein chinesisches Kulturfest, genießen die frische Luft und die schöne Natur und gehen ihren Geschäften nach. Die Kommunalpolitiker wiederum sind froh und dankbar, dass die Chinesen da sind.

"Man mag es nicht glauben, aber Birkenfeld ist in China ein Begriff", sagt Landrat Matthias Schneider durchaus mit Stolz. Er und seine Leute machen in China kräftig Werbung für das Projekt, schließlich ist man im Überlebenskampf. Der Landkreis mit seinen noch 80 000 Einwohnern kämpft mit dem Strukturwandel. Im Kalten Krieg sorgten die US-Soldaten für Wohlstand, diese Zeiten sind passé. In ganz Rheinland-Pfalz gingen mit dem Abzug der Amerikaner 100 000 militärische und zivile Arbeitsplätze verloren. Auch im Kreis Birkenfeld verloren Leute ihre Jobs. Gut bezahlte Arbeit ist selten geworden, die Jungen suchen ihr Glück mittlerweile gleich woanders. "Wir müssen uns verändern im Landkreis, um auch noch in dreißig Jahren zu existieren", beschreibt der Landrat die Lage.

Viele Betriebe aus Rheinland-Pfalz exportieren nun vermehrt nach China - etwa Nahe-Wein

Und die chinesischen Geschäftsleute helfen dabei, sind eine Art Innovationsmotor für den landschaftlich äußerst reizvollen, aber ökonomisch wackeligen Kreis. Zwar haben die Neuankömmlinge bislang nur wenige direkte neue Arbeitsplätze geschaffen; ihre Geschäfte wickeln sie weitgehend allein ab. Aber der Kreis profitiere durchaus, sagt der Chef der Wirtschaftsförderungsabteilung, Michael Dietz. Zusätzliche Steuereinnahmen in siebenstelliger Höhe sind in der Region höchst willkommen. Die Chinesen kaufen und verkaufen bundesweit. Aber auch mittelständische Unternehmer des Kreises, von denen einige nie im Leben an Geschäfte mit Asien gedacht hätten, verkauften ihre Waren nun plötzlich nach Fernost. Nicht nur technische Gerätschaften wie etwa Schleif- Apparaturen aus der Edelstein-Stadt Idar-Oberstein, sondern auch der Nahe-Riesling einer heimischen Winzerin. Produkte "Made in Germany" werden in China sehr geschätzt.

Dietz hat, wie er sagt, viel gelernt im Umgang mit chinesischen Geschäftsleuten, schätzt deren Unternehmergeist und ihre Initiative. Frau Hou hat, so erzählt es ihr Geschäftspartner Andreas Scholz, inzwischen elf Millionen Euro in den Eichengarten investiert. Dabei bleibt es nicht. Derzeit wird erweitert, neben den Wohnungen entsteht ein Handelszentrum, in denen europäische und chinesische Firmen ihre Waren ausstellen und Geschäfte abwickeln können. Drei Gebäude sind fast fertig, weitere 15 sollen folgen, dann wäre es ein 50-Millionen-Projekt.

Scholz ist dankbar für die Unterstützung des Kreises und der Gemeinde Hoppstädten-Weiersbach. Der Unternehmer und Wirtschaftsförderer Dietz sind gleichermaßen stolz darauf, dass der Eichengarten ohne einen Euro staatlicher Förderung zustande kam, das wohl einzige erfolgreiche Konversionsprojekt ohne Hilfe von Steuergeld.

Obwohl die chinesischen Geschäfte bestens laufen braucht der Kreis weitere wirtschaftliche Ideen für die Zukunft. Und vor allem den Flughafen Hahn, den chronisch defizitären Regionalairport, den ein zwielichtiger Unternehmer aus Shanghai im Sommer beinahe gekauft hätte. Dann allerdings stellte sich heraus, dass er weder die dafür notwendigen chinesischen Genehmigungen hatte noch eine vereinbarte Anzahlung leisten konnte. Nun wird ein neuer Käufer gesucht. Ob Hahn als Verkehrsflughafen erhalten werden kann, ist sehr ungewiss. Ende Oktober läuft die Frist für verbindliche Angebote aus, vielleicht steht vor Weihnachten fest, ob der Airport dichtmachen muss und in ein Gewerbeareal verwandelt wird.

Für Landrat Schneider wäre das eine Katastrophe. Die Zukunftschancen seines Kreises sieht er in einem solchen Fall schwinden: "Hahn muss ein Flughafen bleiben. Der Hunsrück mit der neuen Hochmoselbrücke und dem Airport ist ein Ballungsraum der Zukunft."