Revolutionen und ihre Katalysatoren Die Macht im Netz

Das Internet gibt dem arabischen Protest Kraft und Stimme - ein Garant für Freiheit und Demokratie ist es jedoch nicht. Der Zorn des Volkes wird vom realen Leben genährt.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Im Revolutionshandwerk gibt es ein paar simple Erfahrungen: Wer die Massen bewegen will, der muss sie mobilisieren. Und wer die Massen mobilisieren will, der muss sie ansprechen. Jesus predigte auf dem See Genezareth zur Menge am Ufer, ehe er weiter aufs Wasser hinausfuhr - vom Evangelisten Lukas in schöner Bildsprache beschrieben - zu einem "Fischzug". Martin Luther verbreitete seine Thesen auch deswegen so erfolgreich, weil er sich der gerade erfundenen Druckkunst bediente. Und im Kalten Krieg schaffte die CIA heimlich Xerox-Maschinen hinter den Eisernen Vorhang, damit die Dissidenten-Gruppen ihre Papiere vervielfältigen konnten.

Heute kommunizieren die Aufgebrachten über das Internet und bringen die Massen zu Tausenden auf die Straße - in Tunis, in Kairo, morgen vielleicht im Libanon. Die grünen Revolutionäre von Teheran twitterten und mailten; in Südkorea wurde 2008 eine Protestbewegung gegen amerikanisches Rindfleisch von Jugendlichen angeführt, die sich über die Fanseite einer Boygroup gefunden hatten. In Thailand mobilisierten die Rothemden per SMS und Mail; und wenn in Europa die Spaßbewegung nicht mehr weiter weiß, dann organisiert sie einen Flashmob - natürlich elektronisch.

In Kairo und in Tunis ist freilich keine Internet-Revolution zu beobachten oder gar ein durch Wikileaks angezettelter Umsturz, wie viele Enthusiasten schreiben. Das Medium ist zunächst nur Katalysator für eine Stimmung, es beschleunigt eine Bewegung. Der Zorn auf Staat und Herrschaft war bereits vorhanden, das Netz bietet der Revolution lediglich einen Resonanzkörper. Es brauchte den richtigen Auslöser - die Selbstverbrennung in Tunesien, die Verstümmelung eines unschuldigen Passanten durch prügelnde ägyptische Polizisten -, und schon hat die Bewegung ein Ziel. Es eint sie dieselbe Erfahrung von Unterdrückung und Unfreiheit.

Diese Mobilisierungsfunktion macht das Netz gleichwohl mächtig und wichtig. Derart gefährlich ist das Netz für sie, dass Potentaten es filtern, verlangsamen und abschalten lassen. In Nordkorea konfiszieren Soldaten bei der Einreise alle Mobiltelefone und stecken sie in Seidensäckchen, obwohl es im Land nicht mal ein wirklich funktionierendes Mobilfunknetz gibt. In China muss die Netzkontrolle zu einem Boomzweig der Staatswirtschaft herangewachsen sein - bis hin zu den deutlich bemerkbaren Versuchen, mit Hilfe gesteuerter Information und nationalistischer Propaganda eine Gegenbewegung zu den kritischen Bewohnern der Netzwelt aufzubauen. In Kairo haben sie Twitter abgestellt und später auch Facebook.

Ist das Netz also der neue Revolutions-Trommler, der Garant für Freiheit und Demokratie? Langsam, langsam: Was gegen Unterdrücker-Regime funktioniert, muss nicht zwangsläufig überall eine heilsame Wirkung entfalten. Wikileaks hat miese Tricks der US-Diplomaten bei den Vereinten Nationen ans Licht befördert, aber gleichzeitig Dissidenten in Ägypten und Tschetschenien in Lebensgefahr gebracht. Deswegen muss sich auch jede Bewegung im Netz prüfen lassen, wem sie nutzt?

Die Mobilisierung im Netz funktioniert auch deshalb so gut, weil sie klassische Hierarchien zerstört. Das ist im Fall arabischer Potentaten so lange gut, wie keine islamistischen Fundis an die Macht kommen, die anschließend das Netz ganz abstellen. Die UN-Enthüllungen bei Wikileaks waren richtig, der Generalangriff auf die klassische Diplomatie (die auch als hierarchischer Koloss der alten Schule wahrgenommen wird) hilft hingegen wenig. Vertraulichkeit und Vertrauen gehören oft zusammen.

In der als fortschrittsfeindlich gegeißelten arabischen Welt entfaltet das Netz derzeit eine ganz neue Dynamik: Es gibt den Modernisierern Kraft und Stimme. Und es belegt, wie viele von ihnen auf diese Chance gewartet haben.