Respektlose Wahlkämpfe Trump, Hofer und die Entfesselung des unverschämten Egos

Die Wahlkämpfe in Österreich und in den USA zeigen: Heute drängen Menschen in die Öffentlichkeit, für die Unverschämtheit eine intellektuelle Leistung ist.

Kolumne von Jagoda Marinic

"Die Beleidigung anderer, anderen gegenüber, das Runtermachen, das Schlechtmachen, das stört mich am allermeisten. Keine Achtung vor den anderen, das Niedrigste aus dem Volk, aus den Leuten herausholen. Nicht das Anständige, sondern das Niedrigste, und das war schon einmal der Fall."

Mit diesen Worten beginnt das Kurzvideo von Gertrude, einer 89-jährigen Holocaust-Überlebenden aus Österreich; sie sitzt an einem Holztisch und lässt die Zuschauer wissen, weshalb sie diesen Sonntag bei der Präsidentschaftswahl Alexander Van der Bellen wählen wird.

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Die Frau rührt Menschen weltweit zu Tränen. Politikverdrossene Österreicher teilen in Kommentaren mit, sie würden nun doch ihre Stimme abgeben. Für Gertrude ist es wohl ihre letzte Wahl, für uns ist es eine der letzten Gelegenheiten, Zeitzeugen dabei zu erleben, wie sie sich einmischen.

Doch einigen sind auch Opfer der Nationalsozialisten nicht heilig. Sie giften in Kommentaren, strafen die alte Dame Lügen. Gertrude, deren Video-Botschaft bald dreieinhalb Millionen Mal aufgerufen wurde, bedankt sich trotzdem vor allem für die freundlichen Rückmeldungen.

Gertrude kämpft um ihre Heimat. Die Heimat ist ihr schon einmal entrissen worden, allerdings nicht durch Einwanderung, sondern durch Nationalismus. Ich sehe in das Gesicht dieser alten Frau, höre ihr zu, wie sie sanft, aber bestimmt ihr Anliegen vorbringt, und ich weiß mit einem Mal: Heimat, das ist Höflichkeit. Gäbe es mehr Menschen wie Gertrude, die auf diese Weise für Heimat kämpfen, wären viele in dem Wort Heimat einfacher zu Hause.

Gertrude redet, wie meine Großmutter geredet hat. Auch meine Großmutter hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und in dieser Zeit ihre ersten, aber nicht ihre letzten Leichen gesehen. Es klingt dringlich, was sie sagt, es hat jedoch nichts Zwingendes. Solche Frauen wissen, was das Erzwingen über die Welt gebracht hat.

Sie hoffen auf den Verstand, hoffen auf die "Höflichkeit des Herzens", wie Goethe das nannte. Sie wollen nicht Teil der Gewalt sein, und setzen mit ihrer entschiedenen Sanftmut dieser Gewalt etwas entgegen. In heutigen Zeiten ist Erinnern Widerstand.

Man muss Bekanntschaft gemacht haben mit der Niedertracht, um sich richtig wehren zu können

Ich war stets voller Bewunderung für Menschen, deren Menschlichkeit durch erlebtes Leid nicht gebrochen, sondern gestärkt wurde. Diese Höflichkeit, trotz allem. Mag sein, dass Höflichkeit ein gestriger Wert ist, aber es ist einer, auf den wir schon viel zu lange verzichten, ohne uns gegen sein Verschwinden zur Wehr zu setzen. Stattdessen bahnen sich Menschen den Weg in die Öffentlichkeit, die Unverschämtheit für eine rhetorische Leistung halten. Unverschämtheit ist jedoch nichts weiter als ein aus den Fesseln geratenes Ego.

Diese Entfesselung des unverschämten Egos hat nicht in der Sphäre der Politik begonnen, sondern in der Fernsehwelt, genannt Unterhaltung. Die TV-Macher wollten raus aus den langweiligen Familiensendungen wie "Wetten, dass ..?" und erfanden stattdessen die Talentsuche, in der Spott über mangelndes Talent für mehr Quote sorgt als die Freude an Talent.

Dieter Bohlen ist das deutsche Aushängeschild dieses Gehabes. Der Erfolg gibt ihm recht, heißt es, wenn man das verbale Austeilen der Jury kritisiert. Eine weitere Variante dieses Spottens sind Fernseh-Teams, die sich über die Unwissenheit von Passanten in Einkaufspassagen belustigen.

Bei "Verstehen Sie Spaß?" konnte der Hinters-Licht-Geführte noch mitlachen. Humor ist, wenn man über jemanden lacht, ihm jedoch seine Würde lässt. Alles andere ist Häme. Donald Trumps Medienerfahrung verdankt sich einer Castingshow, in der Unhöflichkeit als Entscheidungskompetenz vermarktet wurde.

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Trump hat dieses Prinzip nicht als Erster in die Politik übertragen, er ist damit nur am erfolgreichsten. Das Richten über andere scheint das Prinzip der Erfolgreichen zu sein. Trumps Angriffe auf Hillary Clinton lebten von einer Überheblichkeit, die viele als Überlegenheit deuteten. Das hat mit Macht zu tun, damit, "verlachen" zu dürfen.

Gertrude nennt es: das Niederste aus dem Volk herausholen. Nach der Wahl von Trump ist die Zahl der Übergriffe auf Minderheiten wieder gewachsen. Wer unverschämt ist, wer dem anderen nichts schenkt, der hat's drauf, denken inzwischen viele und ahmen es nach. Es wird als Geheimnis des Erfolgs präsentiert.

Trump hat so seine Wahl gewonnen. Die Strategie vieler rechter Akteure in den unsozialen Medien lässt sich herunterbrechen auf Häme, persönlichen Angriff und hemmungslose Unhöflichkeit. Keinen Respekt zu haben, sich wie ein ebenbürtiger Gegner aufzuführen, ohne zu erklären, womit man sich diese Ebenbürtigkeit erarbeitet haben will, scheint in diesen Kontexten eine Leistung zu sein.

Lügen haben heute leider lange Beine

Wer sich Fernsehdebatten zwischen Norbert Hofer und Van der Bellen angesehen hat, der wurde Zeuge einer Taktik, die sich jedem halbwegs höflichen Menschen verbieten würde. Auch einem Zuschauer, der Höflichkeit als Wert noch im Bewusstsein hätte, wäre dies unerträglich. Hofer versuchte immer wieder, Van der Bellen gezielt zu verwirren, konstruierte Verbalmanöver, denen Van der Bellen kaum folgen konnte.

Dies konnte er deshalb nicht, weil man nähere Bekanntschaft gemacht haben muss mit Niedertracht. Mit dem Bedürfnis, andere bloßzustellen. Hofer suggerierte schamlos, der Höflichkeit könnte eine Form von Altersschwäche zugrunde liegen: Wenn Van der Bellen nicht Schritt halten kann mit Anfeindungen gegen ihn, so ist er eben nicht präsidial.

Es ist dieselbe Form der Hexenjagd, die Trump gegen Clinton betrieb, als sie am Memorial Day einen Schwächeanfall hatte. Lügen haben heute leider lange Beine. Es ist bekannt, dass die europäischen Rechten in Trump ihren großen Lehrmeister sehen.

Doch auch Gertrudes Video haben bald vier Millionen Menschen gesehen. Es gibt Hoffnung, dass die unsozialen Medien wieder sozial werden und die Höflichkeit des Herzens wieder ihren Platz findet. Eine Heimat eben. Auch in uns.

Jagoda Marinić, 39, ist Schriftstellerin und leitet das Interkulturelle Zentrum Heidelberg.

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