Reporter Bob Woodward im Interview "Der Irak-Krieg ein Leadership-Fehler"

SZ: Gibt es denn einen Unterschied zwischen dem Zeitungsreporter und dem Buchautor Bob Woodward?

Woodward: Ich denke, sie sind sehr miteinander verbunden. Ich habe nun 15 Bücher geschrieben. Die Post hat sie alle bis auf das erste in Auszügen gedruckt. Es geht immer darum herauszufinden, was wir nicht wissen. Und die Frage ist immer, warum etwas passiert ist. Das Buch ist nur die lange Version. Manchmal kann man beides tun. Als ich mit Obamas Sicherheitsberater sprach, konnte ich das auch für die Zeitung verwenden.

SZ: Gibt es für den Buchautor Bob Woodward noch Konkurrenz?

Woodward: Die tägliche Zeitung. Sie covern Obama die ganze Zeit. Dazu auch das Fernsehen. Oft lese ich Sachen in der Zeitung und denke, das hätte ich auch gerne gehabt.

SZ: Einer der wenigen anderen mit Watergate befassten Reporter war Seymour Hersh von der New York Times. Er spielt bis heute als einer der wenigen investigativen Reporter in Ihrer Liga. Im Gegensatz zu Ihnen scheint er Feinde zu brauchen. Ein Offizieller der Bush-Regierung hat ihn als eine Art Terrorist bezeichnet. Kritiker werfen Ihnen oft vor, dass Sie nur berichten, aber keine Haltung oder Meinung hätten. Muss ein guter Reporter das nicht haben?

Woodward: Das ist richtig und nicht richtig. In meinem vierten Buch über Bush sage ich am Ende, was ich denke, nämlich dass der Irak-Krieg ein Leadership-Fehler ist. Ich habe sieben Jahre über Bush gearbeitet. Wenn ich das nicht zusammenfassen könnte, wer könnte es dann?

Hersh ist ein wirklich guter Reporter. Ich denke aber, unsere Ansätze sind unterschiedlich. Er ist der Typ, der aufsteht und ins Maschinengewehrfeuer läuft. Ich versuche zu verstehen, wie Leute funktionieren, ihre eigenen Motive und den Weg, den sie gehen. Und das extensiv zu berichten. Vor kurzem habe ich mit einem Historiker gesprochen, er sagte, du kannst in deine Bücher schauen, und der Stoff ist Geschichte: An jenem Tag war dieses Geheimdiensttreffen und an jenem wiederum hat der Präsident dieses gesagt und so fort. Das versuche ich: etwas zwischen Zeitung und Zeitgeschichtsschreibung.

SZ: Ich hatte den Eindruck, dass in den jüngsten Büchern eine Art Enttäuschung über Bush mitschwang. Fühlten Sie sich ein bisschen von Ihren Quellen betrogen?

Woodward: Das erste Buch handelte von der Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen. Selbst John Kerry, der gegen Bush bei der Präsidentschaftswahl antrat, sagte, dass Bush da gute Arbeit gemacht habe. Als ich über den Irak schrieb - das Buch wurde 2002 veröffentlicht - lag die Invasion noch ein paar Monate in der Zukunft. Man kann nicht über etwas schreiben, das noch nicht stattgefunden hat. Ich mache mit meinen Büchern Schnappschüsse. Es hat sicher niemand vorher vier Bücher über eine Präsidentschaft geschrieben. Ich habe mich währenddessen nicht geändert. Bushs Leistung und die Umstände für seine Entscheidungen waren unterschiedlich.

SZ: Ich hatte den Eindruck eines veränderten Tons, besonders beim Lesen der jüngsten Bücher, zum Beispiel, wenn Sie schildern, wie Donald Rumsfeld die Situation im Irak-Krieg mit einer Früchteschüssel verglich. Sie haben während des Vietnamkriegs gedient und wissen, was Krieg für junge Soldaten bedeutet. Spielte das eine Rolle? Ist der Buchtitel "State of Denial" für sich genommen nicht schon eine starke Meinungsäußerung?

Woodward: Ich habe schlicht nur über etwas berichtet, das passierte. Rumsfeld hat mir das nicht für das erste Buch erzählt, sondern für dieses. Wenn man die Bücher über Bush ansieht, haben alle bestanden, es ist das, was passierte. Sie sind eine fast mikroskopische Arbeit dazu, wie Präsidenten leben und entscheiden, und so kann man das dem Leser zeigen.

SZ: Vor einigen Jahren sagten Sie in einem Interview, dass man Bushs Präsidentschaft, besonders die Irak-Politik, erst in einigen Jahren bewerten kann. Was meinen Sie heute?

Woodward: 2003 sah es nach einem sehr schnellen Krieg aus. Später war es ein Desaster. Dann gab es diese Geheimoperationen und anderes, und nun sieht es danach aus, dass die Lage sich stabilisiert hat. Am Ende eines Interviews habe ich ihn gefragt: Was denken Sie, wie die Geschichte Ihren Irak-Krieg bewerten wird? Er sagte: Wir werden die Geschichte nicht kennen, wir werden tot sein. Er hat recht.

SZ: Gibt es denn Parallelen zwischen Nixon und Bush? Die Nixon-Administration log, und auch die Bush-Regierung war nicht immer an der Wahrheit interessiert.

Woodward: Der große Unterschied zwischen Bush und Nixon ist, dass das, was Nixon tat, illegal war. Auch die Republikaner haben ihn verurteilt. Senator Goldwater sagte: Nixon - zu viele Verbrechen, zu viele Lügen. Bush hat zu oft nicht offengelegt, was passierte. Es gibt viele Kontroversen. Aber ich sehe nicht die Kriminalität. Auch wenn es sicher Leute gibt, die die Befragungstechniken als kriminell bezeichnen würden.

SZ: Die Nixon-Leute versuchten, Ihre Glaubwürdigkeit zu beschädigen. Sein Sprecher streute Gerüchte über Sie und Bernstein. Heute haben sich die Public Relations weiter professionalisiert. Wie verändert das den Journalismus?

Woodward: Die Regierungen sind während der Obama- und Bush-Regierungen und besonders auch während Clinton in den Neunzigern sehr gut darin geworden, unser journalistisches Geschäft zu verstehen. Sie versuchen eine Nachricht des Tages zu haben für die Journalisten und so zu beschränken, was berichtet wird und was die Journalisten machen.

SZ: Diese PR-Armeen stehen besonders in den USA derzeit geschwächten Zeitungen gegenüber, die unter der Anzeigenkrise leiden und keine Antworten darauf finden, wie sie mit Online-Journalismus Geld verdienen sollen. Haben Journalisten noch genug Zeit und Ressourcen, um dem Unbekannten und Neuen nachzugehen, wie Sie es sich wünschen?

Woodward: Es wird etwas Zeit brauchen, bis sich das alles ordnet. Ich mache mir schon Sorgen um den Journalismus. Wir erleben im Moment einen Wandel. Das ist schmerzhaft. Viele Leute verlieren ihre Jobs. Es gibt viel Unsicherheit. Aber ich denke, der Journalismus wird als Institution ein Comeback haben, weil die Menschen gute Informationen brauchen, die nicht gefiltert sind und die nicht durch PR-Leute gesteuert werden.

SZ: Ist der schnelle Internet-Journalismus denn der, den Sie machen wollten? An dem Abend, als Sie Ihren 33 Jahre lang geheim gehaltenen Watergate-Informanten "Deep Throat" öffentlich machten, soll die Online-Redaktion der Post Druck gemacht haben, weil ein anderes Medium die Enttarnung gemeldet hatte.

Woodward: Ich habe das entschieden. Ich fühlte mich wohl damit. Aber ich finde es schon gut, Zeit zu haben, um an Dingen zu arbeiten.

SZ: Dennoch hat sich der Nachrichtenzyklus sehr verändert seit Watergate. In den Siebzigern dauerte es 24 Stunden, heute gibt es eine Art Echtzeit-Journalismus durch die Berichterstattung über Internetportale. Was bedeutet das für tiefgreifende Recherchen?

Woodward: Das führt dazu, dass die Leute zu sehr nach aktuellen Entwicklungen gieren und nicht genug Zeit damit verbringen, sich in die Dinge hineinzuwühlen. Sie sagen: Gib mir das Aktuellste! Das Problem mit dem Aktuellsten ist, dass es oft unwahr ist. Und es hat keine Bedeutung. Die Frage ist nicht: Wie verläuft die schrittweise Entwicklung? Die Frage ist: Was ist die Hintergrundgeschichte? Was ist versteckt? Was wissen wir nicht? Wir brauchen eben manchmal Wochen und Monate, um herauszufinden, was wirklich passiert.

SZ: Ist das denn dem Management aller Zeitungsunternehmen bewusst? Das Time Magazine hat zwei investigative Starreporter entlassen mit dem Argument, sie seien zu teuer. Zur selben Zeit kaufte das Unternehmen die Rechte am Baby von Brad Pitt und Angelina Jolie für angeblich vier Millionen Dollar.

Woodward: Das ist gerade eben eine Zeit des Stillstands für die Wirtschaft. Ich bin optimistisch. Die Leute brauchen gute und valide Information. Und ich denke, sie werden sie bekommen. Stecken Sie mich in die Optimisten-Spalte!

SZ: Eine besondere Art des Journalismus in den USA ist ja tatsächlich sehr erfolgreich. Radiomoderatoren und Fernsehsender verdienen mit Meinungs- und teilweise auch Hetzjournalismus Millionen. Obamas Reformversuche werden gar zum Teil mit Nazimethoden verglichen.

Woodward: Ich denke dennoch, dass das Fernsehen, das Internet und Zeitungen weiter gute Informationen bieten werden.

SZ: Wie sollen wir nun vorgehen? In Deutschland ist es üblich, Frage-Antwort-Interviews etwas zu kürzen und zu bearbeiten, weil sie sich dann besser lesen lassen. Deswegen werden sie in der Regel vom Interviewten gegengelesen. Trauen Sie einem Reporter, den Sie nur einmal gesehen haben? Sie können das Interview auch autorisieren. Sollen wir das machen?

Woodward: So sollten wir es machen!

Bob Woodward, 64, ist einer der berühmtesten Journalisten der Welt, seitdem er zusammen mit seinem Kollegen Carl Bernstein als Lokalreporter der Washington Post maßgeblich zum Rücktritt Richard Nixons 1974 beitrug. Mitarbeiter des US-Präsidenten hatten einen Einbruch in die Büros des demokratischen Herausforderers im Hotel Watergate zu verantworten. Die beiden Journalisten, damals 28 und 29 Jahre alt, spürten viele Monate den Hintergründen des Einbruchs nach und machten mit ihren Berichten die Verbindungen zu Nixon sichtbar.

Weltweit berühmt wurden sie durch die Verfilmung ihres Buches über diese Zeit. In "All the President's Men" stellt Robert Redford Bob Woodward dar und Dustin Hoffman Carl Bernstein. Woodward schrieb seitdem mehrere Bestseller, zuletzt erschien "The War Within" über die Regierung George W. Bush. Woodward lebt mit seiner Frau, der Journalistin Elsa Walsh, in Washington, D.C.