Reportage Und einer konnte danach nicht mehr Auto fahren

40 Jahre nach dem Bergwerksunglück von Lengede rührt ein Spielfilm noch einmal an die alten Wunden der Überlebenden und Angehörigen.

Von Von Ralf Wiegand

Lengede, 4. November - Der Mann im Foyer des Bürgerhauses trägt eine Bergmannstracht und schaltet den Videorekorder ein. "Eisenerz aus Lengede" heißt der Film, dem eine Hand voll Menschen folgen. Es ist Montag, früh am Nachmittag. In schwarz-weiß rauschen die Bergleute in den Schacht, der Fernseher brummt, der Sprecher erzählt: dass in Lengede 100 000 Tonnen Erz pro Jahr gefördert werden; dass das ein Fünftel der gesamten Produktion der Bundesrepublik ist; dass 1957 vier Tonnen pro Mann und Schicht gefördert wurden, 1967 schon elf Tonnen, 1972 sogar 23 Tonnen. Und dass sich durch das Grubenunglück alles verändert hat im Erz-Bergbau.

Der Mann in der Bergmannstracht will nicht, dass sein Name in die Zeitung kommt. Er passt hier nur auf und spult manchmal das Band auf Anfang. Der Industriefilm von 1973 über die Bedeutung des Bergbaus gehört zu einer Ausstellung, die an den 40. Jahrestag des Grubenunglücks von Lengede erinnert. "Die Leute sind ja 'rumgereicht worden. Es waren genug in der Zeitung", sagt der Mann und prüft den Sitz seiner Tracht. Es ist der Anzug des Rings Deutscher Bergingenieure, 1957 hat er ihn bekommen, aber er passt, als sei das alles erst gestern gewesen. Er ist selbst 41 Jahre lang in den Berg eingefahren. Nur am 24. Oktober 1963, zur Mittagsschicht, da fuhr er nicht. "Ich habe mit einem Kollegen getauscht. Ob ich sonst hier stehen würde? Ich weiß es nicht." Er ist 69 Jahre alt. Der Kollege hat nicht überlebt.

40 Jahre nach dem "Wunder von Lengede" kehren die Medien zurück. Dort, wo einst die Fördertürme das Erz aus dem Boden spuckten, wachsen nun Windkrafträder auf weiten Feldern. Lengede ist Provinz geblieben. Die Wegweiser an der Ampelkreuzung deuten nach Salzgitter und Peine. Die Altherrenfußballer stehen ganz gut in der Tabelle. Mittags haben die Geschäfte zu. Im Café gibt es Mandarinentorte mit Eierlikör. Vor 40 Jahren war Lengede der erste Schauplatz, an dem die deutschen Medien zeigen durften, was sie konnten. Täglich übertrugen NDR und ZDF von den Äckern das Drama, das 29 Kumpel nicht überlebten. Die Bild-Zeitung gründete eine "Sonderredaktion Lengede". Die örtliche Post kassierte 30 000 Mark Gebühren von 449 Reportern. 48 Pressekonferenzen wurden durchgeführt.

Wie es ist, in einer Kammer von fünf mal zehn Metern zu hocken, im Dunkeln, ohne Nahrung, bei eisiger Kälte, das konnte das junge deutsche Fernsehen nicht zeigen. Die Kameras standen über Tage, dort wo tausend Helfer die Ungewissheit anbohrten, mal hier, mal da. Wie es unten in den Stollen war, in die das Wasser aus einem gebrochenen Teich einschoss, 500 Millionen Liter, was vorging in den Männern, die in einer Luftblase hockten, "darüber haben die später selbst kaum gesprochen, nicht mal beim Bier", sagt der Ausstellungswärter, der Glück hatte. Sein Kollege hatte selbst gebeten, die Schicht zu tauschen. Er war noch nicht so lange in Lengede und wollte mit den Kameraden hinunter, die er schon kannte.

Damals kam Bundeskanzler Ludwig Erhard nach Lengede, 40 Jahre später kommt immerhin Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Die Landesregierung gibt einen Empfang. Fünf der sechs noch lebenden, im letzten Moment Geretteten - es waren elf - sind gekommen, dazu Witwen, Kinder, Enkel. Und wieder die Presse. 40 Jahre nach dem Wunder von Lengede hat Sat 1 den Stoff verfilmt und zeigt, wie es gewesen sein könnte, unter der Erde. Christian Wulff hat den Film schon gesehen, jetzt hat er ihn hierher mitgebracht, zu den einzigen Kritikern, die ihn beurteilen können. In fast jeder Lengeder Familie gibt es jemanden, der mit dem Schacht zu tun hatte.

Die Wirklichkeit und die Vorstellung davon in einen improvisierten Kinosaal zu sperren, ist eine Gratwanderung. Lengede ist nicht Bern, ein Wunder ist nicht wie das andere. Lengede hinterließ elf traurige Helden, zu viele starben. Aber wie die elf Fußball-Weltmeister vereinten auch sie die ganze Nation hinter sich und wurden ein Stück bundesrepublikanischer Geschichte, von der jetzt so viel recycelt wird. Als könnte man es auch zur Geschichte jener machen, die zu spät geboren wurden. Ministerpräsident Wulff sagt: "Ich hoffe, dass Sie mit dem Film leben können." Auf seiner Oberlippe glänzt Schweiß.

Als das Licht wieder angeht, sieht man in rot geränderte Augen älterer Frauen, die wie früher Journalisten ihre Gefühle schildern sollen. Der Film hat gezeigt, wie sie ihre Männer verloren haben könnten oder welche Erinnerung die Überlebenden vielleicht mit sich herumschleppen. "Es regt einen auf", sagt Maria Sitter, 72, und drückt die Hand ihres Mannes. Johannes Sitter ist der älteste noch lebende Gerettete, 78 jetzt. Er erzählt, ihm seien ein paar Steine zu viel auf den Kopf gefallen damals im "Alten Mann", dem Verlies, in dem er mit den anderen begraben war, bis zum 7. November 1963. Auto fahren konnte er später nicht mehr; wenn er heim wollte, ein paar Kilometer nur, landete er oft ganz woanders. Einmal fuhr er bis nach Braunschweig. "Die Orientierung, verstehen Sie, die hatte ich nicht mehr." Dafür hat er zeitlebens kalte Füße, Durchblutungsstörungen, seitdem.

Der Ausstellungswärter streicht sorgsam eine neue Seite im Gästebuch glatt.

Wunder von Lengede, das passt schon, findet er, "denn es war Gottes Fügung, dass wir die Elf gerettet haben". Der Film rührt nicht an diesem Wunder, er lässt den Betroffenen ihre Geschichte. "Wenn man es selbst erlebt hat", sagt Johannes Sitter, "kann man sich sowieso ein ganz anderes Bild machen." Mit dem Bild, das die Leute vom Film sich gemacht haben, kann er leben. Mit den Bildern in seinem Kopf muss er leben.