Reportage Im Schattenreich der Krake

Kalabrien, die Heimat der 'Ndrangheta: Seit der Ermordung eines Parlamentariers regt sich an Italiens Stiefelspitze erster Widerstand gegen die Mafia, doch der Kampf ist gefährlicher denn je.

Von Stefan Ulrich

Emanuele Maggioni hat sich das Missionarsleben anders vorgestellt: "Schon als Junge mit zehn, elf Jahren, als ich von den armen Kindern in Afrika hörte, wollte ich dorthin gehen. Und wenn ich heute mit meinen Mitbrüdern rede, möchten immer noch alle nach Afrika."

Für den Pater ging dieser Wunsch in Erfüllung. Er lebte in Mosambik und am Kongo. Doch dann kam sein Orden, die "Missionare von der Consolata", auf die Idee, vor der eigenen Tür zu missionieren, in Italien. So fand sich der weit gereiste Lombarde vor vier Jahren auf einmal in einem abgelegenen Bergdorf Kalabriens wieder. Auf die Frage, wo die Arbeit schwerer sei, in den kriegswunden Ländern der Dritten Welt oder hier, antwortet er ohne Zögern: hier in Plati.

Hochburg der Mafia

Sein Orden hat also eine gute Wahl getroffen. Denn dieser Ort ist nicht irgendein Dorf an der schäbigen Spitze des Stiefels. Plati hat einen Ruf wie Donnerhall. Es gilt als Hochburg der mächtigsten Mafia Europas - der kalabrischen 'Ndrangheta.

Während die Welt auf die Cosa Nostra Siziliens, die chinesischen Triaden und die russischen Verbrecherbanden starrt, hat die 'Ndrangheta in aller Stille ein globales Imperium errichtet, mit den Geschäftsfeldern Drogen, Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressung.

Im herb-schönen, schwer zugänglichen Süden Kalabriens, am Fuß des Aspromonte, des rauen Bergs, haben die Bosse ihr Refugium. Hier, in Dörfern wie Plati, San Luca oder Africo, können sie ein archaisches Regime führen, das auf uralte Rituale, Blut und Gnadenlosigkeit baut.

Abschlagener Schafskopf vor die Tür

In diesem kargen Stück Erde krallen sie sich fest, um von dort aus krakengleich nach Rom und Mailand, Deutschland, Amerika und die ganze Welt auszugreifen. Bürgermeister und Unternehmer, die sich der 'Ndrangheta verweigern, bekommen Gewehrkugeln geschickt oder einen abgeschlagenen Schafskopf vor die Tür gelegt, ihre Autos werden abgefackelt.

Wirkt das nicht, rücken Killer an. Allein in der Provinz Locri, in der Plati liegt, gab es vergangenes Jahr 23 Morde - aber keine Anzeigen, keine Zeugen. Filippo Calippo, der Chef des kalabrischen Unternehmerverbandes, appellierte an Rom, das Militär zu schicken. Und die Politiker klagen, der Staat habe die Hoheit über weite Teile Kalabriens verloren.

Armut als Maske

"Wer die Gegend kennt, der muss sagen: Das ist nicht übertrieben", sagt Don Emanuele und fächert einige Heiligenbildchen in seinen Händen auf. Das Thema bereitet ihm Unbehagen. "Die Leute im Dorf sprechen selten von der 'Ndrangheta. Es ist eine heiße Sache."

Er stockt und blickt in dem winzigen Versammlungsraum der Pfarrei herum, als suche er Halt. Dann flüstert er: "Wir können nicht sicher sagen, wer Mafioso ist und wer nicht. Die Familien sind untereinander verbandelt. Die 'Ndrangheta ist ein furchtbares Übel, das wir besiegen müssen."

Die 'Ndrangheta besiegen, das versucht nicht nur Don Emanuele. Das probieren auch die Carabinieri in dem vergitterten Bau gegenüber dem Pfarrhaus. "Die italienische Botschaft in Plati", so wird der Polizeiposten genannt.

Das soll heißen: Der Staat ist hier ein Fremder. Einmal musste sich sogar die Staatspolizei in diese Festung flüchten. Die Beamten wollten einen Mafioso festnehmen und wurden im Nu von Hunderten Dörflern bedroht. Doch nicht nur die Männer, auch die Einnahmen der 'Ndrangheta entziehen sich dem Zugriff. So verbergen die Mafiosi von Plati ihren Reichtum hinter einer Maske der Armut. In Statistiken taucht der Ort als ärmste Gemeinde Italiens auf.

Wer sich Plati von der Küste her nähert, den wird das nicht wundern. Ein rabiater Winterregen treibt eine umbra-braune Brühe die Straße hinunter, die sich aus Schlaglöchern zusammenzusetzen scheint. Die Verkehrsschilder sind von Schüssen durchsiebt.

Zwar lockt die Landschaft mit glitzernden Olivenhainen, die an den Grashängen emporwachsen. Orangen und Khaki-Früchte leuchten aus dunklem Grün. Doch die Idylle verblasst, sobald man den schäbigen, verbauten, halb entvölkerten Ort erreicht.

Kaum ein Geschäft ist auszumachen, kaum ein Mensch ist unterwegs. Das mag sogar beruhigend wirken, denn in Reportagen italienischer Zeitungen über Plati war Unschönes zu lesen. Keiner rede mit dem Besucher, dafür werde er von stummen Burschen auf Motorrädern umkreist.

Unter dem Ort liege ein Schattenreich voller Gänge, Kammern, unsichtbarer Türen und drehbarer Treppen, in dem sich Verbrecher versteckten. Am besten sei es, sich von Carabinieri im Ort begleiten zu lassen. Doch der Weg zwischen den alten, zum Teil verfallenen Häusern zur Kirche verläuft auch ohne Eskorte störungsfrei.

Don Emanuele lacht, als die Rede auf die Schauergeschichten kommt. "Plati ist zum Negativ-Klischee geworden", sagt er. "Wenn etwas Schlimmes passiert in Kalabrien, wird es mit diesem Ort in Verbindung gebracht."

Dabei erlebe er die Menschen als hilfsbereit und gastfreundlich. Dauernd werde er auf einen caffè in die Wohnzimmer gebeten. "Nicht das ganze Dorf ist Mafia", sagt der Pater.