Reportage aus Russland Der Putin im Kopf

Die russische Kirche als Echoraum für den Dauerpräsidenten: Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in der Stadt Jaroslawl, erbaut von einem Mäzen an derselben Stelle, an der die Bolschewiken einst ein Gotteshaus zerstört hatten. Der Kreml, Putins Amtssitz, ist nur dreieinhalb Stunden entfernt. Und doch sehr weit weg.

(Foto: Max Sher)

Russlands Präsident ist dabei, die Welt zu verändern. Aber wie hat er sein Land verändert? Eine Reise nach Jaroslawl, zu den Menschen, die seit 16 Jahren unter Putin leben.

Von Tim Neshitov und Max Sher (Fotos)

Kürzlich erfuhr man Neues über Wladimir Putins Töchter. Katerina verwaltet wohl einen prall ausgestatteten Forschungsfonds an der Moskauer Universität. Maria ist offenbar mit einem holländischen Unternehmer verheiratet, liebt offenbar Hermann Hesse und hat offenbar in Endokrinologie promoviert (über kleinwüchsige Kinder). Offenbar, denn Putin hütet sein Familienleben wie ein Staatsgeheimnis und hat entsprechende Berichte kremlferner Medien nie bestätigt.

Über Putins Privatvermögen, seine Kriegs- und Friedenspläne, über so etwas wie seine Gefühle weiß man noch weniger. Man weiß über Putin, 63, nicht viel mehr als das, was Putin für angemessen hält. Er war ein spätes Kind einer bescheidenen Familie, er war beim KGB, er trank in den Achtzigern gerne Bier in Dresden und nahm etwas zu, er schwimmt nun, er reitet.

Putins professionelle Selbstverschleierung macht die Frage Who is Mr Putin? zur Preisfrage für Politologen und Journalisten. Wie der jüngste, dürftige BBC-Film über Putins Paläste und Yachten zeigt, bleibt sie unbeantwortet. Das System Putin wiederum wurde hinreichend beschrieben: eine selektive Oligarchie, die sich auf Rohstoffe und Geheimdienste stützt.

Wie aber haben mehr als 16 Jahre Putin die russische Gesellschaft verändert? Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch sprach im Frühjahr 2014, nach der Annexion der Krim, vom "kollektiven Putin". Der Ausdruck ist abstrakt, aber beliebt. Bereits nach seiner zweiten Amtszeit führte eine Oppositionspolitikerin das Wort vom kollektiven Putin im Mund. Damals war nicht klar, wie Putin es bewerkstelligen würde, an der Macht zu bleiben. Aber man ahnte, dass er an der Macht bleiben würde.

Zeit für eine Begegnung mit diesem kollektiven Putin, mit dem Putin in den Köpfen. Gibt es ihn überhaupt? Eine Forschungsreise nach Jaroslawl.

Der Wind an der Wolga

Die uralte, im Winter fröhlich verschneite Stadt, 280 Kilometer nordöstlich von Moskau, durchlebte vor einigen Jahren bewegte Zeiten. Heute leben hier ein Stuntlehrer, der den Namen des Präsidenten trägt, ein Trickfilmzeichner, der einen Oscar bekommen hat, ein Zupacker, der nicht in der großen Politik, sondern ganz praktisch etwas bewegen möchte, sowie eine junge Frau, die eher für ihr Recht auf französischen Käse demonstrieren würde als für die Rechte eines weggesperrten Oppositionellen.

Aus dem Tagebuch Franz Kafkas, 1. Juli 1913: "Das Bild der dreihundertjährigen Romanow-Feier in Jaroslawl an der Wolga. Der Zar, die Prinzessinnen verdrießlich in der Sonne stehend, nur eine zart, ältlich, schlaff, auf den Sonnenschirm gestützt, blickt vor sich hin. Der Thronfolger auf dem Arm des ungeheuren barhäuptigen Kosaken. Auf einem anderen Bild salutieren in der Ferne längst passierte Männer."

Kafka beschrieb ein Zeitungsfoto, Jaroslawl war damals voller Kirchen, hatte Straßenbahnen und sogar ein Kino. Die Stadt existierte vor allem für ihre Bewohner. Für den Rest der Welt existierte sie, wenn der Zar mal vorbeikam. Viele Menschen in Jaroslawl schätzen bis heute genau das.

Das Leben ist bequemer und günstiger als in Moskau, die Luft klarer, obwohl es auch hier Fabriken gibt. Pharma, Bier, Milch, eine Raffinerie, den Unternehmen geht's noch gut. Kirchen geht's immer besser, es gibt derer drei Dutzend und drei blühende Klöster (ein Kloster und eine Kirche sind auf dem 1000-Rubel-Schein abgebildet). Die Pelmeni schmecken. Moskauer kommen neuerdings zum Auslüften nach Jaroslawl, Reisen ins Ausland können sich viele nicht mehr leisten. Der Wind an der Wolga tut gut. Es dauert dreieinhalb Stunden mit dem Zug.

In Jaroslawl leben 600 000 Menschen, etwa so viele wie in Stuttgart. Hier arbeitete in den letzten Jahren seines Lebens Boris Nemzow, der zungenfertige Putin-Kritiker, der in Rufweite des Kremls erschossen wurde. Nemzow war Abgeordneter der Jaroslawler Regionalduma.

Politisch ist diese Stadt interessant, weil sich hier vor vier Jahren ein zivilgesellschaftliches Erdbeben ereignete. Jewgenij Urlaschow, ein unabhängiger Kandidat, schlug bei der Bürgermeisterwahl den Kandidaten der Regierungspartei Einiges Russland. Urlaschows Slogan: "Gegen Gauner und Diebe". Der Volksbürgermeister, wie er genannt wurde, konnte lässig zu "Kalinka" tanzen und hielt sich ein Jahr und drei Monate im Amt. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Es wird wegen Schmiergeldes ermittelt.

Das Schicksal Urlaschows interessiert hier aber kaum noch jemanden. Das ist wohl so eine Eigenschaft des kollektiven Putin: Er vergisst schnell. Es sei denn, Erinnerungen sind staatlich verordnet, wie die Erinnerung an den Sieg über Hitler.

Patriotische Früherziehung

In der Sowjetstraße in Jaroslawl ist in einer rosa Villa aus dem 18. Jahrhundert das Zentrum für Patriotische Erziehung untergebracht. Solche Zentren gibt es vielerorts im Land, sie setzen Vorgaben aus Moskau um. Das Zentrum in Jaroslawl hat dieses Jahr 45 Veranstaltungen mit folgendem Ziel durchzuführen: "Zivilgesellschaftliche und patriotische Erziehung der Jugend, Erziehung zu Toleranz unter Jugendlichen, Gestaltung von rechtlichen, kulturellen und moralischen Werten."

Mit der Durchführung beauftragt ist Anna Lugowaja, eine 28 Jahre alte Historikerin mit offenem Blick und glattem Haar, Ohren frei. Sie übersetzt das Beamtenrussisch. Es gebe Trainings im Wehrlager: Kalaschnikows zusammensetzen, schießen, robben. Es gebe Treffen mit Kriegsveteranen. Es gebe Kostümbälle, auf denen man so tanze, wie im 19. Jahrhundert getanzt wurde, Quadrille, Polonaise. Die Jugendlichen sollen die Geschichte ihrer Heimat kennen und in der Lage sein, die Heimat zu verteidigen. Es ist einen Tick zu warm in Annas Zimmer, ihre Kollegin Nadeschda, erst 23 alt, bietet Beuteltee und Kekse an. Es riecht nach altem Holz. Während des Kriegs gegen Napoleon war in dieser Villa der Stab der Bürgerwehr untergebracht. Draußen schneit es in Flocken.

Nadeschda, Anna, wer in Ihren Augen ist ein Patriot?

"Jemand, der zu seinen Mitmenschen gut ist. Der die Umwelt schützt. Was noch . . .? Vielleicht noch einen Tee?"

Achtet ein Patriot darauf, dass die Verfassung seines Landes geachtet wird? Die russische Verfassung sieht zum Beispiel unabhängige Gerichte vor.

"Klar", sagt Anna. "Aber wir arbeiten jenseits der Politik." Es schneit und schneit.

"Wir leben heute viel besser als im Krieg", sagt Nadeschda. Sie meint den Zweiten Weltkrieg. "Wir haben genug zu essen, wir haben Klamotten."

Bedauerlich sei, dass die Finanzierung für ihr Zentrum dieses Jahr um zehn Prozent gekürzt wurde, die Zahl der vorgeschriebenen Veranstaltungen aber nicht. Geschenke für Veteranen werde man aus eigener Tasche bezahlen müssen.

Gedankenspiel: Sind Patrioten Menschen, die wollen, dass es ihrer Heimat besser geht? Oder doch Menschen, die ihre Heimat immer so lieben, wie sie ist, egal was kommt? In Russland lernt die Jugend gerade wieder Letzteres, wie zur Sowjetzeit. Über den inhaftierten Volks-OB Urlaschow spricht man nicht im Zentrum für Patriotische Erziehung. Wie man auch darüber nicht spricht, dass die Bürgermeisterwahl in Jaroslawl nun sicherheitshalber ganz abgeschafft worden ist.

Anna sagt dazu: "Die Menschen denken eh: Wieso soll ich wählen? Mich anziehen, hinauslatschen . . . Ist eh alles gekauft."

Im April 2012 latschten noch 45,5 Prozent der Wahlberechtigten in Jaroslawl zur Stichwahl ihres Stadtoberhaupts (zum Vergleich: zur letzten OB-Stichwahl in München latschten 38,5 Prozent). Etwas lag in der Luft. In Moskau gingen seit der offenbar gefälschten Dumawahl vom Dezember 2011 Zehntausende auf die Straße. Man sprach von einem "Russischen Frühling".

Demo für einen guten Käse

In Jaroslawl trat der ewige Kandidat der Regierungspartei, seit 1989 an der Macht, nicht mehr an. Und nun standen zur Wahl: ein weiterer Kandidat von Einiges Russland und Urlaschow, ein damals 43-jähriger Stadtrat, Jurist und gerade neu als Oppositioneller. Aus der Putin-Partei war Urlaschow erst wenige Monate davor ausgetreten. Nun versprach er: "Ich werde die Stadt den Menschen zurückgeben."

Wer wählte damals Urlaschow? Lena I., Rechtsanwältin, 30. Sie findet, Russland brauche "neue Gesichter an der Macht", und sie fand es "schade", dass Urlaschow inhaftiert wurde. Aber heute für ihn zum Beispiel auf die Straße zu gehen, das würde sie nicht machen. "Heute würde ich für einen guten Käse auf die Straße gehen", sagt sie. "Für Brie." Sie lacht dabei. Französischen Brie findet man in russischen Geschäften nicht mehr, seit Russland und Europa einen Sanktionskrieg führen.

Alexander M., KfZ-Mechaniker, 28: "Urlaschow hat viel getrunken, ich habe ihn in einem Restaurant mal richtig besoffen erlebt. Aber er war besser als Einiges Russland. Jeder wäre besser gewesen. Deswegen klebte ich an mein Fahrrad den Sticker 'Freiheit für Urlaschow', als sie ihn einsperrten. Aber heute? Der Frühling ist vorbei, Freunde."

Wadim (Name geändert), 28, Bauunternehmer und Karatekämpfer, sagt: "Wer die Augen aufmacht, sieht alles. Das Land geht den Bach runter. Aber meine Frau arbeitet bei der Bahn. Wenn ich laut sage, was ich denke, kriegt sie Ärger. Außerdem teilt sie meine Meinung nicht. Wir sprechen zu Hause nicht mehr über Politik."

Eine weitere Eigenschaft des kollektiven Putin: Er schüchtert seine Liebsten sanft ein. Man hört sie dann nicht mehr.

Dächer, Löcher, Deppen

Urlaschow gewann 2012 die Wahl in Jaroslawl. Einer seiner Mitstreiter, Sergej Balabajew, erinnert sich: "Er schlüpfte irgendwie durch. Die da oben haben's verpennt."

Balabajew ist heute einer der drei Oppositionspolitiker in der Jaroslawler Regionalduma, er darf jeden Tag in das zaristische Gebäude mit Portikus und Säulen kommen. An Balabajew kann man das Wesen von Politik in Putins Russland studieren.

Er ist ein Zupacker. Mit 22 hatte er schon ein Wirtschaftsstudium an einer Militärhochschule hinter sich und kommandierte einen motorisierten Infanteriezug, Jahr: 1993. Vater war er auch, musste aber in einer Kaserne hausen. Er schied aus der Armee aus, ging zu einer Bank, kandidierte für den Stadtrat, Jahr: 1999. Eine Zeit apathischer Ernüchterung. In Moskau legte ein erschöpfter Jelzin nach neun Jahren Demokratisierungschaos die Zügel in die Hand seines Geheimdienstchefs (Putin). In Jaroslawl ging Balabajew von Tür zu Tür und warb für sich, den Zupacker.

"So viel Galle ist mir nie entgegengeschlagen. Für die Menschen war ich noch ein Schmarotzer, der an den Trog wollte."

Balabajew setzte sich als unabhängiger Kandidat durch. Und trat Putins Partei bei. Das taten damals viele. Der künftige Volksbürgermeister Urlaschow trat übrigens erst 2008 bei, als einige bereits austraten. Auch Balabajew verließ die Partei wieder.

Heute kämpft er für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger. Ihm schreiben Bewohner baufälliger Häuser, sie beschweren sich über geborstene Kanalisationsrohre, über Schlaglöcher . . . Die Russen sagen über Russland immer, es gebe hierzulande zwei Probleme: Straßen und Deppen. Nun sagen sie, es gebe noch ein drittes Problem: Deppen, die Straßen sanieren (und daran scheitern). Waisenkinder ab 18 haben Anspruch auf eigene vier Wände. Balabajew setzt Schreiben auf, an die Stadtverwaltung, an die Staatsanwaltschaft. "Es ist erstaunlich, was bei uns alles vorgeschrieben ist. Raumtemperatur, Abstände, Quadratmeter. Mit den richtigen Paragrafen kann man viel bewegen."

Dieser Kampf gegen Mühlen, die langsam, aber dann doch mahlen, bringt Balabajew eine gewisse Popularität ein. Auf ihn ist Verlass, sein Arbeitstisch ruht unter hohen Papierstapeln. Paradoxerweise kämpfen hundert Meter weiter Kollegen der Regierungspartei gegen das gleiche dysfunktionale System. Im Bürgerbüro von Einiges Russland am Sowjetplatz empfangen erfahrene Juristen besorgte Bürger. Heute: Eine Frau, die wegen Schwangerschaft gefeuert wurde; eine Frau, die eine psychiatrische Klinik verklagen will, in der sie in den Achtzigern zwangsbehandelt wurde; jemand, der seinen Optiker verklagen will. Sonst: tropfende Dächer, geborstene Rohre, Schlaglöcher - 15 000 Anträge seit Eröffnung des Bürgerbüros vor acht Jahren.

Auf Wohnproblematik ist hier Jelena Ogurzowa spezialisiert, ein Quell reifer, mütterlicher Eloquenz. Sie versichert: Es bringt schon viel, wenn man bei einem säumigen Hausverwalter anruft und sagt, man rufe von Einiges Russland an. Oft helfe es aber, die Leiden der Menschen einfach anders zu formulieren. "Es bringt nichts, wenn einer schreibt: Bei uns ist Land unter! Es muss heißen: Überflutung der Kellerräume durch Fäkalwasser."

Auch auf Ogurzowa ist Verlass. Sie sagt: "Wir beseitigen den rechtlichen Nihilismus in den Köpfen."

In Jaroslawl sieht also der politische Alltag so aus, dass Einiges Russland und der Oppositionspolitiker Sergej Balabajew bisweilen einfach am selben Strang ziehen.

Kann man von Balabajew erwarten, dass er das System infrage stellt? Boris Nemzow, sein Sitznachbar in der letzten Reihe des Plenarsaals, hatte es getan. Er war freilich früher ein hohes Tier in Moskau gewesen. Nun ist Nemzow tot. Hier legten sie übrigens nie eine Schweigeminute für ihn ein. Der Bürgermeister Urlaschow war kein hohes Tier. Aber nach seiner Wahl wollte er nicht mehr nur gegen Schlaglöcher kämpfen, zumal Stadtrat und Duma ihm etliche Geldhähne zugedreht hatten. Er stellte lieber das System infrage.

Am 19. Juni 2013 trommelte Urlaschow Tausende Menschen am Sowjetplatz zusammen. Jaroslawl sei die erste Stadt in Russland, sagte er, die gegen "den korrupten Haufen" aufgestanden sei. Er meinte die Partei Einiges Russland. Er haute den Gouverneur der Region Jaroslawl in die Pfanne, der aus seinem Amtszimmer die Versammlung gut sehen konnte. Manche Gouverneure werden in Russland nicht mehr direkt gewählt, sondern von Putin entsandt. "Keiner von euch hat ihn gewählt!", rief Urlaschow. "Er wurde von einem gewissen Menschen ernannt, und nur dieser Mensch hat das Recht, ihn abzuberufen! Das Volk aber hat kein solches Recht!"

Urlaschow forderte Putins Gouverneur auf, sich einer Wahl zu stellen, rief, er werde selbst gegen ihn antreten. Zwei Wochen später wurde der OB verhaftet.

Sergej Balabajew kann man wohl einen mutigen Mann nennen. Urlaschow wollte ihn neben vier Dutzend weiteren Kandidaten für die Regionalduma-Wahl aufstellen. Nach Urlaschows Verhaftung sprangen alle ab, nur Balabajew nicht. Er trägt eine Gaspistole.

Sein wohl politischster Akt bis jetzt war der Antrag, die OB-Wahl wieder einzuführen (keine Chance). Sein Herzensprojekt allerdings ist - obwohl in der Stadt vor allem Eishockey populär ist - die Rettung des unterfinanzierten Fußballvereins Schinnik (der Name kommt von "Schina", Reifen; in Jaroslawl werden Autoreifen hergestellt). Um den FC Schinnik zu retten, schickte Balabajew einen Brief nach Moskau, an: Wladimir Putin. Dieser antwortete nicht.

Ein Putin, der nach Rio will

Putin ist ein sehr seltener Name in Russland. In Jaroslawl lebt Jurij Putin. Er wurde 1979 als Sohn einer Lehrerin und eines Arztes geboren. Als er klein war, erzählte ihm sein Vater, sie hätten entfernte Verwandtschaft in Leningrad, so hieß damals Wladimir Putins Heimatstadt Sankt Petersburg. Aber sie sind nie hingefahren, hat sich nie ergeben. Als Wladimir Putin im Jahr 2000 Präsident der Russischen Föderation wurde, sind sie erst recht nicht hingefahren. "Es wäre merkwürdig gewesen", sagt Jurij Putin. "Guten Tag, Herr Präsident, übrigens, wir sind irgendwie verwandt."

Putin ist Trainer an einer Stuntschule für Kinder und Jugendliche, und wenn ihn Eltern auf seinen Namen ansprechen, sagt er, er trage bloß denselben Namen wie der Präsident. Er sagte das auch vor ein paar Jahren am Flughafen, als er Urlaub mit einem Freund namens Medwedjew machte. "Aber nicht alle fragen nach. Eltern bringen ihre Kinder zu mir, weil ich einen guten Ruf als Trainer habe, nicht wegen des Namens."

Über Putin in Moskau spricht Putin in Jaroslawl mit respektvoller Distanz. Jurij hat Sportpädagogik studiert und schätzt es sehr, dass ein sportlicher Mensch das höchste Amt im Staat bekleidet. Aber ein Vorbild fürs Leben sei der Präsident nicht. "Als er an die Macht kam, war ich schon erwachsen und ein Profi. Mich diszipliniert mein Beruf, nicht mein Name." Jurij ist Pädagoge in dritter Generation, er raucht nicht, trinkt nicht, achtet auf seine Sprache. Sein Körper ist eh durchtrainiert.

Der Trickfilmzeichner Alexander Petrow aus Jaroslawl zeichnet, um die Welt zu erkunden. Seine Bilder entstehen mit Öl auf Glas, er benutzt die Finger, keinen Pinsel. Szene aus "My love" (russisch "Moja Ljubov", 2006).

Als jemand, der gerne verreist, weiß er, dass Wladimir Putin außerhalb Russlands durchaus umstritten ist. In die Ukraine könnte ein Putin derzeit gar nicht reisen. Zu gefährlich. "Aber wie mein Vater sagt: Der Tod findet dich schon. Verrückte gibt es überall."

Putin träumt von Brasilien. Er muss aber sparen, seit der Rubel abgestürzt ist. "Meine Finanzen singen Romanzen", sagt er. Das sagt man so in Russland. Jurij Putin weiß genau, woran das liegt, dass seine Finanzen Romanzen singen. Krieg in der Ukraine, Sanktionen, Gegensanktionen, Krieg in Syrien. Aber das bedeutet nicht, dass er deswegen Frust auf Wladimir Putin schiebt. "Ein Krieg ist immer ein politisches Spiel", sagt er. "Wer daran schuld ist, wissen nur die Schuldigen. Uns wird im Fernsehen etwas erzählt, in Europa wird das Gegenteil erzählt. Und wo liegt die Wahrheit?"

Es gibt Dinge, die sind greifbar. Jurij Putin kommt im Sommer gerne mit dem Fahrrad zur Arbeit. Er hat ein Fahrrad der Marke BMW, gebraucht gekauft. Seine Freunde fragen ihn: Na, wo ist dein BMW? Humor ist greifbar. Jurij sieht, dass immer mehr Menschen Rad fahren, joggen, snowboarden. Sport ist greifbar. Um in seine Halle im ersten Stock eines sauberen Sportzentrums zu gelangen, muss er im Foyer blaue Schuhüberzieher anziehen, dingfeste Dinger; aus der Cafeteria riecht es nach Kaffee und Blätterteig, unverwechselbar. Er spricht über sein Leben, an ihm vorbei fliegen Kinder: einfache Salti, zweifache Salti, Füße landen, Füße bremsen, einer macht endlos Klimmzüge, man kann sie zählen.

Aber Politik? "Wissen Sie, Stalin war erst Gott, dann Monster. Nun sagt man: Stalin hat Millionen umgebracht, aber ohne ihn wären wir Amerikas Finanzsklaven. Ich denke, mit Putin wird es ähnlich sein. Man kann es nicht allen recht machen."

Jurij Putin ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Er sagt, dafür habe er zu viele Schüler, gehe in seiner Arbeit auf. Der Schuster trägt die schlechtesten Schuhe. Dieses Sprichwort gibt es auch in Russland. Jurij verwendet es, nur lautet es in Russland drastischer, der russische Schuster hat gar keine Schuhe. Außerdem hätten Frauen heute andere Prioritäten, sagt Putin, sie seien konsumorientiert.

Jurij Putins Arbeit, sein Privatleben, alles, was zählt, entfaltet sich in einem politikfreien Raum. Seine Schüler kriegen Rollen in Actionfilmen, Putin will, dass sie nicht rauchen, nicht trinken, sich bei niemandem einschleimen. Er versucht, ein guter Sohn zu sein.

Das ist eine weitere Eigenschaft des kollektiven Putin. Wenn er richtig gute Absichten hat, versucht er gleich, ein guter Mensch zu sein. Ein guter Bürger zu sein - was bitte ist das denn?

Enten und ihre Füße

In der Revolutionsstraße in Jaroslawl hängt an einem der Häuser folgende Gedenktafel aus Marmor: "An diesem Ort passierte am 24. Juni 1794 gar nichts." Die Tafel drückt eine gewisse Geschichtsmüdigkeit aus. Ein Denkmal ehrt den Stadtgründer, Jaroslaw den Weisen, der hier im 11. Jahrhundert einen Bären erlegt haben soll. Ein anderes ehrt Lenin, der Kirchen sprengen ließ. 2010 feierte man den 1000. Stadtgeburtstag. Ein Mäzen baute eine Kathedrale genau dort, wo die Bolschewiken eine in die Luft gejagt hatten.

Im sowjetisch bebauten Norden der Stadt wohnt die Software-Entwicklerin Jewgenija Korniljewa, 28. Sie interessiert sich wenig für Geschichte. Sie liest Carlos Castaneda und Robert Burns und fährt Motorrad. Ihr Maskottchen ist ein Schaf aus Plüsch, sie nimmt es auf ihre Europa-Reisen mit. Auch beim Bungee-Sprung letztes Jahr in Sotschi war das Schaf dabei. 208 Meter, sieben Sekunden freier Fall. Politik findet Jewgenija uninteressant. Sie geht jede Woche zum Yoga und in einen Malkurs. Mit ihrem Motorrad ist sie schon zur Quelle der Wolga gebrettert, 600 Kilometer.

Ihrer Mutter, einer Steuerinspektorin mit sowjetischer Jugend, will sie die Welt zeigen. Ihr Vater, ein Lokrangierführer, hat die Welt auch noch nicht gesehen, er mag aber auch nicht mehr. Er angelt lieber. Jewgenija war mit ihrer Mutter schon in Frankreich, in Italien, sie spart auf Neuseeland.

Putin? Jewgenija fällt dazu die Krim ein. Sie hält es für richtig, dass die Krim nun zu Russland gehört. Sie sagt das in einem ukrainischen Restaurant, in dem sie ukrainische Teigtaschen bestellt. "Prost", der ukrainische Schnaps wärmt. Es sei wichtig, sagt Jewgenija, sich geistig und seelisch weiter zu entwickeln, permanent. Nicht Karriere machen. Sie freut sich, wenn ihr auf ihren Motorradreisen Lebenskünstler begegnen, mit denen sie über die Welt sprechen kann. Ein Kranführer in Torschok machte sie einmal auf Enten am Ufer eines Teichs aufmerksam. "Die meiste Zeit verbringen die Enten im Wasser, wir sehen ihre Füße nicht, und wir vergessen, dass auch sie welche haben. So ist das mit vielem im Leben."

Jewgenija erinnert sich an die Neunziger, als sie nicht genug zu essen hatten. "Fleisch gab's gar keins." Für die Großeltern fand man keine Medikamente. "Wir sind heute mit allem zufrieden. Hauptsache, es gibt bitte keinen Rückfall in die schlimmen Zeiten."

Eine von Jewgenijas Freundinnen arbeitet im Pharmawerk und erzieht alleine zwei Kinder. Sie sagt: "Ich habe genug Hämorrhoiden, ich kann mich nicht auch noch mit Politik beschäftigen." Hämorrhoiden sind in Russland ein Synonym für Sorgen. Diese junge Frau steigt nachts in eins der Löcher, die Stadt und Kirche am Tag der Taufe Jesu ins Eis bohren lassen. Es ist ein Kirchenfest, aber viele tauchen, weil's coole Selbstüberwindung ist, wie Bungee-Springen. Der Wolga-Wind, die Kälte, die nackten Körper. Großes Thema in der Stadt: Wäscht man sich beim Eisbaden die Sünden weg? Die Kirche meint: Eher nicht, aber schaden tut's auch irgendwie nicht.

Vieles ist heute irgendwie in Russland. Lügen ist irgendwie in Ordnung, denn wer kennt schon die Wahrheit. Klauen geht irgendwie auch, denn man ahnt, dass in Moskau sehr viel geklaut wird. Es ist irgendwie egal, ob und wie oft gewählt wird. Die Kirche kämpft gegen Feuerbestattungen und Abtreibungen, die Gotteshäuser werden gut beheizt und bewacht. Viele in Jaroslawl beten in Kirchen, aber sie tragen dabei ihre Alltagsgesichter, und das ist irgendwie unheimlich. In der Schule Nummer 5 dürfen die besten Schüler im Malunterricht Wladimir Putin porträtieren.

In Jaroslawl lebt Nadeschda Kukina, geboren 1957. Sie verteilt Essen in einer Klinik. Das Holzhaus, in dem sie eine Wohnung hatte, brannte im April ab. Eine neue Wohnung bekam sie nicht. Sie schrieb an Wladimir Putin. "Einen Brief im Internet", sagt sie. Sie wohnt nun bei ihrem Sohn. Er hat zwei Kinder, arbeitet als Schweißer in einem Werk des japanischen Bagger-Herstellers Komatsu und schläft jetzt mit seiner Frau auf der Couch im Kinderzimmer. Bei der nächsten Wahl wollen sie Wladimir Putin wählen. Warum? "Sonst werden wir hier ewig aufeinanderhocken."

Großer Künstler

In Jaroslawl lebt der Trickfilmzeichner Alexander Petrow. Für das Werk "The Old Man and the Sea" gewann er im Jahr 2000 einen Oscar. Wenn er wollte, könnte er zum Beispiel in Los Angeles leben. Aber er fühlt sich in Jaroslawl wohl. Anders als Putin ist Petrow ein verbreiteter Name in Russland. Dieser Petrow sieht ganz anders aus als etwa der russische Präsident Petrov in der amerikanischen Fernsehserie "House of Cards". Den spielt der grandios eispickelhafte Lars Mikkelsen. Der Petrow in Jaroslawl hat einen milden Blick und einen Bart. Putin kennt er persönlich und schätzt ihn.

Alexander Petrow zeichnet mit Öl auf Glasplatten, mit seinen Fingern, nicht mit dem Pinsel. 24 Gemälde für eine Sekunde Film. Das ist nur die Technik. Dahinter ist eine Haltung. Er zeichnet, um die Welt zu erkunden, Unterhaltung hat er nie gemacht. Kann er einfach nicht. Er hat zum Beispiel Dostojewskis "Der Traum eines lächerlichen Menschen" verfilmt. Es fing damit an, dass er als Schüler Ende der Sechzigerjahre in einem Kino (es gab in Jaroslawl einst ein Kino, das ausschließlich Trickfilme zeigte) den Puppenfilm "Mein grünes Krokodil" sah. Da verliebt sich ein Krokodil in eine weiße Kuh, und alle Tiere lachen, dämliche Nilpferde lachen. "Ich habe mich dabei ertappt, dass ich heulte", sagt Alexander Petrow. "Aber ich wusste nicht, warum ich heulte."

Petrow wuchs auf dem Land auf, sein Vater fuhr im Krieg Panzer, später Lastwagen, seine Mutter verkaufte Sachen im Dorfladen. Sie waren weder kommunistische Kader noch Dissidenten. Petrow hat deswegen nie politisch gedacht. "Als die Sowjetunion zerfiel, wurde mir klar, dass da eine große Bürde wegfiel. Eine, von der wir nicht gewusst hatten, dass sie überhaupt auf uns lastete." Aber dann sei ihm etwas ganz anderes klar geworden

"Dieser Atemzug Freiheit führte dann doch nur zu Elend und Verwesung." Das elende Ende der Neunzigerjahre bekam Petrow aus der Ferne mit, er arbeitete bereits in Kanada an "The Old Man and The Sea". Er kam zurück nach Jaroslawl, als Putin an die Macht kam. "Putin schaffte es, die Implosion des russischen Universums zu stoppen", sagt Petrow heute.

"Die Russen brauchen nicht unbedingt Wohlstand, aber unbedingt das Gefühl, dass sie etwas wert sind. Dass sie recht haben. Dieses Bedürfnis erfüllt Putin. Leider etwas auf Kosten unserer Freiheit."

Ein anderes Bedürfnis: "Wir müssen die Welt überraschen, nicht nur mit Raketen, sondern zum Beispiel mit einem Oscar. Wildfremde Menschen danken mir bis heute für diesen Oscar, sechzehn Jahre danach: Alter, wir sind so stolz!" Petrow ist ein gläubiger Mensch, aber ein zweifelnder. Er meint, auch Putin sei gläubig. Kürzlich habe er gesehen, wie Putin mit dem Patriarchen sprach, fernab von Kameras. "Sein Blick, seine Geste . . . Man sah, dass er Hilfe suchte."

Für sein geräumiges Atelier mietet Petrow das Erdgeschoss eines Plattenbaus. An der Wand hängen Entwürfe für einen Film, an dem er seit Jahren arbeitet, ein romantisches Märchen. Petrow kommt nicht voran. Es sei die erste Produktion, bei der er versucht habe, an das Publikum zu denken. "Wie muss der Film sein, damit er gut ankommt, wer wird was sagen? Das bremst mich. Als hätte ich gegen ein inneres Gesetz verstoßen."

In der Tradition der Zaren

Andere Städte - andere Schicksale. Wenn es einen kollektiven Putin gibt, dann hat er kein Alter, kein Geschlecht, keinen Wohnort. Wladimir Putin braucht mittlerweile keine Plakate, um überall zu sein, und für Statuen ist er offenbar zu bescheiden. Sechzehn Jahre Putin haben die russische Gesellschaft zwar verändert, aber anders, als man bei dieser Dauer der Amtsausübung annehmen mag. Putin hat den Menschen die Illusion geschenkt, dass sie sich nicht zu verändern brauchen. Die Welt geht schon nicht unter.

Das ist eine archaische Einstellung, die bereits die Zaren pflegten und die in der späten Sowjetunion vorherrschte. Wladimir Putin braucht sie, um an der Macht zu bleiben. Mit etwas Geschick geht das in Russland, erfahrungsgemäß, sehr lang gut. Bis plötzlich nichts mehr geht.