Der Parteichef versteht es nicht nur, sich und die FDP ins Gerede zu bringen, sondern hat mit harter Hand auch eine seltene Geschlossenheit erreicht
(SZ vom 10.05.2002) - Berlin, 9. Mai - Er liebt Showeffekte. Vor dem Mannheimer Congress Centrum, in dem an diesem Wochenende der Parteitag der FDP stattfindet, fuhr Parteichef Guido Westerwelle am Donnerstag im 15 Meter langen, gelb gespritzten Guidomobil vor. Mit dem Camper will er im Bundestagswahlkampf durchs Land fahren, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, wie er sagt. Nicht dass der smarte Ästhet der Typ wäre, der seinen Urlaub auf Campingplätzen verbringt. Aber das Gefährt erregt Aufmerksamkeit und erfüllt damit seinen Zweck.
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Ganz anders, geradezu staatsmännisch präsentierte sich der Spaßpolitiker Anfang dieser Woche in Berlin. Die Politik dürfe nach dem Amoklauf von Erfurt nicht so tun, als hätte sie Rezepte, um derartige Katastrophen zu vermeiden, warnte er. Und fügte an, dass es ihm und seiner Partei mit der Kanzlerkandidatur der FDP, über die auf dem Parteitag in Mannheim entschieden wird, ebenfalls sehr ernst sei.
Vor einem Jahr, auf dem Parteitag in Düsseldorf, als Westerwelle zum jüngsten Vorsitzenden in der Geschichte der FDP gekürt wurde, hatte er sich noch vehement gegen eine Kanzlerkandidatur ausgesprochen. Damals hatte er Angst, dies könne der entscheidende Dreh zu viel sein für die kleine Partei, die sich mit dem ehrgeizigen Wahlziel von 18 Prozent und der Strategie der Unabhängigkeit genug aufgeladen habe.
Zudem galt es damals, den Führungsanspruch gegenüber dem mächtigen NRW-Landesvorsitzenden Jürgen Möllemann geltend zu machen. Der war es, der der FDP die Strategie 18, zu der auch die Kanzlerkandidatur gehört, schmackhaft gemacht hatte.
Heute sieht das Bild anders aus, ein Erfolg ist zu bilanzieren. Bei drei Landtagswahlen ist die FDP in Hamburg, Berlin und Sachsen-Anhalt wieder in die Landesparlamente zurückgekehrt, in Magdeburg mit phänomenalen 13,28 Prozent. In Meinungsumfragen liegen die Liberalen stabil zwischen neun und 12 Prozent. Es erscheint keineswegs unwahrscheinlich, dass die Partei im Herbst wieder ins Bundeskabinett einrückt und den Königsmacher spielt, wie in alten Zeiten.
Sogar Möllemann gehorcht
Der Erfolg geht vor allem auf das Konto des Parteichefs Westerwelle, der unumstritten die Nummer Eins ist. Selbst einstige Kritiker hat er von seinen Führungsqualitäten überzeugt. So ist der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel nach eigenen Worten überrascht, wie klug Westerwelle jung und alt gleichermaßen einbindet.
Partei-Vize Rainer Brüderle lässt sich hinreißen zu der Feststellung, dass Westerwelle "seine Sache einfach großartig macht". Und Schatzmeister Günter Rexrodt meint gar, Westerwelle sei "ein Glücksfall für die Partei". Selbst der Querulant Möllemann hat sich fügsam in die zweite Reihe eingeordnet und gibt neuerdings den Teamplayer.
Die Partei führt Westerwelle wie ein Orchesterdirigent, und er hat einen aufmüpfigen Klangkörper, der bislang nur dissonante Töne produzierte, zum harmonischen Einklang gebracht. Dabei achtet er streng darauf, dass in der Führungsriege niemand aus der Reihe tanzt. Als Rexrodt sich ausgerechnet am Wahlsonntag von Sachsen-Anhalt für eine Einschränkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall aussprach, wurde das gleich am nächsten Tag in der Präsidiumssitzung gegeißelt. Aber nicht, weil Rexrodts Position inhaltlich nicht zu vertreten wäre, sondern weil er zu diesem Zeitpunkt die Wähler eher verschreckte und keine zusätzliche Stimme gebracht hätte.
Ließ sein Vorgänger Wolfgang Gerhardt die Zügel locker, so hat Westerwelle sie straff in der Hand; er setzt selber Schwerpunkte und bestimmt die Agenda. Die Parteispitze ist heute so geschlossen, dass über Interna aus den Gremiensitzungen nur noch wenig an die Öffentlichkeit dringt, die Liberalen wirken wie eine verschworene Gemeinschaft.
Sie tun alles, um Aufmerksamkeit zu erregen, Westerwelle voran. Verglichen mit den Gags, die Guido und seine Spaßtruppe sich einfallen lassen, erscheinen die Fallschirmabsprünge Möllemanns inzwischen schon harmlos. So war Westerwelle als einziger Politiker im Container der Fernsehserie Big Brother, in der Sabine-Christiansen-Show hielt er nach der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt demonstrativ seine Schuhsohlen in die Kameras, auf denen gelb die Zahl 18 angebracht war. Die Schuhe wandern jetzt ins Oldenburger Landesmuseum, doch die Gags werden die FDP im Bundestagswahlkampf begleiten.
Am liebsten hätte Westerwelle möglichst viele Promis dazu bewogen, für die FDP zu kandidieren, etwa den Modedesigner Wolfgang Joop. Geblieben ist der ehemaligen Glücksrad-Moderator und einstige Porno-Darsteller Peter Bond, der in Mecklenburg-Vorpommern auf Platz zwei der Landesliste kandidiert.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wieso die Werbeagentur, die für die Partei das professionelle Eintreiben von Spenden übernommen hat, auf die Idee kommen konnte, einen TV-Spot mit dem Pornostar Dolly Buster ("drei mal sex") zu produzieren. Erst auf Intervention des Präsidiums verschwand der Fernsehspot im Archiv.
Dass die Wähler bei so viel Show nicht mehr wissen, wofür die FDP eigentlich steht, stört bisher nur wenige kritische Geister wie den früheren Parteivorsitzenden Otto Graf Lambsdorff. Zweiflern begegnet Westerwelle neuerdings mit einem Spruch des verstorbenen CSU-Politikers Richard Stücklen: "Bei Politikern, die selbst nicht lachen können, hat das Volk auch nichts zu lachen".
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