Gewalt in Ägypten Dutzende Tote bei Unruhen in Kairo

Straßenschlachten, Panzerfahrzeuge, die in die Menge fahren, 26 Tote und etwa 350 Verletzte. Es sind Szenen wie im Bürgerkrieg. Erneut prallen Muslime und Kopten in Ägypten gewaltätig zusammen - und sorgen für Entsetzen. Acht Monate nach dem Sturz des Mubarak-Regimes beklagt der von der Militärregierung eingesetzte Ministerpräsident Scharaf Rückschritte für das Land.

26 Menschen sind bei Straßenschlachten zwischen koptischen Christen, Sicherheitskräften und Muslimen im Zentrum Kairos ums Leben gekommen. Etwa 350 Menschen wurden zudem verletzt. 22 Todesopfer wurden nach Angaben von Polizisten und Ärzten unter den Kopten gezählt, zudem starben demnach vier Soldaten. Auch aus der Hafenstadt Alexandria wurden Unruhen gemeldet. Am Montag setzten sich die Zusammenstöße fort. Tausende Christen protestierten vor jenem koptischen Krankenhaus, in das die meisten Opfer gebracht worden waren. Bei den neuerlichen Protesten wurden nach Behördenangaben Steine auf Sicherheitskräfte geworfen. Augenzeugen berichteten zudem von einem in Brand gesteckten Polizeifahrzeug.

Ägypten taumelt ins Chaos

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Zuvor war in Kairo eine zunächst friedliche Demonstration von etwa 2000 koptischen Christen gegen einen Brandanschlag radikaler Muslime auf eine Kirche im Süden des Landes in Gewalt umgeschlagen und eskaliert. Die Militärführung verhängte nach den blutigen Zusammenstößen eine nächtliche Ausgangsperre über Teile der Hauptstadt und kündigte eine rasche Untersuchung an. Bereits im März hatte es in Kairo einen Ausbruch religiös motivierter Gewalt gegeben. Damals starben 13 Menschen. Auslöser war ebenfalls Brandstiftung in einer Kirche.

Am Sonntagabend gerieten die Demonstranten vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens mit Bewohnern der umliegenden Wohnviertel und dem Militär aneinander. Mehr als 1000 Polizisten und Soldaten waren mit gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Mena am Montag berichtete, wurden Dutzende Demonstranten festgenommen. Ihnen wird "Anstiftung zu Chaos" vorgeworfen. Offen blieb, ob es sich bei den Festgenommenen um Christen oder Muslime handelt.

Die Darstellungen über den Auslöser der Gewalt gingen auseinander. Nach Schilderungen des ägyptischen Fernsehens schossen zuerst Demonstranten auf Soldaten und bewarfen sie mit Steinen. Dagegen berichteten koptische Demonstrationsteilnehmer den Reportern der Webseite almasryalyoum, dass zunächst sie beschossen worden seien, als ihr Marsch den Platz vor dem Fernsehgebäude erreicht habe. Zwei Panzerspähwagen der Armee seien mitten in die Menge gefahren, berichteten Augenzeugen. Dabei seien mehrere Demonstranten überrollt und getötet worden. Zumindest ein Militärfahrzeug ist auf Fernsehbildern zu sehen, wie es in die Menschenmenge rast. Dabei sollen ein halbes Dutzend Demonstranten erfasst worden sein, einige von ihnen wurden durch die Luft geschleudert.

Die Kämpfe weiteten sich in der Nacht auf den nahegelegenen Tahrir-Platz aus, wo der Sturz des ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak durch Massenproteste von Muslimen und koptischen Christen eingeleitet worden war. Tausende Menschen lieferten sich dort nun Auseinandersetzungen, bei denen sie Steine und Brandbomben einsetzten. Einige rissen das Straßenpflaster auf, um sich Steine als Munition zu beschaffen. Militärfahrzeuge, ein Bus und Privatautos wurden in Brand gesteckt. Nach Mitternacht zogen Menschengruppen durch die Innenstadt und griffen Fahrzeuge an, in denen sie christliche Passagiere vermuteten.

Die EU rief die ägyptische Führung dringend zum Schutz der koptischen Christen auf. "Das ist nicht akzeptabel, dass Menschen körperlich oder sogar mit dem Leben bedroht werden, weil sie ihren christlichen Glauben praktizieren wollen", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) auf einem EU-Ressortcheftreffen in Luxemburg. Es sei "an der Zeit", dass die Regierung "religiöse Toleranz schützt". Das sei auch essenziell für die EU-Partnerschaft mit den Ländern des arabischen Frühlings. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte, die Regierungsverantwortlichen müssten ihre Bürger schützen, "wer auch immer sie sind, woher sie kommen oder welchen Glauben sie haben".

Radikale Muslime in Ägypten wiesen eine mögliche Schuld für den Gewaltausbruch inzwischen zurück. Man verurteile, was geschehen ist, erklärte ein Sprecher der sogenannten Salafisten-Bewegung. Die oppositionelle Jugendbewegung 6. April, die im vergangenen Winter und Frühjahr maßgeblich die Proteste gegen das alte Mubarak-Regime mitorganisiert hatte, wertete die Eskalation als Versuch, "den friedlichen Charakter der Revolution" zu zerstören.

Die Kopten protestierten mit ihrer Demonstration gegen einen Anschlag auf eine Kirche im Süden des Landes. Tausende Christen waren nun zum Gebäude des staatlichen Fernsehsenders marschiert, schwenkten dabei Kreuze und skandierten "nieder mit dem Marschall". Gemeint war damit der Armeechef Hussein Tantawi vom regierenden Militärrat. Mit Stöcken bewaffnete Muslime vertrieben die christlichen Demonstranten vom Gebäude. Bereitschaftspolizisten versuchten, Hunderte christliche Demonstranten zurückzudrängen, die skandierten: "Dies ist unser Land." Es waren Schüsse zu hören. Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, woraufhin sich die Auseinandersetzungen auf den Tahrir-Platz verlagerten. Christliche Demonstranten sagten, ihre Demonstration habe als friedlicher Versuch eines Sitzstreiks beim Gebäude des staatlichen Fernsehsenders begonnen. Doch dann seien sie von Männern in Zivil angegriffen worden, die sie mit Steinen beworfen und mit Schrotkugeln beschossen hätten.