Regierungskritiker in Russland Wer Klartext spricht, lebt gefährlich

Die organisierten Soldatenmütter sind scharfe Kritiker des Präsidenten - hier ringt eine von ihnen in der Stadt Kostroma um Fassung

(Foto: AFP)

Kämpfen russische Soldaten in der Ostukraine? Moskau sagt Nein. Wer in Russland daran zweifelt, muss mit Repressionen rechnen - selbst wenn es sich um Soldatenmütter handelt.

Von Julian Hans, Moskau

Wenige Stunden vor dem Überfall hat Lew Schlossberg noch ein Interview gegeben. Er sprach - wie immer - Klartext: Dass Soldaten der russischen Streitkräfte scheinbar zu Manövern entsandt und dann an der ukrainischen Grenze gezwungen werden, als "Freiwillige" in einen unerklärten Krieg zu ziehen, sei ein "Verbrechen des Staates", sagte er dem lokalen Ableger des Senders Echo Moskaus in der Stadt Pskow.

"Es gibt keinen Befehl des Oberkommandierenden, es gibt keinen Befehl des Verteidigungsministers und keinen Befehl des Kommandierenden der Luftlandetruppen. Aber die Leute kämpfen und sterben dort." Am selben Abend, es war Freitag, wurde Schlossberg auf dem Nachhauseweg von Unbekannten brutal zusammengeschlagen. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kam, hatte er ein Schädel-Hirn-Trauma und eine gebrochene Nase.

Wer zweifelt, gilt schnell als Volksverräter

Wer in Russland die offizielle Version anzweifelt, dass im Donbass eine örtliche Volksmiliz ohne russisches Zutun die friedliche Bevölkerung gegen einen Genozid durch die ukrainische Armee verteidigt, gilt als Volksverräter und muss sich auf alles gefasst machen. Besonders, wenn er prominent ist. Aber nicht nur.

Lew Schlossberg eine bekannte Persönlichkeit zu nennen, wäre wohl übertrieben. In den russischen Staatskanälen, über die sich mehr als 90 Prozent der Menschen im Land informieren, taucht sein Name nicht auf. Als Abgeordneter sitzt er nicht in der Staatsduma in Moskau, sondern im Regionalparlament des Gebiets Pskow, das im Nordwesten des Landes an Estland, Lettland und Weißrussland grenzt. Er leitet den örtlichen Ableger von Jabloko, jener liberalen Partei, die in der Landespolitik lange schon keine Rolle mehr spielt. Und er gibt die Provinzzeitung Pskowsker Gouvernement heraus.

Unter kritischen Bürgern, die sich über das Internet andere Informationsquellen erschließen als die offiziellen, machte eine achtminütige Rede Schlossberg schlagartig bekannt, die er am Weihnachtstag 2012 im Parlament in Pskow hielt. Mit unterdrücktem Zorn nannte er das Gesetz, das es US-Bürgern verbietet, russische Kinder zu adoptieren "menschenverachtend, verantwortungslos und niederträchtig" und er nannte Zahlen aus der Statistik: Im vorangegangenen Jahr waren in russischen Pflegefamilien 1220 Kinder umgekommen, in amerikanischen 19.

"Ich könnte Kiew in zwei Wochen einnehmen"

Scharfe Töne aus dem Kreml: Laut Informationen der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" soll der russische Präsident Putin EU-Kommissionspräsident Barroso gedroht haben, er sei in der Lage, Kiew in kürzester Zeit einzunehmen. Der ukrainische Verteidigungsminister befürchtet im Krieg gegen Russland "Zehntausende Tote". mehr ...

Wenn der Staat es nicht schaffe, die Gesundheit seiner Kinder zu gewährleisten, sollte das wenigstens anderen erlaubt sein. Nach der Annexion der Krim im März machte erneut eine geschliffen scharfe Rede Schlossbergs auf Youtube die Runde. Dafür, dass er fast im Alleingang beweist, dass Abgeordnete mit ihrer Stimme etwas bewegen können - nicht nur bei Abstimmungen, sondern durch die öffentliche Rede- hat der 51-Jährige schon in der Vergangenheit immer wieder antisemitische Drohungen bekommen. Nun haben die Schläger die Drohungen wahr gemacht.