Die Regierungsbildung in Belgien ist nach Monaten gescheitert: Der designierte Ministerpräsident Yves Leterme hat sein Mandat an den König zurückgegeben. Ihm ist es nicht gelungen, die niederländisch- und französischsprachigen Lager zu versöhnen.
Für den Vlaams Belang, die rechtsextreme und separatistische Partei der Flamen im Norden, ist es der Beweis: Das Land der Belgier, das niederländischsprachige Flamen, französischsprachige Wallonen, meist frankophone Brüsseler und eine kleine deutschsprachige Minderheit im Osten gemeinsam bilden, sei nicht mehr durch eine zentrale Regierung zu führen.
"Ich habe alles mir Mögliche getan" - Yves Leterme gibt auf. (© Foto:)
Anzeige
So reagierte ein Parteisprecher am Samstag auf die Nachricht, dass der flämische Christdemokrat Yves Leterme zum zweiten Mal seinen Auftrag zur Regierungsbildung zurückgegeben hat. Und damit einräumte, dass auch 174 Tage der Verhandlungen mit den potentiellen Koalitonspartnern nicht reichten, um die tiefen Interessengegensätze zwischen den Landesteilen zu überbrücken.
Nach den Parlamentswahlen vom 10. Juni schien alles klar für Leterme. Seine christdemokratische CDV war gerade die stärkste Kraft im Bundesparlament geworden. Um Guy Verhofstadt als Chef der Bundesregierung ablösen zu können, musste nur noch ein anderer Sieger gefunden werden. Der fand sich in der MR, der frankophonen Partei der Liberalen unter Finanzminister Didier Reynders als größte Fraktion unter den französischsprachigen Abgeordneten.
Zusammen mit den flämischen Liberalen und den frankophonen Christdemokraten wollte sich Leterme auf eine Koalition stützen, die mit 81 der 150 Parlamentssitze eine stabile Mehrheit hat. Daraus wird nun erst einmal nichts.
Monatelange Regierungsbildungen sind für die Belgier nicht ungewöhnlich, denn die Interessen einer föderalen Regierung mit denen dreier Regionen und dreier Sprachgemeinschaften unter einen Hut zu bekommen, wird immer schwerer. Die Reformen der staatlichen Institutionen in den vergangenen Jahrzehnten haben vor allem die Stellung der Flamen gestärkt. Trotzdem stellte außer dem Vlaams Belang, mit dem die anderen Parteien jegliche Zusammenarbeit ablehnen, keine Partei die Existenz Belgiens ernsthaft in Frage.
Dagegen sprechen ohnehin auch viele praktische Argumente. Was würde aus Brüssel, dessen Außengrenzen nirgendwo an die Wallonie grenzt? Wie sollte Belgien seine Staatsschulden aufteilen? Wie die Sozialkassen, die Armee und vieles andere mehr. Und was würde aus einer Monarchie, deren Kopf den Titel des "Königs aller Belgier" trägt?
Dennoch greift die Furcht vor einem Zerschlagen der letzten förderalen Strukturen und damit des Staats als Ganzes um sich. Vor allem in Brüssel hängen in tausenden Fenstern schwarz-gelb-rote Nationalfahnen als Zeichen der Einheit.
Erst vor zwei Wochen waren mindestens 35.000 Menschen in Brüssel "Für die Einheit" auf die Straße gegangen. Erfolg hat auch ein Aufkleber, der mit dem Motto "Drei Sprachen, eine Seele, ein Belgien" für die Einheit wirbt. An den Parteien scheinen solche Bewegungen in der Bevölkerung bislang vorbeizugehen.
Vor allem die mit der CDV in einer Wahlliste verbündete nationalistisch geprägte Neue Flämische Allianz (NVA) will keinen Millimeter von ihren Forderungen abrücken. So beharrte die NVA beispielsweise auf einer Kompetenz der Regionen bei der Festsetzung von Sozialleistungen und Unternehmenssteuern. Zwei Forderungen, die das Auseinanderfallen des Landes weiter beschleunigen würden.
Wie es weiter geht? Man könne nun einmal einfach keine Regierung bilden, die die Interessen beider Landesteile repräsentiere, zeigte sich der Vlaams Belang schon sicher. Um das einzusehen, müsse man nicht einmal ein Separatist sein. Doch Aufgeben ist die Sache der anderen belgischen Parteien nicht. Leterme bot noch am Samstag an, er stehe für Staat und Politik weiter zur Verfügung, auch wenn ein dritter Anlauf von ihm kaum erwartet wurde.
Traditionell ist Belgiens Regierungschef zwar ein Flame. Doch die Medien spekulierten bereits, dass als nächster der frankophone Reynders versuchen könnte, eine Regierung aller Belgier zusammenzustellen.
- Regierungskrise in Belgien Getrennte Wege 07.11.2007
(AFP, Matthias Lauber/jkr)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Empfehle richtig zu lesen und dann kommentieren!
Ich schreibe ausdrücklich : Die Flamen sollten, FALLS SIE DIES MöCHTEN........
Und wie Sie lesen (?) können, sind auch noch andere Schreiber, wenigstens in etwa, meiner Meinung.
Und gerade Frankreich war und ist immer am "Landerwerb" interessiert. Wallonien hätte man immer schon gerne vereinnahmt.
Das ist Teil eines unvermeidlichen und langfristig sinnvollen internen Wachstumsprozesses der EU. Das einzige Problem dabei, ist die Unflexibilität der Wallonen, die nicht akzeptieren wollen, dass sie (schon seit langer Zeit) nicht mehr das Staatsvolk sind.
Die Aufspaltung wird das verzögern, aber nicht aufhalten. Was jetzt stattfindet, ist bereits die Aushandlung des Preises und dafür brauchen die geschäftstüchtigen Flamen gewiss keinen Rat von aussen. Und ein autonomer EU-Distrikt Brüssel ist sicher auch sinnvoll.
@carluke2001
Ich kann Ihnen nur absolut zustimmen. In meinen Augen führt die Regierungskrise in Belgien bei den Belgiern vor allem zu einer weitgreifenden Politikverdrossenheit, nicht aber zur Ablehnung der anderen "Volksgruppe". Deshalb bin ich mir auch sicher, dass sie das wieder hinbekommen!
In den 70er Jahren hat man im Zuge des Sprachenstreits die Universität von Leuven getrennt und eine eigene französischsprachige Universtität in der Nähe gebaut. Heute halten die Studenten beider Universitäten gemeinsame Solidaritätsveranstaltung für die Einheit Belgiens ab. Ich glaube nicht, dass da wirklich etwas zerbricht, weil der Staat schon andere Krisen überstanden hat!
...um das Land und seine sympathischen Bürger, da sich die Mehrheit der Bevölkerung - auch wenn es viele Politiker jeglicher couleur nicht wahrhaben wollen - durchaus noch mit ihrem Staat identifiziert.
@freier.franke: Was Sie schreiben ist - mit Verlaub gesagt- ziemlicher Blödsinn, da weder die Flamen zu den Niederlanden oder die Wallonen zu Frankreich wollen, noch diese beiden Länder irgendein Interesse an der Aufnahme der von Ihnen avisierten Neubürger haben. Völlig absurd wird der Gedanke bei den deutsch sprechenden Bewohnern von Eupen und Malmedy, da sich diese - dank der wohl ausgeprägtesten Minderheitenrechte in ganz Europa - in ihrem belgischen Staat sehr bequem eingerichtet haben.
Die Lage in Belgien bietet keinen Grund zur Besorgnis. Wenn doch noch eine Regierung gebildet werden kann ist es gut, wenn das Land geteilt wird ist ein friedlicher Verlauf wie in der Tschechoslowakei zu erwarten, also auch keine Katastrophe. Gegen einen EU-Distrikt Brüssel hätte ich nichts einzuwenden, ebenso wenig gegen einen Anschluss von Flandern an die Niederlande und von Wallonien an Frankreich. Den deutschen Gemeinden in Wallonien sollte im Fall einer Teilung das Recht eingeräumt werden zwischen einem Verbleib bei Wallonien und einem Beitritt zur Bundesrepublik zu wählen.
Für diesmal halte ich es für wahrscheinlicher, dass noch eine Einigung gelingen wird, ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung in Wallonien wird diese aber auch nicht für die Ewigkeit sein. Bleibt also nur den Belgiern (bzw. den Flamen und Wallonen) viel Glück zu wünschen, wie auch immer sie sich entscheiden.
Paging