Referendum zum Sparpaket in Griechenland Erpressung, Drama, Katharsis

Die Atempause nach dem EU-Gipfel ist schlagartig vorbei: Mit ihrem Referendums-Plan will die griechische Regierung ihre Gegner zur Verantwortung zwingen. Die Opposition spricht von "Einschüchterung" und bangt schon um die Zukunft des überschuldeten Landes. Doch noch weiß keiner, worüber genau abgestimmt wird. Klar ist nur: Die Drachme will niemand zurück.

Von Kai Strittmatter

Am vergangenen Donnerstag, in Brüssel war soeben das neue Rettungspaket für Griechenland geschnürt worden, hieß es im Leitartikel der konservativ-liberalen Athener Zeitung Kathimerini, das Abkommen habe immerhin ein Gutes: Die Unsicherheit weiche. "Wenigstens vorübergehend lüften sich die Nebel, und wir wissen, wo wir stehen." Der Leitartikel endete dann mit der Prophezeiung, dem Land werde nun eine "kurze Atempause" zuteil. Aber so kurz? Nicht einmal eine Woche?

Damit hätte keiner gerechnet: Die Vertrauensfrage im Parlament schon an diesem Freitag, ein Referendum über den Rettungsplan wahrscheinlich im Januar - und an jeder Biegung dieses langen Weges die Möglichkeit des Scheiterns eines Pakets, das Europa, das die Welt für eine ausgemachte Sache hielten. Auch die Pasok-Abgeordneten, denen Premier Giorgos Papandreou sein Vorhaben eröffnete, traf der Schritt unvorbereitet.

Finanzminister Evangelos Venizelos, der war eingeweiht. Seine Worte verrieten viel über die Motive hinter dem Schritt. "Ich kann die Umfragen nicht mehr sehen", sagte Venizelos am Dienstag, "in denen sich die Mehrheit gegen das Rettungsprogramm ausspricht, in denen aber gleichzeitig eine Mehrheit den Verbleib in der Euro-Zone möchte." Dann ging er ins Krankenhaus und ließ sich gegen Magenschmerzen behandeln. Griechenlands Führer sind erschöpft - und sie sind es leid, zu Hause verteufelt zu werden für die Entscheidungen, die Europa ihnen aufdrängt.

Die Regierung will nicht länger die Verantwortung alleine tragen. Erst verweigerte sich die konservative Oppositionspartei Nea Dimokratia allen Versuchen, eine Regierung der Nationalen Einheit zu bilden. ND-Führer Antonis Samaras forderte erneut Neuwahlen und sagte, er werde sich nie "zum Komplizen" des Premiers machen. Dann drohten immer mehr Funktionäre der eigenen Regierungspartei Pasok mit Rebellion. Sechs Mitglieder des nationalen Parteirats forderten Papandreou zum Rücktritt auf, die Pasok-Abgeordnete Milena Apostolaki trat am selben Tag aus der Partei aus.

Die Mehrheit der Pasok im Parlament ist damit kurz vor der Vertrauensabstimmung im Parlament auf nur mehr zwei Sitze geschrumpft. Der Premierminister gerät mehr und mehr in Bedrängnis, er fühlt sich von allen allein gelassen, jetzt will er die Bevölkerung in die Pflicht nehmen. "Lasst die Bürger über das Schicksal des Landes entscheiden", sagte Papandreou. Er habe Vertrauen in das Volk.

Es ist wohl Papandreous letztes Ass im Ärmel, laut Kathimerini ein "gefährlicher Schachzug", der sich als "tragischer Bumerang" erweisen könnte: dann nämlich, wenn nun Monate scharfen Wahlkampfs und gewalttätiger Demonstrationen drohen, wenn Märkte, Gesellschaft und Politik nun von noch mehr Turbulenzen und Instabilität heimgesucht werden, an deren Ende im schlimmsten Fall ein "Nein" der Griechen steht.