Referendum in Griechenland Katerstimmung nach der Party

Syriza-Unterstützer feiern Sonntagabend das "Nein" im Referendum

(Foto: Bloomberg)

Die Griechen sagen "Nein", weil sie Premier Tsipras mehr glauben als den Drohungen. Dass ihre Lage nicht einfacher geworden ist, wissen viele.

Report von Matthias Kolb, Athen

Kurz nach der ersten Hochrechnung steht die 28-jährige Thea auf dem Klaythmonos-Platz in Athen und lächelt. Auf ihrem weißen Top klebt ein "Ochi"-Sticker und ihr knallroter Rock fällt mehr auf als jedes Stopp-Schild. Und wie so viele Griechen sieht Thea ihre "Nein"-Stimme als Stopp-Signal: So kann es mit dem Sparen nicht weitergehen.

"Premier Tsipras muss jetzt einen neuen Deal aushandeln. Unsere Schulden müssen umstrukturiert werden, sonst gehen wir unter", sagt sie. Illusionen macht sie sich jedoch keine: "Die Verhandlungen werden schwer werden, die Geldgeber werden uns nicht sehr entgegenkommen." Dennoch ist dieser 5. Juli für sie ein weiterer Sieg nach der Wahl vom Januar, als die Linkspartei Syriza und ihr Chef Alexis Tsipras triumphierten.

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Je länger der Abend dauert, umso klarer wird das Ergebnis: Am Ende haben 61 Prozent beim Referendum mit Nein gestimmt. Viele Athener kennen den Klaythmonos-Platz nur als "Platz der Tränen", doch an diesem Sonntag fließen viele Tränen der Erleichterung. Kurzzeitig fällt die Anspannung ab, auch wenn es nur für ein paar Stunden ist.

Es wird geklatscht, gesungen und getanzt. Als die Syriza-Fans zum zentralen Syntagma-Platz marschieren, sind es vor allem Linke aus dem Ausland, die am triumphierendsten auftreten. Sie schimpfen in Sprechchören auf die Medien sowie die "Troika", also die Geldgeber von EU, Währungsfonds und Europäischer Zentralbank. Es sind diese Menschen, die Tsipras zum Heilsbringer eines "anderen Europas" erklären.

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"Wir brauchen eine Perspektive"

Die meisten Athener betonen hingegen, dass sich ihr "Ochi" nicht gegen Europa richtet. Den naiven Glauben, dass sich nun alle Probleme wie von Zauberhand lösen und die Bankautomaten mit Geld füllen werden, formuliert kaum jemand. Stattdessen erzählen sie von den Schmerzen der sechs Krisenjahre: Von Arbeitslosigkeit, Rentenkürzungen und Kindern, die hungrig zur Schule gehen müssen.

Sie wissen, dass es an der EZB liegt, ob die hellenischen Banken schon bald pleitegehen (Details hier) und ob künftig nur noch 20 Euro pro Tag aus den Automaten kommen. Dass auf diese Nacht des Jubels ein Morgen mit einem dicken Kater folgt, ist vielen bewusst.

Während am Wahltag oft von jener "Würde" (mehr in dieser Reportage) die Rede war, die Premier Tsipras dem Volk wiedergeben wolle, sprechen nun viele von der benötigten "Perspektive". Immer wieder ist zu hören, dass selbst der IWF empfiehlt, Hellas mindestens 30 Prozent der Schulden zu erlassen, damit das Land eine Chance hat. Auch die jungen Griechen versichern, dass sie zu Opfern bereit sind, aber es müsse zugleich die Aussicht auf Verbesserung geben.

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In den Bars rund um den Syntagma-Platz trifft man nur "Nein"-Wähler, die viel diskutieren und vorhersagen, was am Montagmorgen tatsächlich eintritt: Yanis Varoufakis tritt als Finanzminister zurück (weitere Details). Viele seiner Landsleute schämten sich für den glatzköpfigen Professor, dessen provokante Äußerungen wie "Geldgeber sind Terroristen" auch von Syriza-Anhängern immer mehr als Belastung für eine mögliche Einigung mit den Geldgebern angesehen wurden.

Doch auch eines wird an diesem Athener Abend deutlich: Das Argument der Opposition und all der ausländischen Politiker, dass nur ein "Ja" zu weiteren Reformauflagen das Schlimmste verhindern könne, hat nicht überzeugt. Zu oft wurde damit seit 2009 für neue Spar-Runden geworben - und jedes Mal wurde die Lage nicht besser, sondern noch düsterer. Die Arbeitslosigkeit steht bei knapp 30 Prozent, der Schuldenberg wuchs weiter.