Rede zur Inauguration Obama entwirft sein Vermächtnis

Erster unter Gleichen: In seiner Rede zum Amtsantritt zeigt sich US-Präsident Obama gereift - statt großer Versprechen beschwört er die lange Reise in die Zukunft Amerikas. Die Zwischentöne zu Homosexuellen-Rechten und Klimawandel lassen dennoch aufhorchen.

Von Johannes Kuhn

Der Moment: Historisch, erneut. Die Fehlerquote: besser als vor vier Jahren. Damals brachte Supreme-Court-Richter John Roberts den Amtseid und damit Barack Obama durcheinander. Der Präsident musste seinen Schwur später erneut ablegen. Doch an diesem kalten Januartag läuft abseits eines etwas genuscheltem "United States" fast alles glatt. Einzig die schwarze Bürgerrechtsaktivistin Myrlie Evers-Williams liegt bei ihrem Gebet daneben und macht den 44. Präsidenten der USA zu Staatsoberhaupt Nummer 45.

Welches Erbe Obama seinem Nachfolger hinterlassen wird, entscheidet sich vor allem in den kommenden zwölf Monaten. So lange hat Obama Zeit, bis der unerbittliche Kongress-Wahlkampf jede politische Initiative erstickt. Und nach 2014 wird der Amtsinhaber als "lahme Ente" nur kleinere, vermutlich außenpolitische Akzente setzen können.

In seiner Antrittsrede versucht der Präsident deshalb, Amerika noch einmal sein Selbst- und Weltbild zu erklären und es mit dem Realpolitiker Obama in Einklang zu bringen, der sich nicht nur ob der grauen Haare vom Hoffnungsträger Obama aus dem Jahr 2009 unterscheidet. Die Reform der Krankenversicherung beispielsweise, so der Präsident, "macht uns nicht zu einer Nation von Nehmenden. Sie ermöglicht uns die Freiheit, die Risiken einzugehen, die unser Land groß machen".

Kein Revolutionär, sondern Vermittler und Vorbild

Immer wieder beschwört er das Bild der Reise, die mit den Gründungsvätern begann und auf der Überzeugung fußt, dass alle Menschen mit den gleichen Chancen geboren werden. "Der Stern, der uns immer noch führt", sei dieser Glaube.

Und im vielleicht historischsten Moment dieser Rede spannt Obama einen Bogen von den Pioniertagen der USA über die Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King bis hin zu den Rechten Homosexueller: "Unsere Reise ist erst am Ziel, wenn unsere homosexuellen Brüder und Schwestern vor dem Gesetz wie alle anderen behandelt werden", ruft er bestimmt. Es ist das erste Mal, dass ein US-Präsident das Wort "gay" in einer Antrittsrede verwendet.

Obama, der Vermittler, der Erste unter Gleichen auf der Reise Amerikas in die Zukunft - die natürlich, wie stets, eine bessere ist: Das ist das Bild, das er zu vermitteln versucht. Sein Eid unterscheide sich nicht von dem eines Soldaten oder eines Immigranten, der die amerikanische Staatsangehörigkeit annimmt. "Ihr und ich, als Bürger, haben die Pflicht, die Debatten unserer Zeit zu prägen", fordert er.

Dabei appelliert er an seine Generation, "weiterzumachen, wo die Pioniere angefangen haben". Zu den Aufgaben gehöre auch, nach einem "Jahrzehnt des Krieges" und Jahren der wirtschaftlichen Schwäche, die Erderwärmung. "Wir werden auf die Bedrohung des Klimawandels eine Antwort finden, weil ein Versagen hier Betrug an unseren Kindern und den künftigen Generationen wäre", verspricht er.

"Ich werde das hier nie mehr sehen"

Wie er das erreichen, den Konflikt zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz auflösen möchte, lässt er im Vagen - dem Anlass entsprechend stehen Ideen, nicht deren Ausgestaltung im Mittelpunkt. Konkreter könnte der US-Präsident in einigen Wochen in seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation im Kongress werden. Dann wird es auch wieder um den innenpolitischen Konflikt mit den Republikanern gehen, der sich demnächst um die Schuldengrenze und die Schusswaffengesetze drehen wird.

Das dürfte hässlich werden, der Präsident und seine Mitstreiter werden schachern und streiten müssen, wie schon in der ersten Amtszeit könnten am Ende aller Rhetorik schmerzhafte Kompromisse stehen. Der Weg für Obama ist beschwerlich, will er das Versprechen auf Veränderung einlösen, das immer noch viele mit ihm verbinden.

Doch um all diese Niederungen geht es heute nicht. Als Obama die Tribüne vor dem Kapitol verlässt, fangen die Kameras ein, wie der Präsident plötzlich zögert. "Ich will noch einmal da hinausblicken. Ich werde das hier nie mehr sehen", sagt er leise und dreht sich in Richtung der National Mall um, wo Hunderttausende ihm noch vor wenigen Minuten gebannt zugehört haben. Für einige Sekunden blickt der 44. Präsident der Vereinigten Staaten in die Ferne. Und lächelt.

Linktipp: Die Inauguration in der Liveblog-Nachlese.