Ein Kommentar von Christian Wernicke

Der Anwärter für das Weiße Haus hat eine bewegende Rede gehalten, in der er Einigkeit zwischen Schwarzen und Weißen beschwor. Sie hat nur einen Schönheitsfehler: Barack Obamas Motivation.

Es war eine bewegende Rede. Eindringlich hat Barack Obama, der schwarze Kandidat für das Weiße Haus, an seine Nation appelliert, alte Gräben zu überwinden.

Bild vergrößern

Unliebsames Thema mit Krisenpotenzial: Barack Obama muss sich zum wiederholten Male von seinem Pastor distanzieren. (© Foto: AFP)

Anzeige

Der Kandidat hat die Wahrheit gesagt: Dass Schwarze wie Weiße das bittere Erbe der Sklaverei und den Rassenkonflikt bis heute in ihrem tiefsten Innern kultivieren. Seine Antwort ist ein neuer amerikanischer Traum, eine Eintracht, die Vorurteile überwindet.

Allein, Barack Obama hat seine einigende Botschaft nicht aus freien Stücken verkündet. Der Orator mit dem Anspruch, ein nationaler Versöhner zu sein, war zuvor in die Defensive geraten.

Journalisten hatten in den Archiven gestöbert und Hetzreden seines Pastors in Chicago zu Tage gefördert: Ausgerechnet jener Gottesmann, der Obama vor 20 Jahren zum Christentum bekehrte und später traute, hatte wiederholt gepoltert, Rassismus gehöre zum Gründerfundament der Vereinigten Staaten.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 predigte der Vertraute des Präsidenten in spe sogar, die Nation habe die Anschläge - per Atombombe auf Hiroschima und mit proisraelischer Nahostpolitik - selbst über sich gebracht. Obama distanziert sich, bestreitet jede klammheimliche Sympathie. Und er riskiert dennoch, dass sich die Tiraden seines früheren Ziehvaters erst recht in den Köpfen der Amerikaner festsetzen werden.

Obamas Gegner - Hillary Clinton in der eigenen Partei und erst recht die Republikaner - werden der Versuchung kaum widerstehen, die Strahlkraft des schwarzen Mannes mit den düsteren Zitaten seines Pastors zu schmälern. Der Kandidat will Eintracht säen - aber dass seine Ernte im Weißen Haus aufgehen wird, ist plötzlich fraglicher denn je.

Leser empfehlen 

(SZ vom 19.03.2008/grc)