Rechtsradikalismus "Einmal Nazi, immer Nazi" ist der falsche Ansatz

Das Misstrauen der Gesellschaft gegenüber Aussteigern aus der rechten Szene ist berechtigt. Ein bloßer Parteiaustritt genügt nicht, um die braunen Kameraden hinter sich zu lassen. Dennoch gilt: Auch Rechtsextremisten haben ein Recht auf Resozialisierung. Die demokratische Mehrheit muss Aussteigern einen Rückweg in ihre Mitte anbieten.

Ein Kommentar von Jan Bielicki

Jasmin Apfel ist ausgestiegen. Aus ihrer Ehe. Das sollte eigentlich Privatsache der Eheleute sein, auch wenn ihr Gatte Holger als Chef der rechtsextremen NPD einer der prominentesten Neonazis des Landes ist. Aber - und da wird das Private politisch - sie hat nicht nur den Mann verlassen, sondern auch die Partei und deren Frauenorganisation.

Neonazi bei einer NPD-Kundgebung: Ausstieg mit Hilfe von Druck und Angebot.

(Foto: ddp)

Zwar weiß wohl nur sie selbst, ob sie damit auch abrückt von ihren extremistischen Anschauungen, die sie als radikale Aktivistin bereits lange vor ihrer Heirat mit dem Parteichef propagiert hatte. Doch ein wichtiger Schritt weg aus dem Kern der braunen Szene ist ein solcher Parteiaustritt allemal.

Es bleiben immer Zweifel, wenn jemand, der sich lange im braunen Sumpf suhlte, plötzlich kundtut, kein Neonazi mehr sein zu wollen. Gleich mehrere szenebekannte Rechtsextremisten haben sich in den vergangenen Wochen aus dem Milieu entfernt - oder zumindest den Anschein erweckt, es tun zu wollen.

Das ist zunächst einmal erfreulich, auch wenn etwa die Ausstiegsbekundungen eines Michael Fischer, Freund der Olympia-Ruderin Nadja Drygalla und eben noch führender Neonazi in Rostock, bislang bloße Behauptung bleiben. Ein Nazi, der sich ins Private zurückzieht, bleibt zwar ein Nazi. Er schadet aber weniger als einer, der weiter auf den Straßen und im Internet agitiert.

Ein Parteiaustritt ist noch kein Ausstieg

Ein richtiger Ausstieg sieht jedoch anders aus. Mit einem bloßen Parteiaustritt ist es nicht getan. Aussteigen bedeutet, das Milieu der braunen Kameraden hinter sich zu lassen - und vor allem die mörderische Ideologie, die es zusammenhält. Das ist ein oft langwieriger Prozess und für den Einzelnen, oft schon als Teenager in die Szene gesogen, gewiss nicht immer leicht. Darum ist hier auch die Gesellschaft gefragt: Wie kann sie die oft sehr jung Radikalisierten zum Aussteigen bewegen? Wie geht sie um mit jenen, die ausgestiegen sind?

Nötig ist nach allen Erfahrungen, die auch die jüngsten Ausstiege von Promis bestätigen, eine Doppelstrategie aus Druck und Angebot. Klar muss sein: Wer rechtsextreme Hassparolen verbreitet, grenzt sich selber aus - und er muss dies auch zu spüren bekommen, im Sportverein, in der Freiwilligen Feuerwehr, in den Elternvertretungen der Schulen, im Alltag eben. Nazi sein, aber sonst ein netter Mensch - diese Masche darf eine demokratische Gesellschaft ihren Feinden nicht durchgehen lassen. Das tut sie auch immer weniger. Das Entsetzen über die Morde der Neonazi-Terroristen von Zwickau hat die Bereitschaft deutlich sinken lassen, Rechtsextremisten im Alltagsleben unausgesprochen zu dulden.

Es muss einen Rückweg in die Gesellschaft geben

Doch so wichtig die Abgrenzung gegen die Extremisten ist: Durch diese Grenze muss ein Rückweg in die Gesellschaft möglich bleiben für jene, die zurück wollen. Gerade junge Leute, die anfällig sind für die Rekrutierungskampagnen der Extremisten, müssen die Gewissheit vermittelt bekommen, dass es außerhalb der in ihrem Hass verschlossenen Nazi-Kameradschaften noch eine andere Welt gibt.

Das ist etwas, wozu staatliche Programme beitragen, was sie aber nicht alleine leisten können. Eltern, Familie, Freunde, Lehrer, Trainer, Seelsorger - sie alle müssen deutlich machen, dass sie das Gedankengut der Neonazis zwar strikt ablehnen, aber dennoch da sind für den Menschen, der beginnt, es hinter sich zu lassen.

Das gilt erst recht für solche Menschen, die es geschafft haben, mit der Szene und ihrer Ideologie zu brechen. Auch Rechtsextremisten haben ein Recht auf Resozialisierung. Dazu gehört freilich, sich der Verantwortung für die Taten und Worte der eigenen braunen Vergangenheit zu stellen. Wer das aber tut, der darf nicht weiter ausgegrenzt werden. Es gibt bei allem berechtigten Misstrauen eben nicht die Regel: einmal Nazi, immer Nazi. Zum Glück nicht.