Weiter am Stadtrand, wo die Neubauriegel stehen und die Lebensverhältnisse ärmlicher werden, treibt die Wut Petra Lamm Tränen in die Augen, weil es jetzt wieder so aussieht, als sei in der Jugendarbeit gar nichts passiert. Sie leitet hier die Kinder-Öko-Insel und versucht, auch Eltern beizubringen, dass man reden kann miteinander und den Kindern mal zeigen, "dass sie was wert sind". Das hilft, sagt sie, "man kriegt hier schon was bewegt". Nur, dass man eben nicht alle erreicht.
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Uwe Liem sitzt vor einem Flachbau im Wald, hier stand mal ein Störsender der Stasi. Liem sieht aus wie Rübezahl, mit Rauschebart und wilder Körperbemalung, insgesamt hat er mehr als 20 Jahre gesessen, jetzt lebt er hier mit obdachlosen Männern, denen der Alkohol den Geist und die Gesichter verwüstet.
Er tat keinem etwas zuleide
Auch "Stippi" hat hier getrunken, ein Kleiner mit rotem Bart, den sie "Rumpelstilzchen" nennen. Manchmal redet er wirr, häuft Müllberge an, zuleide tut er keinem was. "In keiner Weise gewalttätig", sagt Polizeichef Harald Löschke. "Ein friedlicher Patron", sagt Pfarrer Schein. "Der konnte kein totes Huhn von der Stange stoßen", sagt der Schwager des Toten. Wieso dann dieser Gewaltausbruch? Er zuckt die Schultern. "Kann ich doch nix dafür."
Es sind da wohl manche Gefühle erkaltet zwischen Bernd K. alias "Stippi" und seinen sieben Geschwistern, die erleben, wie ihm die Liebe seiner Frau abhanden kommt, die Arbeit und der Mut zu kämpfen. Er hat zwei halb erwachsene Kinder und ein Haus, aber immer öfter schläft er in einer gammeligen Böttcherwerkstatt in Templin, die er von seinem Vater geerbt hat.
Es gibt da weder Strom noch Wasser, also kocht er auf offener Flamme, bis die Feuerwehr kommt. Die Verwandten nebenan haben jetzt genug, es gibt Streit wegen seiner alten Maschinen, die ein Neffe verscherbelt. Mit dem Erlös hat er das Dach gedeckt, sagt der Neffe. "Stippi" fühlt sich ausgeplündert.
Wenn einer mal fällt, dann fällt er schnell, aber bleibt nicht unbedingt allein. "Stippi" sucht sich eine neue Familie, und er ist nicht wählerisch. Am Abend vor seinem Tod trinkt er mit Christian W., einem schmalen Kerl mit reizbarem Gemüt, der wie andere junge Rechte im Obdachlosenheim verkehrt. Die Rechten wollen keine "Penner" sein und die "Penner" keine Rechten, beim Bier aber findet man zusammen.
Ein grausamer Anblick
Christian W., Sohn eines arbeitslosen Fleischers, hat früh geklaut und Keller angezündet, wenn er trinkt, schlägt er schnell zu, heißt es bei der Polizei. Zweimal wird er wegen Zeigens verfassungswidriger Kennzeichen straffällig, sagt die Staatsanwältin, er landet wegen Körperverletzung und Brandstiftung in Haft. Es sieht nicht aus, als hätte ihn das beeindruckt. In der Nacht vor der Tat streitet er mit einem Obdachlosen, dann latscht er mit "Stippi" in die Stadt.
Wenn stimmt, was der Rübezahl Uwe Liem erzählt, und die Ermittler glauben ihm, ist "Stippi" tot, als er ihn findet. Gegen halb fünf Uhr morgens geht Liem Pfandflaschen suchen, er braucht Geld und Sprit. Weil "Stippis" Schuppen offensteht, geht er rein, macht Licht mit dem Feuerzeug, sieht ihn liegen. Er ist so zugerichtet, dass Uwe Liem sich übergibt.
Netzow bei Templin ist ein Dorf in einer romantischen Seenlandschaft, und man erreicht es über einsame Landstraßen und Alleen. Vor dem Neubau, in dem Steffi P. zu Hause ist, torkeln die Menschen schon morgens oder hocken mit erloschenem Blick am Fenster. Es sind jetzt viele weg hier, und wer bleibt, wird eben woanders nicht gebraucht.
Steffi P. gehört zu den letzten Frauen im Dorf, sie ist 25, hat eine Sprachheilschule besucht und redet schon viel besser als früher. Einen Job als Gärtnerin gibt man ihr nicht, also wartet sie mit Freund und Tochter auf bessere Zeiten, und wenn man sie fragt, was sie so macht, sagt sie: "Nüscht. Garten. Kaffeetrinken."
Steffi P. ist hier aufgewachsen, mit ihrem kleinen Bruder Sven, der jetzt als Mörder verdächtigt wird. Der 18-Jährige ist ein langer Schlaks, der den kleinen "Stippi" totgetrampelt haben soll. Außer sich und fast so, als wollte er vernichten, was er selbst zu werden drohte. Steffi P. will das nicht glauben, aber sie hat gelesen, was die Freundin von Christian W. Bild anvertraut hat.
Getrunken, gestritten
Wenn das stimmt, dann haben Sven P. und Christian W. ihr um vier Uhr morgens beschrieben, wie sie mit "Stippi" getrunken haben, wie Streit ausbricht und Christian W. ihm ins Gesicht schlägt. Er fällt um, Sven P. tritt, bis er tot ist. Später soll er zurückgegangen sein, um ihn anzuzünden. Ob das so war, weiß keiner, die Anwälte der Beschuldigten wollen sich nicht zu der Sache äußern.
Christian W. jedenfalls hat der Polizei wohl so was Ähnliches erzählt wie seine Freundin, jetzt ermittelt man gegen ihn wegen Totschlags, gegen Sven P. dagegen wegen Mordes. Ob es DNS-Spuren gibt, die diesen Tathergang belegen, verraten die Ermittler nicht. Die Freundin von Christian W. soll, statt die Polizei zu rufen, erst mal die Kleider der beiden Jungs gewaschen haben.
Steffi P., die Schwester des Hauptbeschuldigten, sitzt jetzt zusammengefaltet an der Kante eines Sessels. Sie hofft, "dass man keine Hautpartikel an dem Sven seine Schuhe gefunden hat". Kann doch sein, sagt sie, dass dieser Christian W. sich rächen will an ihrem Bruder, der mal gegen ihn ausgesagt haben soll. Angeblich, sicher ist sie da nicht.
Überhaupt weiß diese junge Frau erstaunlich wenig von ihrem Bruder, der immer blass war, still, einer mit Brille, der zweimal durchfällt, bevor er die Schule abbricht. Er kriegt eine "Maßnahme" vom Amt, jobbt als Anstreicher. Vor vier Jahren stirbt der Vater, da verstummt er fast, frisst alles in sich hinein, erzählt die Schwester, "der redet jetzt gar nicht mehr mit uns". Und die Mutter? "Die redet auch nicht. Die möchte von ihm nichts mehr wissen." Es hat wohl keiner in der Familie versucht, Sven P. zu besuchen und zu fragen, was war.
Pöbeln, drohen, schlagen
Was bleibt, sind Akten, und sie sind nicht geeignet, Sympathie für den Hauptverdächtigen zu wecken. Im Oktober 2007, als junge Männer in Templin "Sieg Heil" brüllen, tritt Sven P. einem Polizisten in den Unterleib. Er kriegt vier Wochen Jugendarrest, wenig später stellt sich heraus, dass er Anfang Juni einen Mann mit einem Teleskopstab geschlagen und als "Juden" beschimpft hat.
Man verurteilt ihn zu sechs Monaten Jugendhaft auf Bewährung. Es kommt immer mehr ans Licht. Mitte Juni 2007 grölen rechte Kameraden auf einem Parkplatz "Scheißneger, verpiss dich aus Deutschland". Gemeint ist Philip Perera, ein Gymnasiast, dessen Vater aus Sri Lanka stammt. Er ist hier der Einzige mit dunkler Haut, und als man ihn angreift, schlägt er zurück.
Sven P. gilt als tatverdächtig, aber da er schon verurteilt ist, wird der Übergriff nicht verfolgt. Im Oktober belagern mehr als 30 Rechte den Pub, in dem Perera arbeitet, er flieht im Auto. Rassismus, blöde Sprüche, "das ist Alltag für mich", erklärt er betont gelassen. Er geht jetzt ins Fitnessstudio, anzeigen will er die Neonazis nicht. Wir wissen, wo du wohnst, haben sie ihm gesagt. Er lässt sich nicht zum Opfer machen, sagt Perera.
Als Bernd K. alias"Stippi" begraben wird, da fällt kein böses Wort, und die Pastorin erspart sich alle Fragen nach der Gewalt, dem Schweigen, der Gleichgültigkeit. Zwei Männer mit Handschuhen tragen die Urne weg und versenken sie vor einem blankpolierten Stein. "Bitte die Anlage nicht betreten!", steht auf einem Schild, das im Grab steckt. In Templin soll wieder Ordnung einkehren.
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(SZ vom 4.8.2008/vw)
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"Jemand soll ihn ins Gesicht getreten haben, bis der Schädel geborsten ist."
Bekommen wir jetzt fairer Weise eine gleichsam intensive politische Debatte, wie wir sie zur Äusländergewalt hatten? Wohl eher nicht.
"Ein politisches Motiv ist denkbar, aber nicht erwiesen"
Bei den Ausländern wissen wir ja, dass es an der Herkunft liegt. Bei den Kameraden muß es ja nichts mit der rechten Gesinnung zu tun haben. Bekomme ich auch eine von den Pillen?
Das Problem wäre mit einer Mauer nicht gelöst.
Mir geht es darum dass durchgegriffen wird und das Problem nicht weg- und/oder schön geredet wird.
Das Problem muss nicht nur erkannt werden sondern auch ausgesprochen. Und dann entsprechend gehandelt.
@StuttgarterEngel Sie können nicht alle einsperren -eine Frage der Mentalität.
Dazu ein Kommentar von Herrn Endrias vom Verein gegen Rechte Gewalt:
Die meisten Übergriffe kommen nicht von Skinheads, sondern von scheinbar ganz normalen Menschen. Fahren Sie mal mit ihrem Stuttgarter Kennzeichen z.B. in den Harz, oder nach Chemnitz.
Keine 100m von meinem Haus war das Jugendzentrum, wo sich die Rechten und Linken regelmäßig an versch. Tagen trafen. Mehrmals wurde ich angefallen und zweimal sogar schwerst verletzt. Weil ich mich verteidigte, wurde ich mehrmals wegen Körperverletzung verurteilt. Die Täter hatten juristisch nichts zu befürchten.
Sprüche wie: Du Wessi-Schwein, wir werden schon noch dafür sorgen, dass Du eines Tages im Straßengraben liegst, waren alltäglich. Andere Sprüche werden zensiert. Glauben Sie mir, da hilft nur noch eine Mauer
...über Gewalt durch jugendliche Migranten wird in den Medien auch in aller Breite debattiert.
Rechte Gewalt findet leider auch in den behüteten, reichen Gegenden Deutschlands statt. Junge Punker, die querschnittsgelähmt geschlagen werden, türkische Imbisse werden attackiert.
Klar sollten diese Wiederholungsgewalttäter auf den Mord-/Totschlag-Anklagen auch entsprechende Strafen erhalten, wobei die Forderung nach lebenslänglichem Wegsperren doch etwas emotional geleitet erscheint.
Ich kenne mich so einigermaßen im ländlichen Osten aus. Es ist nicht überall schlimm, aber es gibt schon Ecken, da kommt einem die Galle hoch, wenn man merkt, wie die rechten Jugendlichen eigentlich nur die Spitze eines Eisberges von Engstirnigkeit sind.
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