Rechtspopulismus "Dresden reagierte oft anders, extrem"

Thomas de Maizière zog 1998 an die Elbe: "Das intellektuelle Klima hier war damals schon breiter und weiter als anderswo."

(Foto: Regina Schmeken)

Warum ist Pegida ausgerechnet hier entstanden? Ein Gespräch zwischen zwei Dresdnern - dem Autor Ingo Schulze und dem Innenminister Thomas De Maizière.

Von Detlef Esslinger und Cornelius Pollmer

Ingo Schulze ist erstens ein höflicher Mann, und zweitens einer, der auf gar keinen Fall aufdringlich sein will. Er hat Thomas de Maizière eins seiner Bücher mitgebracht, er schenkt es ihm, nachdem das Gespräch zu Ende und das Tonband abgeschaltet ist. "Ich habe Ihnen aber keine Widmung reingeschrieben", sagt er, "dann können Sie es wenigstens weiterverschenken, falls es Ihnen nicht gefällt."

Dresden, drei Tage vor Heiligabend, nachmittags um 14 Uhr. Der Schriftsteller und der Bundesinnenminister haben sich auf Einladung der Süddeutschen Zeitung zum Gespräch getroffen, das Residenzschloss Dresden hat den Lesesaal der Kunstbibliothek zur Verfügung gestellt. Schulze stammt aus Dresden, er wurde dort 1962 geboren, lebt seit langem aber in Berlin.

De Maizière, Jahrgang 1954, kam vor 17 Jahren hierher, nachdem er schon in vielen deutschen Städten gelebt hatte. Zunächst schien es eine weitere Station in seinem Leben zu sein, diesmal, weil der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ihn als Chef seiner Staatskanzlei brauchte. Heute aber sagt de Maizière: "Natürlich lebe ich nach wie vor gerne in Dresden, und wir werden auch hier bleiben."

In dem Satz schwingt das "Aber" bereits mit. Das "Aber" war ja auch der Anlass für dieses Gespräch: Können diese beiden Dresdner, der hinzugezogene und der gebürtige, erklären, warum Pegida ausgerechnet in dieser Stadt entstanden ist? Aus Zufall, oder weil Dresden ein besonderes Biotop ist? Und welche Stimmung wird dort vielleicht nur sichtbarer als andernorts, obwohl es sie im Grunde überall gibt?

"1989 waren die Auseinandersetzungen nirgends so gewaltsam wie hier"

Thomas de Maizière sagt: "Dresden ist vor allem kulturell bedeutender als andere deutsche Städte vergleichbarer Größe. Aber viele Dresdner nehmen ihre Stadt insgesamt als bedeutender wahr, als sie es objektiv ist. Daraus entsteht ein gewisser Frust: Historisch gesehen gehören wir doch woanders hin! Womöglich gehen die Dresdner deswegen schneller auf die Straße."

Ingo Schulze sagt: "Pegida steht in einer gewissen Tradition. Dresden reagierte oft anders, extrem. Im Herbst 1989 waren die Auseinandersetzungen nirgends so gewaltsam wie hier, im Dezember 1989 wurde Kohl in Dresden so überschwänglich gefeiert wie nirgendwo sonst, dann König Biedenkopf, der Streit um die Waldschlößchenbrücke und schließlich die erbitterten Auseinandersetzungen um den 13. Februar, den Jahrestag der Zerstörung der Stadt."

Irgendwann in diesem Gespräch, nach einer Stunde vielleicht, sagt Ingo Schulze einen unscheinbaren, ganz beiläufigen Satz. Er spreche zwar öfters mit Politikern aus der SPD und von den Grünen, auch öffentlich - aber heute sei es das erste Mal in seinem Leben, dass er für eine Debatte mit "einem von der CDU" zusammentreffe.

De Maizière reagiert: "Skandalös"

Thomas de Maizière scheint darüber so erstaunt zu sein, dass er die Bemerkung zunächst übergeht. Erst einige Minuten später, und dann noch einmal, nachdem das Tonband schon abgeschaltet ist, bringt er zum Ausdruck, wie fassungslos ihn das macht. "Skandalös" war sein Ausdruck dafür, wenn man's recht erinnert; im Sinne von: verrückt, unglaublich. Er zählt auf, welche seiner Parteikollegen in Berlin immer ins Theater gehen, und welche in die Oper. Und trotzdem ein solches Nicht-Verhältnis!

Was ihn selbst betrifft, wäre es im Alltag aber auch schwierig, ein solches Gespräch zuzusagen. Schon die Flüchtlingskrise ist mehr als tagesfüllend, spätestens im November musste de Maizière dann zusätzlich noch die Terrorabwehr managen - er gibt es selber zu: Drei Tage vor Heiligabend kann er sich mal zwei Stunden Zeit für ein solches Gespräch nehmen, es ist schließlich sein erster Urlaubstag, deshalb kommt er auch ohne Krawatte zu dem Termin. "Keine Krawatte heißt: Urlaub", sagt de Maizière. Aber im normalen Arbeitswahnsinn? Unmöglich, an einen solchen Termin auch nur zu denken.

Journalismus im Netz hat einen Vorteil, verglichen mit Journalismus in der gedruckten Zeitung. Dort ist immer an einer Stelle unten das Papier zu Ende. Egal, was für Passagen des Prädikats Besonders wertvoll man noch im Interview-Manuskript hat: Wo das Papier zu Ende ist, müssen sie raus. Im Netz aber kann man sein Publikum mit allem behelligen, womit man meint, es behelligen zu sollen.

Einen Satz würde der Innenminister so nicht mehr sagen

Also für alle, die es interessiert: Natürlich haben wir Thomas de Maizière noch nach dem Satz gefragt, der in diesem Jahr ein viraler Hit geworden ist. "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern", sagte er, als er am 17. November das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Niederlande absagte, ohne die konkreten Gründe zu nennen. Der Satz wurde bei Twitter rauf und runter verballhornt, unter #doitlikedemaiziere finden sich viele Varianten davon, mit unterschiedlicher Geschmacksicherheit. Frage also an den Minister: Können Sie inzwischen darüber lachen?

De Maizière sagt: "Nochmal würde ich diese Formulierung nicht verwenden, aber damit kann ich schon leben." Als Politiker müsse man damit leben, dass "etwas aus dem Zusammenhang gerissen wird".

Der Satz ist jetzt nicht der Brüller. Aber de Maizières Bedarf an Brüllern ist für dieses Jahr vermutlich gedeckt. Er spricht in dem Interview ja auch über "Revolutionsadel" in Dresden und über "ossifreie Zonen" dort. Wird nicht jeder gerne hören. Und Ingo Schulze würde den Mitläufern von Pegida etwas gönnen: "Denen wünsche ich eine bessere Protestbewegung."

Lesen Sie das ganze Interview mit SZ plus:

"Mehr Gespräche" - "Und bessere"

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