Rechtsextremismus unter Jugendlichen Schlimm, echt schlimm

Das Ergebnis der Studie des Kriminologen Pfeiffer ist korrekt: Es gibt einen Rechtstrend in Deutschland. Doch nur mit methodischem Murks lässt sich behaupten, jeder siebte Teenager sei sehr ausländerfeindlich.

Von M. F. Serrao

"Ich habe mich sehr stark über Ausländer aufgeregt": Wer das bejaht, macht sich einer - niedrigschwelligen - rechtsextremen Gesinnung verdächtig. Der Ansicht ist zumindest der aus Funk und Fernsehen bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer (SPD). Unlängst hat er in Berlin mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) seine neue Studie über Jugendgewalt vorgestellt.

Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

(Foto: Foto: Reuters)

Die Aufregung war groß, wobei die ersten 112 der 127 Seiten kaum Beachtung fanden. Anders die letzten 15, auf denen ging es um Rechtsextremismus. Studienleiter Pfeiffer teilte mit, dass jeder siebte deutsche Jugendliche "sehr ausländerfeindlich" sei. Schäuble zeigte sich "erschrocken", Pfeiffer machte sich "große Sorgen".

Es ist immer wieder merkwürdig, mitzuerleben, wie schnell Politiker erschrecken, selbst Schäuble, den viele für einen der unaufgeregteren Volksvertreter respektive einen harten Hund halten. Doch beim Thema Rechtsextremismus gilt offenbar ein Differenzierungsverbot. Anders lässt sich kaum erklären, dass der Innenminister und mit ihm viele andere nach Pfeiffers Präsentation in den Chor der Alarmierten eingestimmt haben, zuletzt Eberhard Seidel von der "Schule ohne Rassismus". Die Neue Zürcher Zeitung, deren Blick von außen auf die hiesigen Verhältnisse oft klarer ist als der von innen, hat die "methodischen Fragwürdigkeiten" von Pfeiffers Studie indes zu recht kritisiert.

Und die Junge Union?

"Die in Deutschland lebenden Ausländer sind keine Bereicherung für die Kultur in Deutschland" lautet eine Aussage der Studie, welche die jungen Befragten auf einer Skala von eins (stimmt nicht) bis sieben (stimmt genau) bewerten sollten. Überschrift: "Zustimmung zu ausländerfeindlichen und antisemitischen Aussagen". Ein Witz, beziehungsweise: leider nicht. Als ob die 45 Prozent der Jugendlichen, die hier "Ja" (also einen Skalenwert zwischen fünf und sieben) angekreuzt haben, deshalb schon fremdenfeindlich wären.

Ein ausländischer Wissenschaftler, der an einer deutschen Uni lehrt, ist in der Regel eine Bereicherung, ein frauen- und judenfeindlicher Islamist ist es eher nicht. Automatisch alle Ausländer als Bereicherung ansehen zu müssen, um nicht als xenophob zu gelten, ist ein fragwürdiges Verfahren. Es würde doch auch kein vernünftiger Mensch behaupten, dass alle deutschen Staatsbürger eine Bereicherung für die Kultur sind. Wer aber meint, aus Gemeinplätzen politische Überzeugungen ableiten zu können, betreibt Populärwissenschaft. Von der "sehr starken Aufregung über Ausländer" ganz zu schweigen.

Seltsame Passagen

Besonders fragwürdig ist eine Passage der Studie, in der es von 4,9 Prozent der männlichen 15-Jährigen heißt, sie seien Mitglied in einer "rechten Gruppe oder Kameradschaft". Das wären 21.500 Jugendliche. Dass die Zahl zu hoch ist und alle bekannten Statistiken sprengt, musste sich Pfeiffer schon von der taz vorrechnen lassen - weil er schriftlich nachprüfbare Mitgliedschaften, etwa bei den Jungen Nationaldemokraten, mit bloß subjektiv empfundenen Zugehörigkeiten zu irgendwelchen Cliquen addiert hat.

Dazu, was eine "rechte Gruppe" ist, hat die Studie keine Vorgaben gemacht. Ist es die Anti-Antifa, die am Wochenende Wehrsport treibt? Oder ist es die Junge Union (in der Schäuble Mitglied war)?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich Schäuble und Pfeiffer nicht fragen, weshalb vor allem junge Männer nach rechts außen tendieren.