Rechtsextremismus in Deutschland Wo der Nachbar Nazi ist

In Mecklenburg-Vorpommern dominieren Rechtsextremisten ganze Dörfer. Ein Ehepaar leistet Widerstand - und muss feststellen, dass es einen einsamen Kampf führt.

Von Sebastian Beck

Für die Lohmeyers war es eine gute Woche in Jamel, ausnahmsweise. Am Sonntag rückte die Polizei mit einem Sondereinsatzkommando an und nahm ihren schlimmsten Nachbarn fest.

Seit Dienstag ist die messingfarbene Plakette am Ortseingang verschwunden. "Dorfgemeinschaft Jamel - frei - sozial - national" stand darauf, damit alle Besucher gleich wussten, wer hier das Sagen hat. Und auch der Wegweiser nach Braunau, der Geburtsstadt Adolf Hitlers, musste auf Geheiß des Ordnungsamtes endlich entfernt werden.

Zumindest nach außen sieht Jamel damit wieder wie ein normales Dorf in Mecklenburg aus - und nicht wie die Nazihochburg, die Jamel noch immer ist.

Im alten Forsthaus der Lohmeyers reichen sich Journalisten die Türklinke in die Hand, sogar aus Israel und Irland waren Korrespondenten da. Vor drei Wochen wurden Horst und Birgit Lohmeyer von Bundespräsident Christian Wulff zum Neujahrsempfang nach Berlin eingeladen; aus Deutschland und der ganzen Welt bekommen sie Zuspruch per Mail.

Der Musiker und die Schriftstellerin stehen mit einem Mal mitten in der Öffentlichkeit. Sie gelten geradezu als Musterbürger, obwohl sie doch nur ihre Ruhe haben wollten, als sie vor sechs Jahren von Hamburg aufs Land gezogen sind. In den Weiler Jamel, der so versteckt zwischen Wismar und Grevesmühlen liegt, am Ende einer schmalen Stichstraße. Und fernab der demokratischen Normen.

"Wir sind die Jungs fürs Grobe"

Jetzt bekommen die Lohmeyers immer wieder dieselben Fragen gestellt: Haben Sie Angst? Wie halten Sie es hier bloß aus? In einem Dorf mit gerade mal zehn Häusern, von denen mittlerweile sieben Neonazis gehören? "Penetrante Nachbarn sind wir gewohnt", sagt Horst Lohmeyer und lacht sarkastisch: "Wir haben fünfzehn Jahre lang in St. Pauli gelebt."

Die Razzia richtete sich wieder einmal gegen Sven Krüger, einen zwölfmal vorbestraften NPD-Kreisrat. Der 36-Jährige hat sich in Jamel und Umgebung sein kleines braunes Reich geschaffen. "Wir sind die Jungs fürs Grobe", lautet der Werbespruch seiner Abrissfirma, die er im benachbarten Grevesmühlen betreibt.

Krüger gilt als besonders gewalttätig, wer kann, der geht ihm aus dem Weg. Er sei ein "gemeingefährlicher Typ", sagen Leute, die ihn kennen. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Gewerbsmäßige Hehlerei und Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz lauten die neuen Vorwürfe gegen ihn: Die Beamten stellten in Jamel gestohlene Baumaschinen sicher - und eine Maschinenpistole samt 200 Schuss Munition.

In welcher Gedankenwelt Krüger zu Hause ist, das verrät ein Blick auf sein "Thing-Haus" in Grevesmühlen, in dem die NPD ihr Bürgerbüro als Schaltzentrale eingerichtet hat. Das Anwesen im Gewerbegebiet ist mit Holzzaun und Stacheldraht gesichert, dahinter ragt ein Wachturm samt Scheinwerfer auf. Hunde schlagen an, wenn sich Passanten nähern. Das NPD-Büro erinnert stark an ein Konzentrationslager - das soll es wohl auch.

Nazi-Lieder am Lagerfeuer

Bei den Lohmeyers mischt sich Schrecken mit Genugtuung darüber, dass Krüger vorerst eingesperrt bleibt. Ja, sie haben Angst vor ihm und seinen Kumpanen. "Sie glauben, dass das Dorf ihnen gehört", sagt Birgit Lohmeyer. Im Briefkasten hat sie mal eine tote Ratte gefunden.

Davon erzählt sie so beiläufig wie von den Schießübungen im Wald. Richtig schlimm aber sind die Sauffeste der Kameraden auf dem Dorfplatz. Abends grölen die Männer dann Nazi-Lieder am Lagerfeuer. Als Krüger im Sommer heiratete, kamen Hunderte Rechtsextreme zum Feiern ins "national-befreite" Jamel.

Nicht nur hier haben sich Neonazis und die NPD mit großer Selbstverständlichkeit breitgemacht. Das Kokettieren mit der Gewalt ist bei Männern zwischen zwanzig und vierzig in Mode: Sie rasieren sich die Köpfe und tragen Hooligan-Klamotten. Die Opfer ihrer Schikanen schweigen meist aus Angst.

Angst, sich zu solidarisieren

In zwei Nachbardörfern von Jamel sollen Rechtsextreme ebenfalls die Bevölkerung terrorisieren. Nur offen darüber reden wollen hier nicht einmal die Gemeindevertreter: So werde alles bloß noch schlimmer, sagt einer von ihnen. Gut, räumt ein anderer ein, da gebe es die Hakenkreuz-Schmierereien. Aber mehr sei ihm nicht bekannt.

"Hier sind viele der Meinung: Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er runterfällt", umschreibt Horst Lohmeyer das Klima in der Gegend. Er und seine Frau wagten 2007 den Schritt in die Öffentlichkeit, als ein Zeitungsbericht über das braune Jamel die Menschen aufschreckte: Nicht alle im Dorf seien Neonazis, erklärten die Lohmeyers. Die wenigen Nachbarn, die nicht zu Krügers Gefolgsleuten zählen, brachen danach den Kontakt zu ihnen ab. Birgit Lohmeyer hat sogar gewisses Verständnis dafür: "Die Leute haben Angst, sich mit uns zu solidarisieren."