Rechtsextremismus in Deutschland Wer getreten wird, der tritt

In den unteren Etagen der Gesellschaft hat sich eine giftige Schlacke angesammelt. Rechtsextremistische Einstellungen breiten sich besonders dort aus, wo es an Arbeit fehlt, an Bildung und Selbstbewusstsein. Das Schlimmste, was man jetzt tun kann, ist Wegsehen.

Ein Kommentar von Constanze von Bullion

Im Osten Deutschlands hat fast jeder Sechste ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild. Nach einer Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich dieser Wert seit 2006 verdoppelt. Im Westen, so die Studie, ist jeder Vierzehnte ein Rechtsextremist. Hier gehen die Zahlen leicht zurück. Im Osten glauben mehr als zwei Drittel, dass Ausländer nur ins Land kommen, um den Sozialstaat zu melken. Im Westen findet das jeder Fünfte.

16 Prozent der Ostdeutschen und der Migranten glauben, dass Juden mit übleren Methoden vorankommen als andere. Knapp jeder Dritte, in Ost wie West, behauptet, Juden nutzten die Erinnerung an den Holocaust aus. 60 Prozent der Deutschen haben eine negative Einstellung zum Islam. Über 94 Prozent der Deutschen finden Demokratie gut - jedenfalls theoretisch.

Wo leben wir eigentlich?, muss sich fragen, wer diese Untersuchung liest, die leider nicht nur repräsentativ ist, sondern auch an der Universität Leipzig erstellt wurde - also resistent ist gegen das Argument blindwütiger Ossi-Feindlichkeit. Die verheerenden Zahlen attestieren den Bewohnern der neuen Länder eine deutlich menschenfeindlichere Haltung als dem Westen. Und sie zeigen, dass die irrlichternde Ablehnung derer, die als "fremd" gelten, vom Rand der wiedervereinigten Gesellschaft in ihre Mitte gewandert ist. Das kann man zum Davonlaufen finden, aber genau das darf nicht weitergehen: dass weggesehen und verdrängt wird.

23 Jahre nach dem Mauerfall hat sich in den unteren Etagen der Gesellschaft eine giftige Schlacke angesammelt. Sie breitete sich besonders dort aus, wo es an Arbeit fehlt, an Bildung, Selbstbewusstsein - und an der Überzeugung, dass Solidarität mit Minderheiten oder Schwächeren etwas bringt. Immer mehr Menschen fühlen sich da als Verlierer und agieren nach dem Motto: Wir sind schon abgehängt, wir geben nichts ab. Daraus wird, frei nach Brecht: Wer getreten wird, der tritt.

Wer das sozialromantisch findet, möge sich die jüngsten Zahlen der Bundesregierung zur Wirtschaftsentwicklung ansehen. Der Osten fällt zurück, beim Bruttoinlandsprodukt von 73 auf 71 Prozent des Westens. Die Arbeitslosigkeit bleibt unerträglich hoch. Zeitgleich demonstriert der Westen Entsolidarisierung, beim Länderfinanzausgleich, beim Soli. Auch in der Europapolitik schallt es aus allen Kanälen: dass der faule Grieche dem Deutschen sein Brot wegisst. Polemik? Schön wär's.

Die Ostgesellschaft, auch das gehört zur verdrängten Wahrheit, hat ihr braunes Erbe nie aufgearbeitet. Und im Westen, unter Migranten und Verlierern der Wohlstandsgesellschaft, schotten sich immer mehr gegen eine Gesellschaft ab, die sich pluralistisch nennt, aber Vielfalt nur widerwillig erträgt. Wer das ändern will, kann nicht nur auf andere zeigen, sondern muss selbst vorleben, wie das geht: Reichtum teilen; demokratischen Geist heranbilden, überall; Rechtsextremismus konsequent sanktionieren. Und eine Selbstverständlichkeit vermitteln: dass Deutschland nicht nur dem deutschen Michel gehört.