Rechtsextremismus Dortmund will nicht braungelb sein

"Jämmerlicher Haufen": Ein Gegendemonstrant macht den Teilnehmern eines Neonazi-Aufmarsches in Dortmund deutlich, was er von ihnen hält.

(Foto: action press)
  • In Dortmund wollen Neonazis Gegner durch gefälschte Todesanzeigen einschüchtern.
  • Die Stadt gilt als Nazihochburg im Westen, die Szene als äußerst militant.
  • Dortmunds Bürgermeister Sierau sieht in der Aggressivität der Neonazis auch ein Zeichen der Schwäche.
Von Bernd Dörries, Dortmund

Am 28. März ist es zehn Jahre her, dass Thomas Schulz ein Messer in den Körper gerammt wurde. "Schmuddel" nannten sie ihn in Dortmund, er starb, weil er ein Punker war. Seine Freunde gedenken seiner jedes Jahr, die Stadt hat ihn ein wenig vergessen. Es gibt keine offizielle Gedenkveranstaltung.

Was es gibt, ist eine angemeldete Demonstration von Neonazis, die den Tag des Todes freudig begehen wollen, mit einem Konzert "Rock für Dortmund", das die "heroische Selbstverteidigung" des Kameraden Sven K. feiern soll. Auch der Täter wird wohl unter den Zuschauern sein.

"Das ist eine neue Qualität. Ohne Scheu und Schamgrenze", sagt Robert Rutkowski. Er ist Mitarbeiter zweier Landtagsabgeordneter der Piraten und seit vielen Jahren im Kampf gegen rechts aktiv. Dieses Jahr ist er die bevorzugte Zielscheibe der Neonazis. Es gibt fingierte Todesanzeigen gegen ihn und gegen Journalisten der Ruhr-Nachrichten und des Blogs Ruhrbarone. Das Haus von Rutkowski wurde mit Hakenkreuzen beschmiert, es gab Drohungen am Telefon. "Gemeint sind wir alle", sagt Rutkowski. Alle, die sich in Dortmund den Rechten in den Weg stellen.

Dortmund hat den Ruf, eine Nazihochburg im Westen zu sein. Rechts sein hat hier Tradition

Die Stadt hat von Soziologen und dem Verfassungsschutz den Titel der Nazi-Hochburg im Westen verliehen bekommen. Rechts sein, das hat hier eine gewisse Tradition. Es gab die Freie Deutsche Arbeiterpartei und die Borussenfront im Westfalenstadion. Im Jahr 2000 erschoss ein Nazi drei Polizisten, 2007 feuerte Robin S. auf einen Ausländer im Supermarkt. Im Mai 2013 stürmten Radikale nach der Kommunalwahl den Stadtrat, dort sitzt Dennis Giemsch für die Partei "Die Rechte", der, wenn er denn mal da ist, Anfragen stellt, wie viele Juden in der Stadt leben.

Von Neonazis für tot erklärt

Der Journalist Felix Huesmann hat eine Morddrohung erhalten, für die er die Dortmunder Neonaziszene verantwortlich macht. Wie es sich damit lebt, erzählt er im Interview. mehr ... jetzt.de

An Weihnachten besuchen die Neonazis gerne Persönlichkeiten der Stadt, einmal standen sie vor der Wohnung des Oberbürgermeisters Ullrich Sierau, sein Sohn dachte, die Weihnachtsmänner kämen von den Jusos. Die Bärtigen hinterließen aber Grüße vom nationalen Widerstand. Eine Stadt in Geiselhaft also?

Ullrich Sierau sagt, er sei stolz auf die antifaschistische Tradition Dortmunds. "Wir haben hier das Pech, dass sich die Rechten die Stadt ausgesucht haben, weil sie gut erreichbar ist. Und weil es eben einen gewissen Nährboden gab." Im vergangenen Jahrzehnt hat die Stadt 80 000 Arbeitsplätze in Stahl, Kohle und Bier verloren, die Frustration war groß. Nazis zogen nach Dortmund, um hier nach den Frustrierten zu fischen.

"SS-Siggi" für ist viele Nazis in Dortmund eine Vaterfigur

Oberbürgermeister Sierau hält seit mehr als dreißig Jahren dagegen. Bei den Jusos organisierte er Demos, hielt Vorträge über Rechtsextremismus im Knast. Damals schon saß in der ersten Reihe Siggi Borchardt, den sie hier SS-Siggi nennen. Er ist für viele Neonazis eine Vaterfigur in Dortmund und zog im Sommer vergangenen Jahres für die Rechte in den Stadtrat. Dort war er nach Einschätzung von Teilnehmern meist betrunken und zog sich "wegen Zeitmangel" zurück.

Für was Borchardt mehr Zeit brauchte, ist nicht bekannt, in Dortmund sehen sie seinen Rückzug aber auch als Zeichen der Schwäche. Die Szene dort ist äußert militant, organisierte sich immer in Abgrenzung zur Politik, selbst die NPD galt als Weicheierverein und wurde von Mitgliedern des Nationalen Widerstands Dortmund bedroht. Einer ihrer Funktionäre ergriff die Flucht nach Mallorca.