Rechtsextreme Szene Der neue Sound der Rechten - und ihre alte Botschaft

(Foto: Lisa Bucher)

Sie verteilen Pfefferspray in Fußgängerzonen, zitieren auf ihren Webseiten Gedichte und geben sich modern - mit welcher Taktik rechte Bewegungen nach Anhängern fischen.

Von Ronen Steinke

Neulich haben sie in der Hagener Fußgängerzone Dosen mit Reizgas verschenkt, an Shopperinnen, die jung und deutsch aussahen. "Unsere Mädels", wie sie hinterher bei Facebook schrieben. "Die Multikultis mit ihrer wahnsinnigen Asylpolitik können und wollen unsere Frauen nicht beschützen, deswegen tun wir es."

Vor einiger Zeit haben sie in Halle in Sachsen-Anhalt ein Wahllokal zugemauert, in dem das Land eine Probewahl für Neubürger anbieten wollte. Nachts, mit Bauschaum und Ziegeln.

Und in Klagenfurt in Österreich, aus Sicht deutscher Rechter Teil der Heimat, haben sie im Dunkeln alle Statuen in schwarze Schleier gehüllt. Als die Stadt erwachte, trugen die Steinfiguren ein Schild um den Hals: "Integration ist eine Lüge".

Was sind das für Leute? Auf ihrer Website bekommt man Fotos von Bergen zu sehen und Gedichte von Rilke und Nietzsche zu lesen. Der europaweite Sprecher der "Identitären Bewegung", Martin Sellner, 28, zeigt auf seinem Youtube-Kanal einen Film, in dem er im Wald Hofmannsthal rezitiert. Wer Sellner lauscht, merkt bald, dass es ihm um den Abwehrkampf gegen den "großen Austausch" geht, der angeblich so aussieht: Ureinwohner raus, gebärfreudige Muslime rein. Daneben stellt Sellner aber ein Lob auf die dezidiert Flüchtlings-freundliche österreichische Band Wanda, die sich seitdem vermutlich fragt, was sie falsch gemacht hat. Früher hätte man gesagt: Das passt doch alles nicht zusammen.

Abendland und Europa statt Erbfeind und Oder-Neiße-Grenze

Fremdenfeinde im Land wittern schon seit einiger Zeit Morgenluft, und, keine Frage, das liegt nicht zuerst an ihnen selbst, sondern an einem äußeren Anlass. Deutschland hat eine historische Rekordzahl von Flüchtlingen aufgenommen, so ist die Angst vor dem Fremden, Kernthema der Rechten, zu einem Thema für viele geworden. Aber es hat auch einiger taktischer Schläue bedurft, um aus dieser Chance politisches Kapital zu schlagen, so wie es den Identitären und der AfD derzeit gelingt. Den alten Rechten à la NPD fehlte diese Schläue. Gerade aus der NPD, die pleite ist und ihren letzten Landtagssitz verloren hat, gucken jetzt viele Jüngere interessiert hinüber, wie man das wohl macht: mit den alten Ideen neuen Erfolg zu haben.

Die Outfits der Rechten in Deutschland sind verwirrend geworden: weltläufig und modern. Bei Demonstrationen wie von Pegida schwenken sie keine Reichskriegsflaggen mehr wie bei der NPD, sondern das schwarz-rot-goldene Philippuskreuz des Hitler-Gegners und Stauffenberg-Mitverschwörers Josef Wirmer. Sie reden auch nicht mehr von Erbfeind und Oder-Neiße-Grenze. Die Schlagworte heißen Abendland und Europa, das erleichtert es auch, sich mit französischen oder ungarischen Gesinnungsgenossen zusammenzutun.

Die neue Rechte kalibriert ihre politischen Botschaften anders als früher, damit Abwehrreflexe der bürgerlichen Gesellschaft möglichst vermieden werden. In der neuen Rechten gibt es zum Beispiel keine Rassisten. Nur noch "Ethnopluralisten". Auch wenn sich wenig geändert hat außer dem Sound. Und den besten Eindruck davon, wohin diese Reise noch gehen könnte, geben tatsächlich die jungen, hip gestylten Identitären, die sich "Jugend ohne Migrationshintergrund" nennen.

Hipster und Hetzer

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