Durchwachsene Bilanz: Wie die Protagonisten des Brüsseler Gipfels den Kompromiss bewerten - und wie die Rolle von Bundeskanzlerin Merkel gesehen wird.
Europa löse sich aus der Erstarrung und gewinne mehr Handlungsfähigkeit, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Samstagmorgen zum Ende des von ihr geleiteten Gipfels. "Wir haben die Kompromissbereitschaft aller bis zum Ende ausgereizt", erklärte sie.
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EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sieht in der Gipfeleinigung von Brüssel einen Erfolg für alle Menschen in der Europäischen Union. "Dieser Gipfel sendet eine klare Botschaft an unsere Bürger. Sie wollen politisches Handeln, sie wollen Ergebnisse", sagte Barroso.
Die Handlungsfähigkeit der EU sei nun sichergestellt. Befragt zur Verständlichkeit des EU-Vertragsentwurfes sagte er: "Der Text ist nicht immer Poesie, aber er sollte eine wirksame Prosa sein."
Der belgische Premierminister Guy Verhofstadt sieht in der Einigung beim Gipfel die wichtigsten Errungenschaften der EU-Verfassung erhalten. "Ich denke, den Kern der Verfassung haben wir zu bewahren gewusst", sagte der liberale Regierungschef am frühen Samstagmorgen in Brüssel.
"Mit diesem Vertrag wird man besser arbeiten als in der Vergangenheit", fügte Verhofstadt hinzu. Allerdings sei der Text von zahlreichen Fußnoten und Protokollen entstellt: "Es ist keine Vereinfachung, der Text ist nicht einfach zu lesen."
Wichtig sei der Erhalt der Grundrechte-Charta mit bindender rechtlicher Wirkung. Allerdings gebe es eine recht detaillierte Ausnahmeklausel für Großbritannien. Die Doppelfunktion des EU-Chefdiplomaten in Rat und Kommission sei ebenfalls erhalten worden. Dazu werde ein diplomatischer Dienst der EU aufgebaut.
Sarkozy zufrieden
Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat die Einbeziehung Polens in den Gipfel-Kompromiss zur EU-Vertragsreform hervorgehoben. "Wir haben unsere Arbeit gemacht, ohne jemand zurückzulassen", sagte Sarkozy am frühen Samstagmorgen. Es hätte ihm "das Herz gebrochen", wenn das größte osteuropäische EU-Land nicht dabei gewesen wäre.
Sarkozy wies außerdem die Anstrengungen des britischen Premierministers Tony Blair und des spanischen Regierungschefs José Luis Rodriguez Zapatero bei der tagelangen Kompromisssuche. Zur Zusammenarbeit mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel sagte er: "Wir haben Hand in Hand gearbeitet."
Die polnischen Vorbehalte seien "in hohem Maße" berücksichtigt worden, sagte der polnische Präsident Lech Kaczynski. Nun gebe es für Polen "ein unvergleichlich günstigeres System", als das, was die polnische Regierung in den Verhandlungen vorgeschlagen habe. Kaczynski lobte die "ausgesprochen freundschaftliche Haltung von Kanzlerin Merkel".
Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker ist dagegen nicht glücklich über die Einigung auf einen neuen Grundlagenvertrag der Europäischen Union. "Ich bin überzeugt, dass der Verfassungsvertrag wesentlich besser war. Was jetzt herausgekommen ist, ist zufrieden stellend, mehr nicht." Er bezeichnete den neuen Grundlagenvertrag als "einen vereinfachten komplizierten Vertrag". "Er wird schwieriger zu erklären sein als die Verfassung."
Luxemburg hatte die Verfassung bei einer Volksabstimmung 2005 ratifiziert. Juncker sagte, die Verhandlungen mit Polens Präsident Lech Kaczynski und dessen in Warschau gebliebenem Bruder, Premierminister Jaroslaw Kaczynski, seien "sehr schwierig" gewesen. "Aber schließlich haben wir eine Einigung organisieren können. Das war eine Zwillingserfahrung."
Lob für Merkel
Die Regierungen von Dänemark und Schweden haben sich zufrieden über die Ergebnisse geäußert und Bundeskanzlerin Merkel als Ratspräsidentin gelobt. Finnlands Ministerpräsident Matti Vanhanen sagte: "Sie hat die Sonderwünsche mehrerer Länder auf elegante Weise beachtet."
Auch der schwedische Regierungschef Fredrik Reinfeldt hob im Rundfunk die Leistung Merkels heraus und meinte, dass sein Land von Beginn an hinter der Verhandlungsführung der Kanzlerin gestanden habe.
Der Fraktionschef der Sozialisten im Europäischen Parlament, Martin Schulz, (SPD) sprach zwar von einer gemischten Bilanz des Gipfeltreffens, nannte die Ergebnisse in der Summe aber einen großen Fortschritt. Die Substanz der Verfassung sei erhalten geblieben und eine Menge erreicht worden. Vielleicht sei nicht mehr drin gewesen, sagte Schulz.
Um Polen entgegenzukommen, wird das derzeit gültige Abstimmungssystem von Nizza bis 2014 verlängert. Dann wird mit einer Übergangsregelung bis 2017 das Prinzip der doppelten Mehrheit eingeführt.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(dpa/Reuters/AFP/AP)
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@Proempff
Zugegeben, es ist richtig, dass sowieso geplant war, auch weiterhin einstimmig über die zukünftigen Zahlungsströme abzustimmen.
Nur macht es in praktischen Verhandlungen z.B. im Jahre 2012 einen großen Unterschied, ob bei diesen Verhandlungen Polen und andere Empfängerländer wissen, dass sie bis 2017 nicht befürchten müssen, später in anderen Fragen überstimmt zu werden, oder eben doch.
Solange man grundsätzlich bei allen Fragen weiterhin hartnäckig mit einem Veto agieren kann, wird man sich als Empfängerland viel weniger scheuen, bei Finanzverhandlungen starrköpfig auf seinen bisherigen Vorteil zu pochen. Man braucht sich zu überlegen, welche Freundschaften zu anderen Ländern man sorgfältig pflegen sollte, damit man bei anderen Mehrheitsentscheidungen noch Einfluss hat.
Wer von Integration spricht, aber Anpassung meint, solte sich als Rassist outen, denn kein Mensch kann von einem anderen verlangen die eigene Kultur zu verleugnen, um wie ein automatischer Fisch einer vermeintlichen Leitkultur hinterher zu schwimmen.
Mit freundlichen Grüssen
Giuseppe Maruozzo
Was ist nun Ihre wirkliche Meinung???
Die im Profil s.o. oder die im Kommentar.
Daß Hölderlin am dt. Wesen erkrankte, na ja seis drum, und ob´s die anderen Europäer auch erwischt ist auch egal. Warum nur muß sich immer die Mehrheit einzelnen Querulanten, seien sie aus dem Westen oder Osten, beugen und sich selbst verleugnen???? Nur um das zu erstreiten was keiner wollte?? !!!!!
Was ist denn das für ein "Kompromiß", der uns jetzt von der Regierung Merkel als "Erfolg" verkauft werden soll? Aus dem hehren Ziel einer europäischen Verfassung ist ein "Vertrag" geworden, ohne Hymne, ohne Flagge - ohne Rückgrat und ohne Substanz!
Dem nationalpsychopathischen polnischen Doppelpack wurden vom zahnlosen Rest-Europäer-Konglomerat unglaubliche Zugeständnisse gemacht - freilich, nicht ohne dass Erstere durch Verweis auf ihre Kriegstoten des II. Weltkriegs in äußerst merkwürdiger Weise versuchten, die Tränendrüsen zu bemühen - ein Vorgehen, das übrigens stark an Israel erinnert - auch dort wird durch das ewige Herbeigezerre der Hisotrie (Holocaust) versucht, eigenes Fehlverhalten - nämlich die eigene seit Jahrzehnten andauernde abartige Annexions-, Oppressions-, Strangulations- und Apartheidpolitik gegen die Palästinenser - zu "legtimieren" bzw. davon abzulenken...
Und was hat die Regierung Blair vor, deren Tage ohnehin gezählt sind? Will man sich in London auch weiterhin bewußt abseits der Grundrechtscharta bewegen, um sich auch in Zukunft im Kielwasser der US-Amerikaner an allen möglichen völkerrechtswidrigen Feldzügen beteiligen zu können - ohne störende europäische "Kabinettsdisziplin"? Das Trauma vom untergegangenen "British Empire" scheint doch noch übergroß und in der britischen Gesellschaft präsent sein...
Natürlich lacet man sich am Potomac River kaputt über den europäischen Haufen, der sich von den US-Vasallen Großbritannien und Polen beinahe spalten läßt und es nicht schafft, diese in die Schranken zu weisen...
Großartig, Frau Merkel - sie werden als große Politikerin in die Geschichte eingehen - und zwar als großartige Erfüllungpolitikerin von Washingtons und Tel Avivs Gnaden!
Liebe Erbsenzähler,
wer auf politischem Parkett agiert oder agieren will, tut gut daran nicht nur mathematische Formeln zu gebrauchen, denn sonst passiert genau das, was schon passiert ist. Kleinkarierte Staatsmänner fangen nämlich plötzlich an "Tote" zu zählen und in die Wagschale zu werfen. Wenn dann andere Kommentatoren auf dieser Linie weiterrechnen und nicht verstehen, dass Europa auch eine Wertegemeinschaft sein sollte, der unterschlägt natürlich auch den Kommentar von Romano Prodi zu dem Ganzen, der das eigentliche Problem nicht nur bei den Polen gesehen hat, sondern bei einer anderen Auffassung und Idee von Europa, die vor allem in London zuhause ist. Wir dürfen gespannt sein, ob weiterhin die angel-sächsische Richtung Europa bestimmt und bremst, die explizit das "Common Law" ausgeklammert hat, oder eher eine humanistisch-romantische Linie sich durchsetzt, die eben nicht nur alles von dem vermeintlich einzigem ökonomischen Aspekt ausgehend herunterbricht oder Quadratwurzeln zieht.
Es ist fraglich und auch müssig darüber zu spekulieren, ob einem deutschen Staatsmann dieser schwierige Kompromiss gelungen wäre. Das Frau Merkel eine Frau ist, war in diesem Zusammenhang eine glückliche Fügung der Geschichte. Dennoch erlaube ich mir einen Verweis auf Hölderlin, der am deutschen Wesen erkrankt ist und geklagt hatte...Zitat: "diese alles berechnenden Barbaren." Die Deutschen wären gut beraten Goethes Formel wieder aufzugreifen "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut...", denn sonst lauert Hölderlin in den Köpfen der anderen Europäer.
@ Posener: Europäische Verhandlungsversager
"Dann könnte Polen vor Auslaufen des derzeitigen Haushaltsplans[..] bis 2013 bei den nächsten Haushaltsplanungen nicht wieder ein Veto einlegen,"
Hm, stimmt, wenn die 'Europäische Verhandlungsversager' nicht eingeknickt wären hätten sie durchgesetzt, daß bereits der nächste Finanzrahmen nach den neuen Regelungen verabschiedet worden wäre. Der gewiefte Kommentator wirft also an dieser Stelle am besten mal einen Blick in die zukünftigen,NEUEN Regelungen, wie sie auch im Rahmen der Verfassung geplant waren:
"TITEL VII - DIE FINANZEN DER UNION: Artikel I-55
Der mehrjährige Finanzrahmen
[..]
(2) Der mehrjährige Finanzrahmen wird durch Europäisches Gesetz des Rates festgelegt. Dieser beschließt einstimmig nach Zustimmung des Europäischen Parlaments, die mit der Mehrheit seiner Mitglieder erteilt wird.
[..]
(4) Der Europäische Rat kann einstimmig einen Europäischen Beschluss erlassen, wonach der Rat mit qualifizierter Mehrheit beschließen kann, wenn er das in Absatz 2 genannte Europäische Gesetz des Rates erlässt."
und stellt fest, daß die 'Versager', die durch ihr Einknicken Polen tatsächlich für die nächsten Verhandlungen noch ein Vetorecht nach den alten Regelungen ermöglicht haben, wo sie bei etwas mehr 'Verhandlungstraining' und Durchsetzungsvermögen doch ein schönes Einstimmigkeitserfordernis nach den Neuen Regelungen hätten erreichen können...
Sorry, Vetorecht gehüpft wie gehopselt...selbst mit 'fairer Quadratwurzelregelung' (deren 'Fairness' darauf beruht, daß sie Unterschiede in der Bevökerungszahl minimiert und somit näher an 'one state, one vote' herankommt, hängt also von der Betrachtungsweise ab), die - ach schau an - für den Finanzplan völlig irrelevant wäre, da dieser schlichtweg grundsätzlich nicht nach Mehrheitsprinzip entschieden wird (war nie geplant und wird auch noch dauern, so weit war selbst die 'alte Union' noch nicht..)
Paging