Reaktion der USA zu Iran-Krise Zu cool für diese Krise

"Amerika muss härter sein": US-Präsident Barack Obama hält sich bisher zurück, doch der Ruf nach einem härteren Kurs gegenüber Teheran wird lauter.

Von Christian Wernicke, Washington

Jedes Mal, wenn im Nahen Osten eine Krise tobte, hatte Elliott Abrams das Ohr des Präsidenten. Also eigentlich immer. Nahost-Experte im Weißen Haus, Sonderbeauftragter für Demokratie, neokonservativer Stratege -· fast acht Jahre lang steuerte Abrams den Kurs Amerikas gegenüber der arabischen Welt. Bis zuletzt, bis Präsident George W. Bush abtrat am 20. Januar.

US-Präsident Barack Obama läuft am Vatertag über den Rasen des Weißen Hauses.

(Foto: Foto: AP)

Seither hat Abrams nicht mehr viel zu sagen - aber der 61-Jährige redet eben gern. Und so kann man ziemlich genau erfahren, wie anders die Weltmacht dieser Tage auf das Drama in Teheran reagieren würde, wäre noch immer Bush an der Macht. "Amerika muss härter sein" schimpft Abrams im konservativen Fox-TV. "Wir müssen der iranischen Opposition zeigen, dass wir hundertprozentig hinter ihr stehen."

Abrams offeriert keine Strategie, wie sein Land im· fernen Persien etwas ausrichten könnte; eher beiläufig stellt er klar, er wolle "da nicht irgendwie militärisch was tun." Klar sei nur, dass die neue US-Regierung unter Präsident Barack Obama Irans Demokraten und die blutende Opposition im Stich lasse. "Zu cool und leidenschaftslos" reagiere Obama, das empört Abrams: "Denn dies ist keine coole Lage. Ich will Empörung hören - und Verurteilung."

Genau das leistet Obama nicht. Noch nicht. Zwar spüren der Präsident und seine Berater, wie in Washington der politische Druck wächst für schärfere Kritik und eine härtere Linie gegenüber Irans Regime.

Auch im Weißen Haus hat man das Handy-Video gesehen von der ersten Märtyrerin der Unruhen: "Neda" haben sie jene unbekannte junge Frau getauft, die auf dem Asphalt von Teheran verblutet, nachdem ihr angeblich ein brutaler Bassidschi-Milizionär in den Kopf geschossen hat. Die schrecklichen Bilder laufen seit Samstagabend wieder und wieder über Amerikas Bildschirme. Ja, räumt ein Obama-Berater ein, "es wird schwerer, kühlen Kopf zu bewahren".

Also klingt nun auch Obama strenger. Wenigstens etwas: "Wir rufen die iranische Regierung auf, alle gewaltsamen und ungerechten Handlungen gegen das eigene Volk zu stoppen", lässt der Präsident schriftlich die Welt wissen. Von "Trauer über jedes unschuldig verlorene Leben" ist zu lesen. Und von Martin Luther King, der einst dies gepredigt hatte: "Der Bogen des moralischen Universums ist weit, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit." Das Zitat ist als Geste gemeint: Obama verleiht - als Nachfahre des schwarzen gewaltfreien Widerstands - Irans Opposition den Segen von Amerikas Bürgerrechtsbewegung.

Doch die offene Konfrontation mit Irans Machthabern meidet Obama weiterhin. Stundenlang wurde im Weißen Haus an der Erklärung des Präsidenten gefeilt, und manche Sätze richten sich zugleich an sehr unterschiedliche Leser, wie etwa diese: "Das iranische Volk wird letztlich das Urteil sprechen über die Taten ihrer eigenen Regierung." Das anerkennt Irans Souveränität und soll die Propaganda des Regimes entkräften, die Opposition sein nur ein "Werkzeug des Westens". Zugleich ist der Satz an jene US-Kritiker adressiert, die mehr Solidarität und mehr Einmischung verlangen.

Die Suche nach dem richtigen Ton

Die meisten Iran-Experten in Washington billigen Obama zu, bisher den richtigen Ton getroffen zu haben. Nur einen Lapsus kreiden sie ihm an: Dass der Präsident vorige Woche in einem Interview kaum einen Unterschied erkennen mochte zwischen der Politik von Irans Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi und der des finsteren Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad - das sei· "ein bisschen zu viel kühler Realpolitik gewesen", bemängelt Karim Sadjadpour vom Carnegie Endowment for International Peace.

Gary Sick, der den Präsidenten Gerald Ford, Jimmy Carter und Ronald Reagan als Iran-Berater diente, würde dem Weißen Haus am liebsten totale Funkstille verordnen: "Egal, was wir sagen - es wird in Teheran immer dazu benutzt, die Position der Reformer zu untergraben."

Aber Obama kämpft eben auch an der Heimatfront. Senat und Repräsentantenhaus haben in wortgleichen Resolutionen inzwischen Irans gewaltsame Unterdrückung verurteilt. Und in den Zeitungen schwillt der Chor konservativer Kritiker an, die von Obama mehr Herzblut verlangen. Was wiederum kalt kalkulierende Realpolitiker wie Ex-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski aufregt: "In dieser Debatte sehe ich exakt dieselben Fronten wie im Streit um den unseligen Bush-Krieg im Irak", poltert er. Damit meint Brzezinski etwa John McCain, der nun besonders heftig gegen Obama wettert. Und natürlich Elliott Abrams, der den Krieg einst vorbereitete im Weißen Haus.