Der türkische Regierungschef Erdogan wütet gegen den Beschluss der franzöischen Senats, den Genozid an den Armeniern auch so zu nennen. Ankara betont, Geschichte sei nur etwas für Historiker, nicht für Parlamente. Wenn das so ist, dann sollten auch die Politiker in der Türkei Geschichte den Historikern überlassen und keine Staatsaffäre daraus machen. Die wahren Motive für den Furor aber werden von Ankara auch dabei gern verschwiegen.
"Null und nichtig" hat der türkische Premier Tayyip Erdogan jetzt das französische Genozid-Gesetz genannt. Nach allem, was zuletzt an Törichtem aus Ankara zu hören war, ist diese neueste Reaktion Erdogans schon fast ein Entspannungszeichen.
Anzeige
Womöglich haben türkische Unternehmer ihrem hitzköpfigen Regierungschef klargemacht, dass die angedrohten Sanktionen dem Freihandelsabkommen der Türkei mit der EU widersprechen würden, und dass sie auch gar nicht daran denken, freiwillig auf ihre florierenden Geschäfte mit Frankreich zu verzichten - immerhin der fünftwichtigste Handelspartner der Türkei.
Aber auch ohne Croissant-Verbot in der Türkei wird das politische Klima zwischen Paris und Ankara frostig bleiben. Für die Türkei ist dies weitaus problematischer als für Frankreich. Schließlich hat sie ihren Wunsch nach einer Mitgliedschaft in der EU bislang nicht aufgegeben. Erdogans Drohung, nun womöglich auf Besuche bei Nikolas Sarkozy zu verzichten, dürfte da kaum hilfreich sein, zumal in Frankreich die Skepsis gegenüber einer Aufnahme der Türkei in die Union schon bislang erheblich war.
Ankara betont, Geschichte sei nur etwas für Historiker, nicht für Parlamente. Wenn das so ist, dann sollten auch die Politiker in der Türkei Geschichte den Historikern überlassen und keine Staatsaffäre daraus machen. Die wahren Motive für den Furor aber werden von Ankara auch dabei gern verschwiegen. Die Türkei fürchtet Entschädigungsforderungen, wenn sie die Massaker an den osmanischen Armeniern 1915/16 als Völkermord anerkennt. Dem könnte die Türkei am besten entgehen, wenn sie ihr Verhältnis zum Nachbarland Armenien auf eine neue Basis stellen würde.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Frankreich Senat billigt umstrittenes Genozid-Gesetz 23.01.2012
- Türkei kritisiert französisches Genozid-Gesetz "Das ist ein Massaker an der Meinungsfreiheit" 24.01.2012
- Türkischer Militärcoup von 1980 Ankara klagt Putschisten an 10.01.2012
- Politik und Militär in der Türkei General hinter Gittern 06.01.2012
(SZ vom 25.01.2012/lala)
Bilder des Tages
Von einem tiefgründigen Kommentar hätte man sich doch auch etwas kritischere Fragen erwartet: Warum etwa ist alleine die Leugnung des Holocaustes und eines Völkermords an den Armeniern unter Strafe gestellt, nicht aber die Leugnung des Völkermords an den bosnischen Muslimen oder die Leugnung der Vertreibung und des Unrechts an den Palästinensern? Sind etwa nur die Opfer bestimmter Religionen schützenswert, und ist kein Schutz dann geboten, wenn die Opfer Muslime waren? Dies scheint mir ein recht selektives Verständnis der Meinungsfreiheit zu sein. Insofern überrascht der politisch arg korrekte Kommentar nicht, weil er im Einklang mit der Doppelmoral westlicher Außenpolitik, die von den Mainstream-Medien unterstützt wird, steht: Man gibt in unseren Breitengraden vor, um das Leben und die Freiheit der Menschen in Syrien besorgt zu sein und um des Schutzes der Afghanen willen andere Afghanen zu töten. Gleichzeitig wird Unterstützung bei der Unterdrückung der Palästinenser und Bahreinis geleistet und der Nahe Osten hochgerüstet. Dem Internet sei Dank, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, sich mit kritischen Themen außerhalb des Internet zu informieren (z.B. der brasilianische Journalist Pepe Escobar über die Hintergründe der aktuellen Iran-Krise).
Frankreich hat eine düstere Kolonialgeschichte die bis heute nicht aufgearbeitet wurde. Genauso wenig wie der Algerienkrieg in den Jahren 1954 bis 1962 oder das Massaker von Paris im Jahr 1961. Darüber schweigt Nicolas Sarkozy, viel lieber spricht er über Verbrechen des Osmanischen Reiches. Als türkischer Politiker würde auch ich mich provoziert fühlen.
Die westlichen Medien folgen ihrem altbekannten Schwarmverhalten und berichten kaum über die geschichtlichen Fakten und Hintergründe. Mit Schadenfreude werden die türkischen Reaktionen beschrieben.
Erdogan wird in Europa ohnehin nicht gemocht. Spricht der doch für den westlichen Geschmack viel zu offen über israelische Verfehlungen, die sonst gern unkommentiert bleiben.