Von Tomas Avenarius

Sie kommen unbemerkt, sie riskieren ihr Leben-wie eine geheime afghanische Frauenorganisation von Pakistan aus im Land der Taliban arbeitet.

(SZ vom 25.9.2001) - Saba Sahar heißt nicht Saba Sahar, und sie hat Grund, ihren wahren Namen zu verschweigen. Selbst ihre Freundin Marina kennt Saba Sahars echten Namen nicht - aber die Freundin heißt ja auch nicht Marina.

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Die beiden jungen afghanischen Frauen benutzen Decknamen, weil sie für die Frauenorganisation Rawa arbeiten: Und bei Rawa geht die Geheimhaltung soweit, dass die einzelnen Mitarbeiter der "Revolutionären Vereinigung der Frauen Afghanistans" sich nicht einmal untereinander über ihre wahre Identität ins Vertrauen setzen.

Die Rawa-Frauen arbeiten im Geheimen, von Pakistan aus. Sie geben auch dort keine Büro-Adresse oder Telefonnummer bekannt, sie verkehren mit der Öffentlichkeit nur per E-Mail und sie wechseln mit gutem Grund regelmäßig den Wohnsitz.

Frauenarbeit in Afghanistan - das ist der lebensgefährliche Kampf gegen die Taliban, die ultra-fundamentalistischen Machthaber in Kabul.

Die Taliban haben alle Frauen unter den Schleier gezwungen, verweigern ihnen Ausbildung und Arbeit und oft selbst medizinische Versorgung.

Schulen für die gut zehn Millionen Frauen sind, abgesehen von einem Minimalunterricht für kleine Mädchen an den Koranschulen, in Afghanistan verboten.

Die Rawa-Frauen organisieren deshalb seit Jahren Untergrund-Schulen - "im kleinen Rahmen, es ist wegen der schwierigen Umstände kaum mehr zu schaffen" , sagt Saba Sahar.

Ein paar hundert Mädchen lernen in den Städten in Privathäusern lesen und schreiben, erfahren etwas von der Welt.

Auch hier sind es meist Frauen, vor allem frühere Lehrerinnen, die bei der Zusammenarbeit mit Rawa alles riskieren - die Freiheit und das eigene Leben.

Auch sonst versucht Rawa den unter der Herrschaft der Taliban am stärksten leidenden Frauen zu helfen: hier ein bisschen Geld für allein erziehende Witwen, dort ein paar Kleider und Lebensmittel für diejenigen, die sich prostituieren müssen, um zu überleben und dabei im Taliban-Gottesstaat in Reichweite des Henkers rücken.

Etwa ein Viertel aller Frauen im Land sind durch die Kriegswirren zu Witwen geworden. Allein in der Hauptstadt sind es etwa 60000.

Doch jetzt, da Krieg bevorsteht und das Regime in Kabul vielleicht bald fällt, sind die Rawa-Frauen auch nicht glücklicher: "Die Opfer werden wie in jedem Krieg Frauen und Kinder sein", sagt Saba Sahar.

Rawa-Frauen sind in all den Talibanjahren immer wieder nach Afghanistan eingereist, haben die Arbeit in den Städten und Dörfern organisiert, Geld mitgebracht und Mut gemacht.

Auch Saba Sahar und Marina reisen heimlich über die Grenze. Ein-, zweimal im Jahr, von Pakistan aus: "Täten wir das nicht, wären wir nicht glaubwürdig", sagen sie.

Man könne mit dem Bus über die Grenze und dann bis Kabul fahren: "Frauen werden von den Taliban normalerweise nicht kontrolliert.

Da hat die Burqha, der uns Frauen aufgezwungene Schleier, eben auch etwas Gutes." Manchmal verteilen die Rawa-Leute sogar ihre Zeitschrift. In Taliban-Land, wo alles Gedruckte wegen des Bilderverbots kontrolliert wird, ist das besonders gefährlich.

Rawa ist eine alte Organisation, sie stammt aus dem Umfeld linker Parteien Afghanistans vor der Machtübernahme durch die Anti-Sowjet-Gotteskrieger und ihre noch frauenfeindlicheren Söhne, die Taliban.

Weshalb Rawa sich eben "Revolutionäre Vereinigung afghanischer Frauen" nennt. Der Titel "revolutionär" und die alten Verbindungen zu radikalen Linksgruppen sind auch der Grund, weshalb die afghanische Frauenorganisation wenig internationale Hilfe bekommt.

"Die Rawa-Frauen sind trotz des bisschens verbliebener Revolutionsromantik überaus wichtig", sagt ein pakistanischer Journalist. "Sie sind neben den westlichen Hilfsorganisationen die einzigen, die etwas für die Frauen Afghanistans getan haben."

Das Links-Wort "revolutionär" hat in den Zeiten der Taliban offenbar jede Bedeutung verloren: "Rawa wird von allen unterstützt in Afghanistan, Pakistan und auch in Europa und den USA, die nichts mit den Fundamentalisten zu tun haben wollen und sich keine Illusionen machen über die Lage der Frauen im Lande", sagt Marina.

"Unsere Organisation bekämpft nicht nur die Taliban, sondern alle Fundamentalisten in Afghanistan. Wir sind gegen all die Warlords und Kriegsfürsten, und von denen gibt es viel zu viele."

Zehntausende vergewaltigt

Marina, die wohl nicht ohne Grund einen westlichen Decknamen gewählt hat, sagt: "Fundamentalismus hat nichts mit dem Islam zu tun.

Fundamentalismus ist nackter Terror: Gegen Frauen, gegen die Demokratie, gegen die Zivilisation." Sie bezieht die vom Westen derzeit wieder gehätschelte Anti-Taliban-Opposition ausdrücklich ein: "Die Nordallianz unter ihrem Führer Ahmed Scham Massoud - das waren doch genau die Leute, die Zehntausende von Frauen vergewaltigt und unser ganzes Land zerstört haben. Da ist kein Unterschied zu den Taliban."

Weshalb Rawa politisch auf die Rückkehr des greisen afghanischen Königs Zahir Schah aus dem italienischen Exil setzt - eine schwache Hoffnung, wie Saba Sahir zugibt.

Sie weiß auch, dass die zweite Rawa-Forderung wenig aussichtsreich ist: Eine UN-Truppe solle das seit mehr als zwanzig Jahren im Krieg versunkene Land vorübergehend kontrollieren und alle Milizen und Kriegsherren entwaffnen.

Erst dann, so sagt sie, bestünde auch Hoffnung für die Frauen in einem Land, in dem Frauen schon früher zwangsverheiratet wurden und die Männer ihnen in der Öffentlichkeit jeden Freiraum verweigerten: "Wir wollen nicht länger wie Vieh behandelt werden. Wir wollen zur Schule gehen, wir wollen auch ohne männliche Begleitung aus dem Haus gehen, wir wollen die Männer lieben, die wir uns aussuchen."

Das aber wird dauern. Die Kultur des Landes ist rückständig, das Problem der Frauen ist vor allem ein Bildungsproblem.

Mit dem Aus für die Taliban jedenfalls sei es nicht getan, sagt Saba Sahar. "Bomben lösen die Probleme unseres Landes nicht. Die Taliban-Kämpfer ziehen sich in die Berge zurück, die arabischen Terroristen auch. In den Städten und Dörfern bleiben Frauen, Kinder und Alte wehrlos ausgeliefert."

Sollten die Männer im Kampf sterben, so Saba Sahar, müssten die Mütter die Kinder alleine durchbringen. "Und wenn die Mütter sterben, dann kümmert sich gar niemand mehr um die Kinder. Dann sind auch die Kinder zum Tod verurteilt."

Die Rawa-Frauen werden bei ihrer Arbeit nicht nur in Afghanistan verfolgt, sondern auch in Pakistan. Viele der in den Grenzorten und Flüchtlingslagern lebenden Afghanen sind Taliban-Anhänger.

Die Rawa-Arbeit dort war schon vor den Taliban lebensgefährlich: 1987 - der Krieg der von den USA bewaffneten Gotteskrieger gegen die Sowjets lief auf Hochtouren -, wurde die Rawa-Vorsitzende Meena Keschwar Kamal im pakistanischen Quetta erschossen.

Offenbar von Gefolgsleuten eines jener Fundamentalistenführer, die den Heiligen Krieg gegen die Rote Armee mit der Waffenhilfe des Westens führten.

Saba Sahar sagt: "Die USA haben damals diese Leute völlig unbedacht mit an die Macht gebracht und damit beigetragen zu der katastrophalen Lage der Frauen in unserem Land. Hoffentlich machen sie nun nicht wieder einen schweren Fehler."

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