Rassismus in Ostdeutschland Pfarrer flieht vor dem Alltag

Die dunkelhäutige Familie eines Geistlichen wird beleidigt, beschimpft und bespuckt - bis sie schließlich von Thüringen zurück nach Nordrhein-Westfalen zieht.

Von Matthias Drobinski

"Nigger" sollen die Mitschüler zu Jannik gesagt haben, "Geh doch zurück in den Urwald!" Und zu seiner Schwester Fenja: "Ich weiß, warum du braune Haut hast. Du schmierst dich mit Scheiße ein."

So erzählt es Reiner Andreas Neuschäfer, der 40-jährige evangelische Pfarrer und Schulbeauftragte im thüringischen Rudolstadt. Miriam Neuschäfer, seine Frau, sei angespuckt, beschimpft, nicht bedient worden. Die 32-jährige hat eine indische Mutter; sie und ihre fünf Kinder haben eine dunklere Haut als Durchschnittsthüringer. Im November 2007 zog die Familie nach Nordrhein-Westfalen, von wo sie 2000 gekommen war. "Meine Frau hat das nicht mehr ausgehalten", sagt Neuschäfer.

Die Geschichte der Pfarrersfamilie ist eine furchtbare Geschichte über den alltäglichen Rassismus in Ostdeutschland. Eine "ebenso unheimliche wie unterschwellige Feindlichkeit gegenüber Fremdem, Unheimlichem und anderem" herrsche dort, hat Neuschäfer geschrieben - als Erbe der DDR, nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei Durchschnittbürgern und Linken spürbar.

Kind will sich braune Hautfarbe herunterschrubben

Der Pfarrer führt Belege für seine These an: Die Kindergärtnerin, die es lustig findet, wenn ein Kind sich mit der Wurzelbürste die braune Hautfarbe herunterzuschrubben versucht. Die netten Menschen, die der Familie raten, sich an den Ausländerbeauftragten zu wenden.

Es ist so viel Bedrückendes, dass die Politiker in Berlin und Thüringens Landesbischof Christoph Kähler sich sehr besorgt geäußert haben. Wobei Kähler zur "differenzierten Bewertung" rät; nicht alles ist so klar, wie die Familie es darstellt. Es ist auch eine Geschichte des ost- und westdeutschen Missverstehens.

Neuschäfers Pfarrerkollege Johannes Martin Weiß spricht von "zwei möglichen Sichtweisen". Weiß war kirchlicher Flüchtlingsbeauftragter. Er sagt, dass es in Thüringen Rassismus gebe und "Frau Neuschäfer sicher beschimpft wurde, was ich unerträglich finde."

Aber die Familie habe auch "persönliche Konflikte ideologisiert". Sie sei "nicht sehr in Rudolstadt integriert" gewesen. Eine Schulhofschlägerei, in den Augen der Familie aus rassistischen Gründen angezettelt, sei für Polizei und Schulleitung eine normale Rangelei gewesen.

Eine Stadt wehrt sich

Vor allem aber trifft den Pfarrer wie auch Bürgermeister Jörg Reichl der Vorwurf, eine ganze Stadt sei latent fremdenfeindlich: "Das ignoriert, was wir hier getan haben." Zum Beispiel habe man die Gründung einer NPD-Jugendgruppe verhindert, zudem sei die Stadt bekannt für ihr internationales Musikfestival. "Dass es ein Musikfestival gibt, ist kein Beweis dafür, dass es keine Fremdenfeindlichkeit gibt", kontert Neuschäfer.

Die dunkelhäutige Pfarrersfrau, die die Ablehnung nicht mehr aushält, die Rudolstädter, die sich unter Generalverdacht sehen - zwei unvereinbare Perspektiven. "Jetzt werden die Opfer zum Täter gemacht", sagt der Pfarrer. Die Landeskirche hat die Familie um eine Liste der Vorfälle gebeten. Neuschäfer arbeitet wieder, organisiert den Religionsunterricht in der Region. Themen gibt es genug.