Das Politische Buch "Niemand ist ein Zigeuner"

Wolfgang Wippermann berichtet in seinem Buch von den Vorurteilen gegen Sinti und Roma.

Vorurteilen gegen Sinti und Roma begegnete Wolfgang Wippermann schon als Kind. Und nichts hat sich seitdem geändert. In einem engagierten Buch schreibt der Historiker gegen die Diskriminierung an.

Von Luisa Seeling

Die erste Begegnung mit den Vorurteilen gegen Roma macht Wolfgang Wippermann 1951, mit sechs Jahren, im Garten der Großmutter. Als eine Gruppe Roma sich dem Haus nähert, nimmt die Großmutter schnell die feuchte Wäsche von der Leine, bekreuzigt sich und erklärt dem Enkel: Die "Zigeuner" seien furchtbare Menschen, stählen Wäsche und kleine Kinder.

Mit dieser Anekdote beginnt Wippermanns Aufruf "Zur Ächtung eines europäischen Vorurteils", und damit ist auch der Ton gesetzt: keine nüchterne Analyse, sondern ein teils persönliches, oft zorniges Plädoyer.

Feindbild vom "faulen und asozialen" Roma wieder neu belebt

Bis heute, so der Historiker, werden in ganz Europa Sinti und Roma ausgegrenzt und verfolgt. Mit der jüngsten Debatte um eine Armutszuwanderung aus Südosteuropa ist das alte Feindbild vom faulen und asozialen Roma auch hierzulande wiederbelebt worden.

Wippermann unterscheidet religiöse, soziale, romantisierende und rassistische Motive für die Diskriminierung von Roma, die er zu einer eigenständigen Ideologie zusammenfasst, den Antiziganismus.

Dieser beginne schon mit dem Wort "Zigeuner". Wippermann knöpft sich den Ausdruck begriffsgeschichtlich vor, erklärt, warum es diffamierend ist, aus Roma "Zigeuner" zu machen und warum die Bezeichnung aus dem Vokabular verbannt gehört.

Er beschreibt, wie im Mittelalter erstmals Negativbilder der Sinti und Roma aufkamen und sich verfestigten, wie sich religiöse und soziale Vorurteile immer stärker mit rassistischen Zuschreibungen mischten, wie diese in der NS-Zeit im Genozid an den Roma gipfelten.

Ein Genozid, den Wippermann nicht als allein deutschen, sondern als gesamteuropäischen Völkermord beschreibt, weil er von Angehörigen anderer europäischer Völker mitbegangen wurde. Beides, "die europäische Kollaboration und die rassistische Motivation des Porrajmos" (so die Romanes-Bezeichnung für den Völkermord), sei nach 1945 geleugnet worden, in West- wie in Osteuropa.

Wider das Vergessen des Völkermords

Seit Jahren schon setzt sich Wippermann gegen eine Relativierung oder ein Vergessen des Genozids an Sinti und Roma ein. Dass er dabei die Shoah und den Porrajmos vergleicht, etwa in dem 2005 erschienenen Buch "Auserwählte Opfer? Shoah und Porrajmos im Vergleich", hat ihm auch schon den Vorwurf eingetragen, er wolle eine Opferhierarchie aufstellen.

Tatsächlich aber will Wippermann gerade keine Hierarchisierung; er hält Porrajmos und Shoah für vergleichbar, "weil beide Völkermorde intendiert und rassistisch motiviert waren". Empörend findet er deshalb, dass der Antiziganismus nach 1945 nicht im gleichen Maße geächtet wurde wie der Antisemitismus.

Den Roma eine Stimme geben

Seltsam stumm bleiben zunächst die Menschen, um die es geht. Erst im letzten Kapitel treten deutsche Roma als eigenständige, sich organisierende Akteure in Erscheinung. Ein paar mehr Stimmen der Betroffenen hätten Wippermanns engagiertem Buch gutgetan.

Denn genau das ist ja das Anliegen des Autors: Den mehr als zehn Millionen Roma in Europa und ihren oft leidvollen Erfahrungen Gehör zu verschaffen.

Wolfgang Wippermann: Niemand ist ein Zigeuner. Zur Ächtung eines europäischen Vorurteils. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2015. 256 Seiten, 17 Euro.