Raqqa Operation Staubsauger

Wie Geheimdienste und Militär der Anti-IS-Koalition in Syrien und im Irak verhindern wollen, dass geschlagene IS-Milizionäre untertauchen und den Kampf anderswo fortsetzen.

Von Georg Mascolo

Das Kalifat zerfällt, der sogenannte Islamische Staat ist auf dem Rückzug, geschlagen, besiegt. Und in jeder Stadt, aus der er weichen muss, wiederholt sich die gleiche Szene: Sobald keine Schüsse mehr zu hören sind, durchsuchen Soldaten Haus für Haus, Zimmer für Zimmer. Auch die getöteten Kämpfer des IS werden sorgsam abgetastet, gesucht wird nach Papieren, Notizbüchern, Speicherkarten, Computern und Handys. Fingerabdrücke der Leichen werden genommen, ihre Gesichter fotografiert.

Wo der IS weichen muss, beginnt der zweite Teil einer Operation, der die Terroristen nicht weniger hart treffen soll als ihre militärische Niederlage. Eine internationale Koalition aus Militär und Geheimdiensten hat sich zusammengefunden, um die Hinterlassenschaften des IS zu sichern. Die Iraker und die Kurden sind dabei, die Amerikaner natürlich. Aber auch mit den Russen, die in Syrien vom Westen her angreifen, soll es eine Zusammenarbeit geben. Gesucht wird nach allem, was Aufschluss darüber geben könnte, was die Organisation plant, wenn ihr Herrschaftsgebiet im Irak und in Syrien - einst immerhin von der Größe Großbritanniens - endgültig verloren gegangen ist. Vor allem aber sollen die Namen aller Kämpfer ermittelt werden, die sich der Terrormiliz angeschlossen haben.

Ziel der Operation ist zu verhindern, dass sie unerkannt untertauchen und sich absetzen können. Denn etliche von ihnen, das gilt als sicher, sind noch immer überzeugte Islamisten, bereit, den Kampf andernorts fortzusetzen. Die Befürchtung, dass manche von ihnen versuchen könnten, sich als Flüchtlinge getarnt nach Europa abzusetzen, ist groß. Ebenso wollen etwa deutsche Sicherheitsbehörden wissen, welche deutsche Islamisten beim Kampf um das Kalifat ums Leben gekommen sind. Deshalb hat auch der Bundesnachrichtendienst erhebliche Ressourcen für das Projekt freigemacht. Das Ende des Kalifats gilt als wichtiger Sieg. Aber eben nicht als das Ende des IS.

Selbst eine Liste der IS-Leute gibt es, die für die Pflege der Blumenrabatten zuständig waren

Der Umfang der Operation sei inzwischen gewaltig, sagen mit dem Vorgang vertraute Personen. Überall auf dem einstigen Schlachtfeld finden sich riesige Mengen Dokumente. Der IS liebte es, Staat zu spielen. In den Behörden und Gerichten galt sogar eine sogenannte Kernarbeitszeit. Es gibt Akten über die Kämpfer, medizinische Unterlagen, Dokumente der Scharia-Gerichte, Kaufverträge, Tabellen mit den Namen der Mieter von Häusern und Wohnungen, Führerscheine und Zulassungen für Autos. Und eine Liste der für die morgendliche Pflege der Blumenrabatten in der Kalifats-Hauptstadt Raqqa eingeteilten Islamisten.

Ein Mitglied der „Demokratischen Kräfte Syriens" auf dem Weg durch die Ruinen der Stadt Raqqa.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Auf all diesen Papieren stehen Namen; oder besser noch, ein Foto ist beigefügt. Dazu kommen die sichergestellten Handys, die Dschihadisten hatten stets einen Hang dazu, sich in allerlei Kampfposen abzulichten. Allein 30 Tera-Byte-Daten - das entspricht etwa einem zwei Jahre langen Non-Stop-Video-Stream - wurden an das sogenannte National Media Exploitation Center in einem Vorort der US-Hauptstadt Washington übermittelt. Eine zentrale Rolle spielt auch ein eigens in Jordanien installiertes Hauptquartier, in dem inzwischen Verbindungsbeamte aus 19 Ländern mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Daneben existieren zahlreiche weitere Kooperationen: Der BND arbeitet auch eng mit Irakern und Kurden zusammen, die täglich neue Daten sicherstellen. "Wir sind hier wie ein Staubsauger", sagt ein Offizier des kurdischen Geheimdienstes Asayish. "Wir nehmen alles mit." In riesigen Vernehmungszentren werden Verdächtige verhört. Hinter den oft nur mit Tüchern abgetrennten Bereichen hört man amerikanische Stimmen.

Interpol hat eine Liste von 173 potenziellen Selbstmordattentätern

Die Idee für die Operation entstand bereits im Frühjahr 2016. Die großen Offensiven gegen den IS waren bereits geplant, aber hatten noch nicht begonnen - da machte ein besonderer Fund Furore: Süddeutsche Zeitung, NDR, WDR und der britische Sender Sky berichteten über Personalbögen des IS. Die Terroristen hatten jeden neu ankommenden Rekruten sorgsam erfasst: mit Namen, Anschrift, vorheriger Kampferfahrung, Ausbildung und bisweilen sogar der Blutgruppe. Die Geschichte machte Schlagzeilen, und schnell stellten unterschiedliche Geheimdienste und Polizeibehörden fest, dass auch sie seit einiger Zeit über Teile dieses Mitgliederverzeichnisses der Terroristen-Truppe verfügten. Aber nicht einmal die deutschen Behörden hatten das Material miteinander geteilt.

So etwas, das ist nun zumindest das erklärte Ziel, soll sich nicht wiederholen. Auch deshalb, weil die Sorge groß ist, dass der IS längst für die Zeit nach seiner Niederlage geplant hat - aber man so gar nicht weiß, was dies sein könnte. Die Einschätzungen der Geheimdienste erwiesen sich in der Vergangenheit bisweilen als unzutreffend: Weder gab es die prognostizierte große Rückreise-Welle europäischer Kämpfer in ihre Heimat, noch konzentrierte sich der IS, wie von manchen vorausgesagt, auf den Kampf in der Region. Er gab auch Anschläge in Europa in Auftrag. Ebenso erwiesen sich Meldungen über getötete hochrangige Islamisten wiederholt als falsch: Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi wurde mindestens fünf Mal für tot oder mindestens schwer verletzt erklärt; mal wollten ihn die Amerikaner, mal die Russen erwischt haben. Aber im September meldete er sich per Audio-Botschaft bei seinen Anhängern. Damit gilt als sicher, dass er es aus Mossul, der Stadt, in der er einst das Kalifat ausrief, herausgeschafft hat. Der wohl bekannteste deutsche IS-Kämpfer, der frühere Berliner-Rapper Dennis Cuspert, alias Deso Dogg, wurde mindestens vier Mal für tot erklärt. Aber jüngsten Meldungen zufolge ist er am Leben. Auch erste Einschätzungen, dass sich deutsche Kämpfer nach Libyen absetzen, haben sich nicht bewahrheitet.

Die Unsicherheit hat die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhöht. Die Amerikaner haben inzwischen eine Übersetzung der Personalbögen an Interpol geschickt. Auch ein weiterer brisanter Fund, über den zuerst die Welt berichtete, ging an Interpol: eine Liste mit Namen und Fotos von 173 potenziellen Selbstmordattentätern. Sechs von ihnen stammen aus Europa, einer aus Deutschland. Nach als glaubhaft eingestuften Informationen soll er aber inzwischen im Kampf umgekommen sein. Aber wie viele solcher Leute, wie viele solcher Listen gibt es noch?

„Wir nehmen alles mit“: Sobald die IS-Kämpfer vertrieben sind, wird überprüft, was die Terrormiliz hinterlassen hat – im Bild Soldaten der „Demokratischen Kräfte Syriens“ in Raqqa.

(Foto: Erik de Castro/ REUTERS)

Weil man Namen leicht ändern kann, bemühen sich Polizeibehörden wie das BKA parallel um Zugang zu biometrischen Daten aus solchen Ländern, aus denen besonders viele der IS-Freiwilligen stammen - Fingerabdrücke und Fotos aus Tunesien etwa, um die Terrorverdächtigen einwandfrei identifizieren zu können. Schwierig ist inzwischen, die vielen unterschiedlichen Daten sauber auseinanderzuhalten. Vor allem die Amerikaner sind dabei ein schwieriger Partner. Für sie zählen auch gezielte Drohnen-Angriffe außerhalb des eigentlichen Kriegsgebiets in Syrien und Irak zu den denkbaren Maßnahmen. Der BND übermittelt deshalb alle seine Informationen stets mit dem Zusatz, dass sie dafür nicht verwendet werden dürfen. Vielleicht hilft es ja.

Von besonderer Bedeutung bei der Suche ist ein Aktenbestand, der bis heute nicht aufgefunden wurde: Es handelt sich um die Papiere der sogenannten Abteilung für "Externe Operationen", das ist so etwas wie die zentrale Anschlags-Planung des IS. "Externe Operationen" soll die Attentate in Paris und Brüssel in Auftrag gegeben haben. Vermutlich gehören ihr auch jene bis heute nicht identifizierten Instrukteure an, die die IS-Mörder in Ansbach, Würzburg und den Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri über Messenger-Dienste zur Tat gedrängt und angeleitet haben. Herauszufinden, wer der Abteilung angehört und was sie plant, gilt als vorrangiges Ziel der Geheimdienste.

Wo deren Kader und ihre Akten sich befinden, weiß niemand. Manche vermuten sie bei den Überlebenden der IS-Führung tief im Euphrat-Tal, dorthin sollen sie sich zurückgezogen haben. Andere hoffen darauf, dass sich viele der Unterlagen noch im umkämpften Raqqa befinden. Schließlich hätten schon die vorherigen riesigen Datenfunde in Mossul und anderswo gezeigt, dass die unter Druck geratene Terroristen-Truppe nicht mehr dazu in der Lage ist, alles rechtzeitig beiseitezuschaffen oder zu vernichten.

Was sich in Raqqa wird finden lassen, wird man bald wissen: Der IS hat sich in den letzten Gebäuden verschanzt.