Brisanter Streit um die Leitung der Heinrich-Böll-Stiftung: Linke Grüne werfen dem Chef der Grünen-nahen Stiftung Sturheit und Ignoranz vor - und fordern den Rücktritt von Ralf Fücks.
Bei den Grünen ist ein heftiger Streit um die Rolle von Ralf Fücks als Chef der Heinrich-Böll-Stiftung (HBS) entbrannt. Linke Grüne fordern in einem offenen Brief an Fücks den Rücktritt des Vorsitzenden der Grünen-nahen Stiftung. Der Unmut entzündet sich vor allem an der jüngsten Kritik von Fücks an Äußerungen der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann. Diese hatte einen raschen Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan gefordert.
Kritik an der Linie der Heinrich-Böll-Stiftung: 80 Grüne haben sich für einen Rücktritt von Ralf Fücks ausgesprochen. (© Foto: oH)
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Fücks schrieb in der Welt am Sonntag unter der Überschrift "Wider die Käßmannschen Afghanistan-Banalitäten", die Bischöfin vermehre die "Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen". Fücks schreibt weiter: "Was mich allerdings gegen Kirchenfunktionäre aufbringt, ist die zur Routine gewordene Unart, im Brustton der höheren Moral politische Handlungsanweisungen zu erteilen."
In dem offenen Brief werfen die bis dato etwa 80 Unterzeichner Fücks einen "anmaßenden Ton" vor. Es sei "erschütternd", dass Fücks "ohne geringsten Zweifel" an seinem "schlichten Argumentationsmuster" festhalte. Sie werfen Fücks "Sturheit und Debattenignoranz" vor und fordern seinen Rücktritt: "Wir meinen: Du bist der falsche Mann an der Spitze der HBS."
Die Unterzeichner wollen "keinen HBS-Vorstand, der aus dieser Position heraus in der entscheidenden Frage von Krieg und Frieden unermüdlich gegen den erklärten und mit großer Mehrheit beschlossenen Willen der Partei Stimmung macht".
Unterstützung für die Fücks-Kritiker kommt auch aus der Bundestagsfraktion der Grünen. Der Parteilinke Christian Ströbele sagte sueddeutsche.de: "Ich finde, dass eine Reform der Böll-Spitze in der Person von Ralf Fücks dringend erforderlich ist." Ströbele sagte, er habe sich "sehr geärgert" über dessen "polemische Kritik" an Margot Käßmann. "Das kann er als Chef der Böll-Stiftung nicht machen."
Der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann sagte sueddeutsche.de, er habe sich über die Haltung von Käßmann sehr gefreut, weil endlich auch eine wichtige Stimme der Kirche klare Position bezogen habe. Für den Gastbeitrag von Fücks in der Welt aber habe er sich "fast geschämt", weil Fücks dort als die eine grüne Stimme wahrgenommen wurde. Das Schreiben strotze nur so "vor selbstgewisser Polemik", sagte Hermann.
Der Rücktrittsforderung der Basis-Linken wollte sich Hermann dennoch nicht anschließen. Er verwies auf die Fraktionsklausur der Grünen kommende Woche in Weimar. Dort werde er die Causa Fücks thematisieren, kündigte Hermann an.
"Ich nehme die Debatte ernst"
Fücks verteidigte inzwischen in einer offenen Antwort sein Kritik an Käßmann. Es sei "inakzeptabel", dass diejenigen als "Militaristen" denunziert würden, die unter "bestimmten Bedingungen auch den Einsatz von Gewalt vertreten". Er fordert seine Parteifreunde auf: "Hört bitte damit auf, 'politische Lösungen' und 'zivilen Aufbau' gegen Militärpräsenz auszuspielen."
Fücks wies die Rücktrittsforderungen zurück. Es sei vermessen, "13 Jahre Aufbauarbeit in der Stiftung auf diesen Konflikt zu reduzieren", sagte er sueddeutsche.de. "Ich nehme die Debatte ernst, aber nicht die Rücktrittsforderungen."
Fücks wird parteiintern seit Jahren vorgeworfen, die Stiftung als Plattform für die Verbreitung seiner eigenen politischen Vorstellungen zu missbrauchen. Fücks: "Das ist eine Behauptung, die durch die Realität der Stiftungsarbeit nicht gedeckt ist." Es sei "geradezu unsere Philosophie, dass wir die Stiftung nicht eng führen wollen."
Rückendeckung für Fücks
Er verwahrte sich auch generell gegen Kritik aus der Partei. Er brauche hier keine "Meinungspolizei", sagte er. "Zu glauben, man könne aus der Partei heraus die Arbeit der Stiftung zensieren, ist ein grundlegendes Missverständnis."
Rückendeckung für Fücks kommt von Reinhard Bütikofer, bis Sommer 2009 Parteichef der Grünen und heute Europaabgeordneter der Partei. Der zum Realo-Flügel zählende Bütikofer sagte sueddeutsche.de, es gelte der Grundsatz, dass "man auch fromme Frauen kritisieren darf."
Außerdem empfinde er die Rücktrittsforderung der Basis-Linken als eine "maßlose Art mit Kritik umzugehen, die einem nicht gefällt". Das sei einer Partei, die auf ihre kritische Diskussionskultur stolz sei, "nicht würdig".
Zu den Vorwürfen, die Stiftung werde zu einseitig geführt, sagte Bütikofer: "Das ist völlig übertriebener Quatsch." Die Grünen können stolz darauf sein, dass die Böll-Stiftung mit Fücks und seiner Co-Vorsitzenden Barbara Unmüßig "zwei so gute Vorstände hat".
Winfried Hermann hingegen sagte, es sei an der Zeit, dass die Stiftung ihre Funktion überdenke. "Mich ärgert schon seit Jahren, dass in der Stiftung lediglich ein einseitiger Diskurs der Fücks'schen Interventionsposition geführt wird." In ihrer Aufgabe, eine breite Debatte über Außen- und Sicherheitspolitik aus grüner Perspektive zu führen, habe die Stiftung "kläglich versagt".
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Den Afghanistan-Krieg als schlichte Militärpräsenz (Fücks) zu verharmlosen, zeugt insbesondere nach dem Massaker von Kunduz mit mindestens 140 getöteten Menschen von himmelschreiender Ignoranz gegenüber dem Leid, das die Zivilbevölkerung durch diesen Krieg zu erleiden hat. Der Aufschrei der grünen Rest-Linken um den Alibi-Pazifisten Ströbele gegen die Machenschaften und Äußerungen von Fücks kommt ungefähr 20 Jahre zu spät. Bereits während des Golfkriegs I hat Ralf Fücks, damals noch Mitarbeiter der späteren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, dafür plädiert, beim Krieg am Golf mitzubomben. Auch später, etwa bei der Diskussion um Militäreinsätze in Ex-Jugoslawien in den 90er Jahren, fand Fücks sich stets auf der Seite derjenigen, welche Militäreinsätze befürworteten. Selbstredend schürte er mit seinem Stiftungsapparat all die Jahre hindurch die Stimmung gegen Pazifisten und trommelte bei jeder Gelegenheit für Krieg.
Was wundern sich die Rest-Linken in den GRÜNEN denn jetzt überhaupt noch? Ralf Fücks und mit ihm die fast 200 Mitarbeiter der Böll-Stiftung, sowieso eine Versorgungsanstalt von ausrangierten Hardcore-Realos, sind Teil des einkauften GRÜNEN Establishments, das mit Jobs versorgt wurde und seit vielen Jahren in grünalternativen Zusammenhängen dafür sorgt, pazifistische Positionen zu denunzieren und zu schleifen. Wir erinnern uns: Diese Strategie hat auch beim Kosovo-Krieg und später beim Afghanistan-Krieg wunderbar funktioniert. Es war ausgerechnet eine rot-grüne Regierung, welche dieses Land zum ersten Mal seit 1945 in Kriege geführt hat. Nur unter rot-grün war das Tabu zu brechen, dass es keine bewaffneten Kampfeinsätze der Bundeswehr außerhalb des NATO-Gebiets geben sollte. Hätte eine CDUCSUFDP-Regierung dies getan, wäre ihr ein Sturm der Empörung entgegen gekommen. Es musste schon von Fischer, Fücks und Cohn-Bendit der Verweis auf die Menschenrechte und der dreiste Vergleich mit Auschwitz sein, um die ehemals pazifistischen GRÜNEN zur Kriegspartei zu machen.
Dass einige in den GRÜNEN nach acht Jahren Krieg in Afghanistan plötzlich wieder anfangen zu denken, ist lobenswert, hat aber lange gedauert und auch die Rest-Linken in den GRÜNEN müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass dies ausgerechnet erst nach der Wahlniederlage von rot-grün der Fall war. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Uwe-Jürgen Ness, eh. Länderrat und eh. bündnisgrünes Mitglied