Ralf Dahrendorf Politik muss nicht originell sein

Der Soziologe Ralf Dahrendorf hat die Planstelle des einzigen genuin liberalen Denkers der Bundesrepublik besetzt. Jetzt wird er achtzig.

Von Jens Hacke

In einer deutschen "Sehnsucht nach Synthese" und in der generellen "Aversion gegen Konflikt" erkannte ein junger Soziologe im Jahr 1965 den "Grundzug autoritären politischen Denkens". Skeptisch spekulierte er über die schädlichen Folgen einer großen Koalition, die "schon verwirklicht scheint, bevor sie in der Regierung sitzt". Den Preis zahle in jedem Fall "die deutsche Gesellschaft mit der Vitalität ihrer demokratischen Institutionen", da man hierzulande den Zusammenhang von Konflikt und Freiheit noch kaum verstanden habe und vorschnell in die Obhut des Staates zu flüchten bereit sei. Auch im Abstand von über vier Jahrzehnten hält jeder Leser bei diesen Zeilen inne, denn vor dem Ende der Legislaturperiode einer kleiner gewordenen großen Koalition bleiben derartige Sorgen bedenkenswert.

Ralf Dahrendorfs Biographie liest sich als Lebenslauf eines Ausnahmebegabten.

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"Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" - die vermutlich gedanken- und einflussreichste politisch-soziologische Zeitdiagnose der Bundesrepublik - schrieb der 36-jährige Ralf Dahrendorf in wenigen Monaten. Es bleibt bis heute ein lehrreiches, vielleicht sein wichtigstes Werk. Sein Ansatz wirkte im Lichte deutscher Sonderwegsentwicklungen auf eine ganze intellektuelle Generation.

Die These von einer durch den preußischen Obrigkeitsstaat gehemmten bürgerlichen Emanzipation, die Spekulation über die ungewollt modernisierende Wirkung des Nationalsozialismus oder die Darlegung eines dauerhaften Missverständnisses von Geist und Macht - Dahrendorf formulierte prägnant die Arbeitshypothesen der in der Entstehung befindlichen neuen Sozialgeschichte. Nicht mit dem tagesaktuellen Problem deutscher Teilung, sondern mit der prinzipiellen "Frage nach den Hemmnissen der liberalen Demokratie in Deutschland" beschäftigte er sich in nationalpädagogischer Absicht - als Mahner und als hoffnungsvoller Liberaler, der das Vorbild der angelsächsischen Demokratie zum Leuchten brachte.

Primus seiner Generation

Jürgen Habermas hat den Jahrgangsgenossen und befreundeten Kontrahenten mit Bewunderung als Primus seiner Generation charakterisiert. In der Tat liest sich Dahrendorfs Biographie als Lebenslauf eines Ausnahmebegabten, der mit dreiundzwanzig Jahren nicht eben unbescheiden seine Dissertation "Marx in Perspektive" betitelte, mit achtundzwanzig habilitiert wurde und ein Jahr später seine erste Professur in Hamburg erhielt. Bevor die Soziologie Modefach wurde, wirkte Dahrendorf als umtriebiger, immens produktiver Modernisierer, der von der Klassen- zur Konfliktsoziologie bis hin zu seiner Rollensoziologie des homo sociologicus frischen internationalen Wind in die deutschen Debatten brachte.

Die Empirie eines René König war ihm zu eintönig, Helmut Schelskys technokratischer Konservatismus politisch zu eng, und in der Soziologie, die von der Frankfurter Schule betrieben wurde, sah Dahrendorf methodisch wenig Innovation. Anregung fand er in der kritischen Auseinandersetzung mit Talcott Parsons oder David Riesman.

Wenn es eine Antriebsfeder in seinem intellektuellen Leben gegeben hat, dann war es die Suche nach Fluchtwegen aus dem Deutschland Adenauers. Der Sohn eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, selbst als Halbwüchsiger ins Visier der Gestapo geraten, erlebte die Nachkriegszeit aus biographisch verständlichen Gründen nicht in erster Linie vor dem Hintergrund der nationalen Schuld. Nach einer Periode als idealistischer SDS-Aktivist Ende der vierziger Jahre erfuhr der junge Doktor an der London School of Economics (LSE) sein geistiges Erweckungserlebnis. Die Bekanntschaft mit Karl Popper leitete seine liberal-pragmatische Wende ein, bald entdeckte er andere Cold War Liberals wie Isaiah Berlin, Raymond Aron und Friedrich August von Hayek. Diesen "Erasmus-Intellektuellen", Repräsentanten eines liberalen europäischen Geistes, errichtete er in seinem letzten Buch über die "Versuchungen der Unfreiheit" (2006) ein würdiges Denkmal. Sie prägten sein Denken und leiteten seinen Weg zunehmend in die Gefilde der politischen Theorie - und in die Politik.

"Produktive Funktion sozialer Konflikte"

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, in welcher Geschwindigkeit Dahrendorf zum brillantesten Jungintellektuellen der Bundesrepublik avancierte. Mit seiner Formel "Bildung ist Bürgerrecht" konnte er ebenso reüssieren wie mit seiner Kritik an der sozialdemokratischen Fixierung auf materielle Gleichheit. Dahrendorf plädierte für die produktive Funktion sozialer Konflikte und hielt an einer Elitentheorie der Demokratie fest. Entscheidend blieben für ihn der Abbau herkunftsbedingter Privilegien und die Aufstiegsmöglichkeiten des Einzelnen in einer sozial durchlässigen Gesellschaft. Hier lässt sich bereits das Konzept der Lebenschancen erkennen, das den Kern einer neuen, damals auf beträchtliche Resonanz stoßenden sozialliberalen Orientierung ausmachte - nämlich eine Verbreiterung der Partizipations-, aber auch Selbstverwirklichungsmöglichkeiten ohne Festlegung auf materielle Gleichheitsversprechen.

Vordenker der Neuen Linken hatten Dahrendorf früh eines elitären Liberalismus verdächtigt; nicht ganz zu Unrecht. Gleichwohl war seine Rollentheorie, die auf die "ärgerliche Tatsache der Gesellschaft" aufmerksam machte, für die Achtundsechziger ein wichtiges Instrument, die Entfremdungsphänomene im "spätkapitalistischen Staat" aufzuzeigen - um diesen zu überwinden, versteht sich. Dahrendorf hat diese Nähe zur Linken später überrascht. Zwar gehört die Szene, als er mit Rudi Dutschke anlässlich einer Demonstration des SDS in Freiburg auf einem Autodach diskutierte, zur Ikonographie der Bundesrepublik. Dahrendorf war jedoch, bei aller Sympathie für gesellschaftliche Modernisierung, nie anfällig für ideologische Phantasien. Stattdessen suchte er "Pfade aus Utopia" (1967). Dass sich in den aufgeregten Zeiten mancher alarmistische Ton einschlich, hat er selbst zugegeben. Es gehört überhaupt zu den Stärken des stets lernbereiten Liberalen, die einst gehaltene Bastion nicht bis zum letzten Mann verteidigen zu wollen und Irrtümer zu korrigieren.

Auf einem Irrtum, zumindest auf einem Missverständnis beruhte wohl auch Dahrendorfs zunächst erfolgreicher Einstieg in die Politik. Als Zugpferd einer sich erneuernden FDP, die allerdings in der Wählergunst ein prekäres Tief erreicht hatte, schien er auf dem Weg zu einer glanzvollen politischen Karriere. Staatssekretär im Außenministerium unter Walter Scheel blieb er jedoch nur ein Jahr, bevor er als EG-Kommissar nach Brüssel ging. Er hatte mit seinen eigenen Ambitionen nicht hinterm Berg gehalten und die Taktiker der Macht, Scheel und Genscher, vermutlich unterschätzt. Es war der Abschied aus der deutschen Politik, zumal Dahrendorf 1974 schließlich dauerhaft nach London ging, um dort die von ihm einst so bewunderte LSE nun selbst für zehn Jahre zu leiten. Seine erfolgreiche Tätigkeit als Wissenschaftsmanager stellte er auch als Rektor des St. Antony's College in Oxford von 1987 bis 1997 unter Beweis. 1988 wurde er britischer Staatsbürger, seit 1993 sitzt er als Baron of Clare Market in the City of Westminster im britischen Oberhaus.

Ein gefragter Intellektueller

In all diesen Jahren ist er ein gefragter öffentlicher Intellektueller geblieben, auch in den deutschen Belangen. Allerdings fiel es dem Freigeist Dahrendorf schwer, sich in die Fronten des bundesrepublikanischen Lagerdenkens einzureihen. War er 1974 kritischer Sympathisant einer Tendenzwende, die von Hermann Lübbe, Robert Spaemann und anderen Liberalkonservativen ausgerufen wurde, so fand man ihn fünf Jahre später als Beiträger zu den von Habermas gesammelten "Stichworten zur geistigen Situation der Zeit", die das Projekt der Moderne gegen eben jene Tendenzwendler zu verteidigen strebten. So saß er zwischen den Stühlen: Weder konnte er sich für den Rechtshegelianismus der Ritter-Schule erwärmen, obgleich er ihre Common-Sense-Philosophie teilte, noch konnte er diskurstheoretisch befeuerte Utopien der Herrschaftsfreiheit ernst nehmen. Die Theorie allein lieferte ihm nie genug Atemluft, und so wurde Dahrendorf im Gegensatz zu seinen Generationsgenossen Luhmann und Habermas kein schulbildender Theoretiker, sondern ein politisch urteilskräftiger unabhängiger Denker, für den Macht und Herrschaft unhintergehbare Leitbegriffe politischen Handelns blieben.

Dahrendorfs Kantianismus einer Weltbürgergesellschaft verlässt sich niemals allein auf die Vormacht der Vernunft. Wie der bewunderte Isaiah Berlin hält er es lieber mit der Königsberger Einsicht, dass der Mensch aus krummem Holz geschnitzt sei. Wichtiger als komplexe Theoriegebäude sind funktionierende politische Institutionen, die der Freiheit des Einzelnen dienen, und die Pflege öffentlicher Tugenden. Dabei verfällt Dahrendorf nicht in Moralismus, sondern glaubt an Einsicht durch Erfahrung. Demokratie und Marktwirtschaft sind für ihn deswegen wünschenswert, "weil sie kalte Projekte sind, die keinen Anspruch erheben auf die Herzen und Seelen von Menschen". Dass Dahrendorf selbst nicht kalt bleibt, sondern seine Begeisterung angesichts des Sieges der Zivilgesellschaft in Osteuropa 1989/90 deutlich zum Ausdruck gebracht hat, darf man als einen angenehmen Widerspruch empfinden. Zuallererst hat er eben die Freiheit des Individuums im Sinn - und nicht den Sieg einer Idee. Während Habermas zugleich abschätzig und verunsichert von einer "nachholenden Revolution" sprach, weil die Wende keine neuen Ideen hervorbrachte, war Dahrendorf der Originalitätsgehalt von politischen Ideen nebensächlich - die Bekräftigung der richtigen schien ihm verdienstvoll genug.

Mit Verve hat er auch in den letzten Jahren die Sinne dafür zu schärfen versucht, dass das kurze sozialdemokratische Jahrhundert zwar zu Ende gegangen ist, dass aber die Vorbeter des sogenannten Neoliberalismus aufgerufen sind, zwischen den vielen möglichen Kapitalismen der Gegenwart zu unterscheiden. Jede Neuordnung des Verhältnisses zwischen Politik, Gesellschaft und Markt bleibt auch heute der Dahrendorfschen Berücksichtigung von Lebenschancen in eminenter Weise verpflichtet.

Deutlich wird in der Rückschau, dass Dahrendorf mit Erfolg die Planstelle des einzigen genuin liberalen Denkers in der Bundesrepublik besetzt hat. Diese Sonderstellung offenbart die komplizierte, vielfach gebrochene liberale Tradition in Deutschland; die intellektuelle Dürre, die den parteipolitischen Liberalismus schon seit einigen Jahren ausgezehrt hat, unterstreicht seinen unangefochtenen Rang. Nicht nur dies sollte Anlass geben, Lord Ralf Dahrendorf anlässlich seines achtzigsten Geburtstags am 1. Mai gebührend zu würdigen.