Eine Reportage von Tomas Avenarius, Rafah

Der omnipotente Offizier, der Minister an der Heimatfront und ein Palästinenser zwischen Hass und Liebe - Beobachtungen am Rande des Gaza-Krieges.

Im Krieg wird geschossen und gelitten, doch Reporter verbringen einen guten Teil ihrer Zeit mit Warterei. In Ägypten den größten. An jedem Kontrollpunkt auf dem Sinai zum Beispiel steht ein Polizeioffizier, Vertreter der Staatssicherheit leisten ihm Gesellschaft.

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Warten an der Grenze zum Gazastreifen - ein palästinensischer Junge in Rafah. (Archivbild) (© Foto: AFP)

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Der Offizier lässt keine Journalisten durch. Das Informationsministerium in Kairo sagt zwar, alle Medienvertreter hätten freien Zugang zur Grenze in Rafah, um von dort über den Gaza-Krieg zu berichten. Der Offizier sieht das aber anders. Er untersteht dem Innenminister. Dessen Behörde hat im Gegensatz zum Informationsministerium etwas zu sagen.

Der Offizier verlangt ein offizielles Papier. Das wird in Kairo nicht ausgestellt. Weder von der Informationsbehörde noch vom Innenministerium. Also führt die Fahrt zur Staatssicherheit in der Stadt Al-Arish. Dort sitzen im Eingang noch viel mehr Polizisten und Staatsorgane herum.

Einen festgenommenen ägyptischen Hühnerdieb haben sie mit Handschellen an den Stuhl gekettet, sicher ist sicher. Es gibt nettes Geplauder, aber kein Papier. Irgendwann kommt ein Vertreter des Informationsministeriums. Er telefoniert, redet mit den Offizieren: Manchmal geht es dann doch ohne Papier.

Am nächsten Morgen werden wieder Journalisten an Kontrollpunkten gestoppt, wird wieder nach dem Papier gefragt. Einem der Kollegen soll einer der Polizisten geraten haben: "Was wollt ihr eigentlich hier? Ihr wisst doch, dass ihr unseren Checkpoint auf sieben verschiedenen Umwegen umfahren könnt." Das stimmt. Und dort braucht es dann nicht einmal ein Papier.

Auch sonst ist der Umgang Ägyptens mit der Gaza-Krise bemerkenswert, jedenfalls soweit es die Randberichterstattung an der Grenzmauer betrifft. Der Gesundheitsminister Hatem El-Gabaly etwa ist selbst Arzt. Aber bei seinem Besuch am Grenzübergang Rafah hat er es nicht für nötig gehalten, sich einen palästinensischen Schwerverletzten länger aus der Nähe anzusehen.

Der war durch das Grenztor gebracht und in eine ägyptische Ambulanz umgebettet worden. Ein paar Schritte in Richtung Ambulanz, ein flüchtiger Blick reichten dem Minister. Vielleicht lag es daran, dass rundherum Kameras und Mikrophone waren: willig, das Gerede des Kairoer Offiziellen wiederzugeben.

Die von ihm heruntergebeteten Zahlen der nach Ägypten gebrachten Verwundeten waren ohnehin allen bekannt. Und seine Antwort auf die Frage, warum mehr als 50, zum Teil hochspezialisierte ägyptische Ärzte weiter tatenlos am Grenzübergang herumstehen müssten und nicht einreisen dürften? "Das ist ein politisches Spiel des Gegners."

Auf der nächsten Seite lesen Sie, was sonst noch alles nicht zusammenpasst in Barama und warum der Palästinenser Sami einen Israeli liebt.

Ob er damit die Hamas in Gaza meinte? Deren Gesundheitsminister hatte beim ägyptischen Ärzte-Syndikat um Chirurgen, Anästhesisten und Intensiv-Mediziner gebeten: Solche Spezialisten werden gebraucht in Gazas Kliniken mit ihren weit mehr als 3500 Verletzten. Oder machte der Minister einfach ein bisschen ägyptische Innenpolitik bei seinem humanitären Auftritt?

Weil nämlich der Kairoer Ärzteverband von der oppositionellen Muslim-Bruderschaft unterwandert ist. Und die könnte einen freiwilligen Kriegseinsatz der angereisten Mediziner als eigenen Hilfserfolg verkaufen und nicht als den der ägyptischen Regierung. Also stehen die Spezialisten vor dem Tor, während in Gaza verwundete Menschen sterben, denen von diesen Ärzten geholfen werden könnte.

Auch sonst passt einiges nicht zusammen. In Barama, wo die berüchtigten Tunnelschmuggler von Rafah leben, steht der Palästinenser Sami vor seinem Haus. Ein paar Risse haben die Wände schon vom israelischen Bombardement auf der anderen Seite der Grenzmauer. Die Luftwaffe versucht seit Tagen, die Tunnel zwischen der palästinensischen und der ägyptischen Grenze bei Rafah zu zerstören.

"Wir sind mit Gott"

Sami, der wie viele Palästinenser auf der ägyptischen und damit auf der für ihn falschen Seite der geteilten Grenzstadt lebt, hasst die Israelis, so sagt er das. Er hat Familie in Gaza, er sieht den ganzen Tag lang die Fernsehbilder der von den Bomben getöteten Frauen und Kinder. Sami sagt: "Wir sind nicht mit den Juden. Wir sind mit Gott."

Dann fängt der Palästinenser an zu zitieren, angeblich aus dem Koran, wo stehe, dass am Jüngsten Tag alle Gerechten sich gegen die Juden wenden und diese töten würden. Sami ist kein Theologe, aber er ist ein Mensch mit überbordenden Gefühlen. Und dann erzählt er plötzlich von Karol, dem Israeli aus Tel Aviv.

Bei dem hat Sami vor gut 25 Jahren gearbeitet, als die Gaza-Grenzen noch für alle offen waren, als Palästinenser in den Städten Israels Arbeit und Auskommen fanden. "Das war die beste Zeit." Einmal, als er die Arbeit hingeworfen hatte, habe Karol ihn persönlich wieder abgeholt in Gaza. Sami weiß bis heute das Datum seines letzten Arbeitstags. Es war der 24.September 1982.

Die Israelis mag Sami hassen, aber den Juden Karol - "wenn er überhaupt noch lebt" - liebt der Palästinenser. "Er war wie ein Vater, er hat mich behandelt wie seinen eigenen Sohn."

Während Sami erzählt und die Nachbarn auf einen per Flugblatt von den Israelis angekündigten Luftangriff auf der anderen Seite der Grenzmauer warten, gehen die Nachbarkinder zur Schule: mit Ranzen, alleine oder an der Hand der Mutter, nur 300 Meter von der Grenze entfernt. Sollten die Bomben kommen, dürften die Splitter sehr weit fliegen. Offenbar vertraut in Barama nicht nur Sami grundsätzlich auf Gott, was den Umgang mit den Israelis angeht.

Und noch eine Merkwürdigkeit der Randberichterstattung vom Krieg in Gaza: Vor einigen Tagen standen ein paar Demonstranten am Grenztor in Rafah. Die Kameras stürzten sich auf sie, schließlich ist es ein vieldiskutiertes Thema, dass die Bürger Ägyptens immer drängender von der eigenen Regierung verlangen könnten, den Menschen in Gaza irgendwie zu Hilfe zu kommen. Die Kameras jedoch haben schnell wieder abgedreht: Die Gruppe skandierte Slogans für Hosni Mubarak, die Demonstranten hielten Bilder des ägyptischen Staatschefs hoch. Es waren Jubelperser.

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(SZ vom 10.01.2009/cag)