Radikal-islamische Missionierung Im Auftrag des Herrn

Kostenlose Koran-Ausgaben: Radikal-islamische Salafisten verteilen zu Ostern ihre Heilige Schrift. In 35 deutschen Städten verschenkten sie den Koran. Doch damit nicht genug: Insgesamt wollen die Missionare 25 Millionen deutsche Exemplare unters Volk bringen.

Unter anderem in Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, Köln, Konstanz, Hannover, Kiel und Dresden hat es Infostände gegeben. Anhänger der radikal-islamischen Strömung des Salafismus haben Deutschland zu Ostern mit einer Propagandaoffensive überzogen. In 35 Städten verteilten sie dazu am Samstag kostenlose Koran-Ausgaben.

"Es ist offenbar eine koordinierte salafistische Aktion vor Ostern", sagte die Leiterin des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Mathilde Koller, am Donnerstag. Die stellvertretende Leiterin des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Catrin Rieband, sagte: "Ziel ist, die Menschen nicht nur zum Islam zu bringen, sondern zum Salafismus." Auch der Hamburger Verfassungsschutz warnte vor dem Projekt. Vor allem die hanseatische Behörde ist für das Thema sensibilisiert: Alle Attentäter des 11. September 2001 in den USA waren Salafisten - drei der vier Todespiloten kamen aus Hamburg.

Die Verfassungsschützer warnen, dass die Aktion die Vernetzung der salafistischen Szene befördere. Die Ideologie sei vor allem wegen ihrer wortgetreuen Auslegung des Koran gefährlich. Viele ihrer Anhänger sähen den Salafismus nur als Richtschnur für ihre private Lebensführung. "Die Minderheit der dschihadistischen Salafisten befürwortet aber auch Gewalt", sagte Hessens Verfassungsschützerin Rieband. In Extremfällen würden junge Leute sich sogar zu Terroristen radikalisieren. Salafisten wollen die Gesellschaft in einen islamischen Gottesstaat verwandeln. Bundesweit werden rund 3800 Personen der salafistischen Strömung zugerechnet.

An den Infoständen waren, dokumentiert in Internet-Videos, immer wieder islamistische Prediger zu sehen, die als besonders fundamentalistisch gelten. Neben dem Initiator der Aktion, Ibrahim Abou-Nagie, tauchte etwa der Berliner Ex-Rapper Deso Dogg an einem Stand in Wuppertal auf. Er hatte sich vor einiger Zeit den Salafisten angeschlossen. In einem islamistischen Lied verherrlichte er den getöteten al-Qaida-Führer Osama bin Laden als "schönsten Märtyrer dieser Zeit". An dem Infostand in Wuppertal sagte er: "Wir bringen den Frieden (...) und wir bringen Glückseligkeit."

Bereits zuvor 300.000 Exemplare verteilt

Koordiniert wird die beispiellose Verteilung der Heiligen Schrift von Ibrahim Abou-Nagie. Der Kölner ist - so würde er selbst wohl sagen - im Auftrag des Herrn unterwegs. Die Cover sind blau und mit goldenen arabischen Ornamenten verziert. Darauf steht: "Der edle Qu'ran - Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache". Abou-Nagie gilt als einer der radikalsten Salafisten Deutschlands. In Internet-Ansprachen hat er wiederholt die Einführung der Scharia befürwortet, in einem Video sagte er: "Möge Allah uns alle als Märtyrer sterben lassen." Das Koran-Projekt startete er im Herbst vergangenen Jahres. Mit den für Samstag geplanten 35 Ständen erreicht es einen Höhepunkt.

Das Ziel, so heißt es in einer Kurzbeschreibung des "Koran-Projekts", sei "ein Austausch und besseres Miteinander zwischen den verschiedenen Religionen und Kulturen unseres Landes". Das klingt harmlos. In einem Internet-Video sagt Abou-Nagie: "Etwas Schöneres, als eine Koran-Übersetzung an die Menschen zu verschenken, gibt es nicht." Doch andere seiner Ansprachen klingen weniger friedlich. Auch sie stehen im Internet. Abou-Nagie prophezeit darin, dass alle "Ungläubigen für alle Ewigkeit in die Hölle kommen". Ein Verheirateter, der Unzucht begeht - so sagt er, "muss gesteinigt werden."

Doch er hat Erfolg. "Infostände" standen bereits in den vergangenen Monaten in vielen deutschen Städten, vor allem in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Nach Schätzungen wurden mehr als 300.000 Korane unters Volk gebracht.

Die Bewegung der Salafisten gilt als die am schnellsten wachsende Strömung innerhalb des radikalen Islam. In ihren Ansprachen stellen sich die salafistischen Prediger als Vertreter des einzig wahren Islam dar. Sie zitieren Koran-Verse, Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed und Rechtsgutachten islamischer Gelehrter. Die Kern-Botschaft ist simpel: Folge dem Koran - dann hat dein Leben (wieder) einen Sinn. Sonst landest Du in der Hölle.

Die religiöse und politische Bewegung orientiert sich an einem idealisierten Bild der Frühzeit des Islams. Das arabische Wort "Salaf" steht für Ahnen und Vorfahren. Viele Salafisten tragen lange Bärte und weite Gewänder. Frauen, die kein Kopftuch tragen, begehen nach Überzeugung von Salafisten eine schwere Sünde.

Die Salafisten-Szene blieb bisher - trotz zwischenzeitlicher Annäherungen - weitgehend zersplittert. Mal stritten die Gruppen um die korrekte Auslegung von Koransuren. Dann warfen sich Prediger gegenseitig vor, sich bei den "Ungläubigen" anzubiedern, zu radikal zu sein oder kein "richtiges" Verständnis vom Islam zu haben. Das Koran-Projekt von Ibrahim Abou-Nagie stellt einen gemeinsamen Nenner dar, auf den sich viele der Gruppen und Prediger einigen können. In Hessen etwa stehen Anhänger der Frankfurter Salafisten-Gruppe DawaFFM in den Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. In Hamburg koordiniert die Aktion laut Verfassungsschutz der Hansestadt der einstige Sprecher der berüchtigten Taiba-Moschee. Der Gebetsort am Steindamm war im August 2010 wegen allzu offensiver islamistischer Propagandaarbeit geschlossen worden.

Rückendeckung bekommt das Projekt auch von dem Star der deutschen Salafisten-Szene, Pierre Vogel. Der deutsche Konvertit ist Abou-Nagie wegen dessen ultraradikaler Ansprachen bisher meist aus dem Weg gegangen. Das Koran-Projekt dagegen bewirbt auch Vogel in einer eigens dafür produzierten Videobotschaft.

Der neueste Stargast trat kürzlich in Wuppertal auf: Robert B., ein 24-jähriger Konvertit aus Solingen, hatte in England gerade erst eine Haftstrafe abgesessen, weil er Terrorpropaganda mit sich geführt hatte. An dem Koran-Stand durfte der Rückkehrer sogar eine kleine Grußbotschaft in die Kamera sprechen.