PVV Geert Wilders, von Beruf Störenfried

Geert Wilders Abbild auf einem Wahlkampfplakat der PVV, der Partei für Freiheit.

(Foto: Getty Images)
  • Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders lag in Umfragen lange vorn. Zuletzt überholte ihn Mark Rutte von der VVD.
  • Auch vor der Wahl hat Wilders seine wichtigsten Ziele längst erreicht: Kritik an Europa und Ressentiments gegen den Islam ins Gespräch bringen.
  • Dazu bedient er sich einer Strategie aus Tabubrüchen, einem Spiel mit den Medien und dem gezielten Rückzug aus der Öffentlichkeit.
Von Thomas Kirchner

Das Muster wiederholt sich gerade. Mehrmals in den vergangenen Jahren ist Geert Wilders mit guten Umfragewerten in Wahlkämpfe gezogen, um dann abzusacken. Diesmal ist es wieder so. Nachdem die Meinungsforscher seine Partei für die Freiheit (PVV) lange unangefochten auf Platz eins sahen, liegt inzwischen die rechtsliberale VVD von Ministerpräsident Mark Rutte vorn.

Sie kommt im Durchschnitt der Umfragen auf 26 von 150 Sitzen im Parlament, die PVV nur auf 23. Seit Dezember, da waren es 31 Sitze, geht es bergab mit den Populisten. Offenbar erwogen viele Wähler zunächst, für Wilders zu stimmen, und zucken jetzt zurück. Liegt es an der Seelenverwandtschaft zu Donald Trump, die der Niederländer so betont und die ihm jetzt zum Nachteil gerät? Die linksliberale Tageszeitung Volkskrant wagt schon den Satz: "Das Schreckbild eines ,Sieg' schreienden Wilders wird langsam kleiner."

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Es kann aber ganz anders kommen, die Meinungsforscher haben sich oft geirrt in jüngster Zeit. Doch selbst wenn es bei der Parlamentswahl am 15. März bei diesem Ergebnis bliebe, so hat der platinblond gefärbte Politiker seine wichtigsten Ziele erreicht. Seine beiden Hauptthemen, Islam- und Europakritik, haben mehr denn je Konjunktur; und er ist die bestimmende Figur in diesem Wahlkampf, der Mann, an dem sich alle abarbeiten, das Gespenst, das ängstigt und fasziniert.

Wobei das besonders für internationale Medien gilt, die ihn als Teil der populistischen Welle sehen, die durch die Welt schwappt. In den Niederlanden selbst hat man sich nolens volens an Wilders gewöhnt. Der 53-Jährige sitzt seit fast 20 Jahren im Parlament und zählt zu den erfahrensten Abgeordneten, was seine Behauptung, er kämpfe gegen das Establishment, besonders fragwürdig erscheinen lässt.

Wilders stammt aus dem katholischen Südosten des Landes, aus Venlo nahe der deutschen Grenze. Als jüngstes von drei Kindern war er "ein bisschen verwöhnt", wie er zugibt, ließ sich die Haare wachsen, schwänzte die Schule. Mit 18 entwickelte er eine Liebe zu Israel, wo er zwei Jahre lebte und arbeitete. Einige Jahre war er in der Sozialverwaltung angestellt, dann ging er in die Politik. Er schrieb Reden für den rechtsliberalen Vordenker Frits Bolkestein, einen frühen Kritiker der Migration; 1998 wurde er Abgeordneter für die rechtsliberale VVD, von der er sich entfremdete, 2004 kam es zum Bruch. Die Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh festigte seine Gegnerschaft zum Islam, und weil es der Mörder, ein radikaler Muslim, auch auf ihn abgesehen hatte, wird er seither pausenlos bewacht. Mit seiner ungarischen Frau wohnt er an einem geheimen Ort, seine Freiheit ist stark eingeschränkt.

Tabubrüche in regelmäßigen Abständen generieren Aufmerksamkeit

2006 gründete er dann die PVV. Sie ist eigentlich keine Partei, eher ein Klub, dessen einziges Mitglied er ist - ein Mangel an Transparenz und Demokratie, der seine Wähler offenbar nicht stört. Wilders verleiht das die totale Kontrolle. Er allein bestimmt den Kurs, er wählt das Personal aus: Menschen, die sich ihm mit Haut und Haaren verschreiben und, wie Aussteiger berichten, extrem hart arbeiten müssen. Weil erst Parteien mit mehr als 1000 Mitgliedern staatliches Geld erhalten, hat Wilders nach Schätzungen auf zehn Millionen Euro verzichtet. Die Partei lebt von Spenden, die auch in Wilders' Anwaltskosten fließen. Der Parteiapparat ist klein, für eine große Kampagne mit Auftritten und Werbematerial fehlen die Mittel.

Aus dieser Not hat Wilders eine Tugend gemacht: Er generiert Aufmerksamkeit, indem er in regelmäßigen Abständen Grenzen überschreitet, Tabus bricht. Etwa mit Begriffen, über die sich alle aufregen müssen: "Islamisierungs-Tsunami", "Kopflumpensteuer", "marokkanische Straßenterroristen". Mit Filmen wie "Fitna", in denen er den Koran mit "Mein Kampf" verglich. Oder mit jenem Auftritt, in dem er versprach, für "weniger Marokkaner" im Land zu sorgen. Die resultierenden Gerichtsverfahren samt Publicity sind eingerechnet. Wilders gibt vor, die Medien zu hassen, und spielt doch perfekt mit ihnen, wirft ihnen Brocken hin, die sie gierig fressen, denn mit ihm wird es nie langweilig. "Er ist mehr Medienstratege als Politiker", sagt der Wilders-Experte Koen Vossen.

Zur Strategie gehört es, sich rarzumachen. Knappheit schafft Nachfrage. Wilders gibt selten Interviews, und wenn, dann nur ihm gewogenen oder ausländischen Medien. Sogar den TV-Debatten blieb er diesmal fern, erst zwei Tage vor der Wahl wird er zum Duell gegen Rutte antreten. Viel lieber twittert er. Schon seit Jahren kommuniziert er mit der Öffentlichkeit und seinem Anhang vor allem über den Kurznachrichtendienst, nutzt ihn konsequent als politisches Medium.

Im Grunde besteht das Wahlprogramm seiner PVV nur aus Stichworten

Mit Freude hat er eine Karikatur verbreitet, in der Donald Trump einen Football namens "soziale Medien" über einen Pulk von Journalisten hinweg in ein bürgerliches Wohnzimmer wirft. Er weiß, dass viele Menschen einfache, griffige Aussagen schätzen, und drückt sich fast nur in Extremen aus: Alles ist entweder vollkommen fürchterlich (die EU, der Islam, die Linken) oder radikal gut (der Stolz, die Nation, das christliche Abendland). Das lässt sich prima in 140-Zeichen-Sätze packen.

Im Grunde besteht das Wahlprogramm seiner PVV, das auf einem A-4-Blatt Platz findet, nur aus Stichworten. Muslime raus, EU weg, ein paar soziale Wohltaten - viel konkreter wird es nicht. Wilders' Weigerung, sich inhaltlich festnageln zu lassen, wird gern karikiert. Dass er wirklich Ministerpräsident werden will, wie sein Mitstreiter Martin Bosma beteuert, lässt sich bezweifeln. Er ist ein Antipolitiker, gibt den Störenfried, er bezieht seine Stärke aus dem Dagegen, nicht aus dem Dafür.

Seine rechtsextreme Freundin Marine Le Pen in Frankreich will sich "entdiabolisieren", wie sie sagt. Nicht so Wilders. Er ist zu einem immer extremeren Nationalisten und Islamhasser geworden, vor allem seit dem Ende des ersten Kabinetts Rutte, das er bis 2012 gestützt hatte. Keine größere Partei will mit ihm koalieren, und eine Alleinregierung ist in den Niederlanden unmöglich. Langfristig, so rechnet er wohl, fährt er besser damit, keine Verantwortung zu übernehmen - und weiterhin die Rolle des Unterdrückten zu spielen, den die "Elite" ausschließt von der Tafelrunde.

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