Putins Zeit als KGB-Mann in Dresden Spion und Raser

Von 1985 bis 1990 war Wladimir Putin als KGB-Agent in der damaligen DDR tätig. Er blieb unauffällig, doch seine Vorliebe für schnelles Autofahren und Musik sind belegt. Ein Freund des Alkohols war der heutige russische Präsident jedoch nicht.

Von Christiane Kohl

Die Bierbar "Am Thor" ist mit schlichten Holzstühlen ausgestattet, es gibt Radeberger Bier und Zigaretten der einstigen DDR-Marke "Cabinett"; auf der gemauerten Theke liegt ein dickes Eichenbrett. Mag sein, dass Wladimir Putin dereinst seinen Ellenbogen auf das schon etwas abgegriffen wirkende Eichenholz gestützt hat - "die Einrichtung ist noch genau dieselbe wie damals", erklärt der Wirt Joachim Loch.

Viel mehr sagt der Mann mit dem graumelierten Bürstenschnitt allerdings nicht über den heutigen russischen Präsidenten, der vor knapp zwei Jahrzehnten häufiger in dem Lokal in der Dresdener Neustadt verkehrt haben soll. Er sei "ein angenehmer Gast gewesen", meint der Gastwirt einsilbig und zapft ein neues Radeberger.

Gestern KGB-Offizier, heute Präsident

Damals war Putin ein eher unauffälliger Offizier des russischen Geheimdienstes KGB gewesen, der sich mit seinen Kollegen abends noch einen Abstecher in die Bierbar am Dresdner Albertplatz gönnte. Heute fährt der Präsident mit einer Motorradeskorte durch die sächsische Stadt, um gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Reihe von Terminen wahrzunehmen: So ging es am Dienstag vom Flughafen zum Dresdner Residenzschloss, wo Putin das Grüne Gewölbe, die reich bestückte Schatzkammer der Sachsenfürsten August des Starken, besichtigte.

Und vom Kongresszentrum, wo der Präsident am Petersburger Dialog, einem deutsch-russischen Gesprächskreis, teilnahm, fuhr Putin später in ein Hotelschlösschen an der Elbe, um dort gemeinsam mit Merkel zu Abend zu essen.

Auf ihrem Weg passierte die Kolonne fast zwangsläufig einstige Wirkungsstätten des Russen - doch dieser hob vermutlich nicht einmal das Augenlid, als sein Wagen an einer der alten Adressen vorbeirauschte. Da ist die gelb getünchte Jugendstilvilla in der Angelikastraße. Viereinhalb Jahre lang hat Putin in dem Haus gearbeitet, das heute in einem bevorzugten Dresdner Wohngebiet liegt.

Als KGB-Hauptmann war er 1985 gekommen, im Rang eines Oberstleutnants zog er im Februar 1990 wieder ab. Was er in der Zwischenzeit in Dresden tat, ist Gegenstand von allerlei Spekulationen gewesen, Putin selbst hat sich nur spärlich dazu geäußert: Ob er etwa den angesehenen DDR-Wissenschaftler Manfred von Ardenne ausspionierte oder gar die Operation "Lutsch" (zu deutsch: Strahl) leitete, innerhalb der die KGB-Männer ihre ostdeutschen Stasi-Genossen überprüften - nichts Genaues ist bekannt.

Belegt aber ist, wo Putin damals arbeitete. Einstmals hatte der bekannte Dirigent Karl Böhm das Haus in der Angelikastraße bewohnt, nach dem Krieg konfiszierten es die Russen, heute residiert die anthroposophische Gesellschaft darin.

Zu Zeiten von Putin saßen sechs russische Offiziere in der Villa, die einen schmutzig grauen Anstrich trug und gleich um die Ecke der Dresdner Stasi-Zentrale lag. In Putins Büro gab es nach dem Bericht eines Kollegen stets westdeutsche Zeitschriften wie Stern und Spiegel, offenbar blätterte der spätere Präsident aber auch gern in Neckermann-, Otto- und Quelle-Katalogen. Abends entspannten sich die KGBler dann in der Kellersauna des Hauses.

Ein Bild aus dem Jahr 1986 zeigt Putin 34-jährig als schmalen, drahtigen jungen Mann. Ein paar Straßen von der Angelikastraße entfernt hatte er eine "Zwei-Raum-Wohnung" in einem Neubau vom DDR-Plattentyp "WBS 70" bezogen - das war ein Fortschritt für die Familie, die zuvor in der Sowjetunion auf engstem Raum mit den Eltern gelebt hatte.

Zweite Tochter Putins in Dresden geboren

Ehefrau Ludmilla äußerte sich später denn auch positiv über die Zeit in Dresden, hier kam auch Jekaterina, die zweite Tochter der Putins zur Welt. Vater Wladimir verdiente damals 1800 DDR-Mark plus 100 Dollar; er soll ein berüchtigter Raser in Dresden gewesen sein und hörte wohl auch ganz gern Musik. Nach dem Kollegen-Bericht ließ sich Putin über einen Freund aus dem Westberliner KaDeWe eine Stereoanlage besorgen.

"Er war ein sehr ruhiger Mensch, der sich jedes Wort überlegt hat", erinnert sich Bernd Naumann an den heutigen russischen Präsidenten. Der Schweißer hatte in Dresden Spezialarbeiten für die Russen erledigt, so lernte er auch Putin kennen. Man sah sich im russischen Kaufhaus, beim Angeln in Moritzburg und in der Bierbar "Am Thor". Allerdings, so erinnert sich der Schweißer, "war Putin sehr zurückhaltend mit dem Alkohol".

Waschmaschine als Abschiedsgeschenk

Nur einmal fiel der Russe in Dresden einer größeren Menschenmenge auf, das war am 5. Dezember 1989. Soeben hatten die Bürger die Stasi-Zentrale an der Elbe gestürmt, jetzt schickten sie sich an, die benachbarte KGB-Villa anzugreifen.

Putin trat den Leuten entgegen und erklärte, dies sei russisches Territorium, derweil lud ein Soldat seine Kalaschnikow durch. Das wirkte, die Menge zog ab. Wochen später ging Putin zurück nach Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg - zum Abschied schenkten ihm ostdeutsche Freunde eine Waschmaschine.