Putin-Interview in der ARD Taktik der Verallgemeinerung

Putin präsentiert dabei wohlbekannte Erklärungen für die Ukraine-Krise: Es ist die Nato, die Expansion betreibe, nicht Russland, immerhin sind amerikanische Stützpunkte "in der ganzen Welt verstreut". Das Assoziierungsabkommen zwischen EU und Ukraine bedroht die russische Wirtschaft. Der Umsturz in der Ukraine war ein "Putsch", mit dem gegen eine unter Vermittlung von EU-Außenministern verhandelte Vereinbarung verstoßen wurde. Die Abspaltung der Krim hingegen ist vergleichbar mit der Situation im Kosovo. Und die Sanktionen der EU gegen Russland helfen im Endeffekt der russischen Wirtschaft - weil die endlich gezwungen ist, Waren selbst herzustellen, anstatt sich immer nur auf Öl und Gas zu verlassen.

Aber immerhin. Das Interview bietet einen guten Überblick über die Kommunikationstaktik des russischen Präsidenten. Putin kann...

  • ... Eingeständnisse, die eigentlich keine echten Eingeständnisse sind. "Unsere Streitkräfte - sagen wir es offen - haben die ukrainischen Streitkräfte blockiert, die auf der Krim waren", sagt er. Aber natürlich aus gutem Grund: "Um Blutvergießen zu vermeiden." Und immerhin habe es nicht nur einen Parlamentsbeschluss gegeben, sondern sogar eine Volksabstimmung. "Was ist Demokratie? Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung", sagt Putin.
  • ... gut ausweichen. Auf die Frage, wer eigentlich den prorussischen Separatisten ihre Waffen liefert, antwortet er: "In der modernen Welt werden Menschen, die einen Kampf führen und die diesen Kampf aus der eigenen Perspektive als gerecht empfinden, immer Waffen finden."
  • ... und verallgemeinern: "Die Ukraine ist ein schwieriges Land."

Ebenso vertraut ist dem Zuschauer inzwischen das, was nach dem Zweier-Gespräch passiert: Die Talkshow-Gäste widmen sich der Putin-Interpretation und Russland-Erklärung. Stimmt der Vergleich mit dem Kosovo? Ist da was dran mit der Kritik an der Nato? Oder haben die osteuropäischen Länder zurecht Angst vor Russland? Sitzt Putin "fest im Sattel"? Wo liegen die historischen Fehler im Umgang mit Russland? Und über allem schwebt wie immer die Frage: Was will Putin?

Ukraine-Konflikt: Sind Sanktionen die Lösung?

Bisherige Verhandlungen sind gescheitert, auch die Beratungsgespräche zwischen dem russischen Präsidenten und G20-Kollegen waren nicht erfolgreich. Wie lässt sich der Ukraine-Konflikt lösen? Sind Sanktionen der richtige Weg? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Natürlich wolle Russland ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn, sagt der. Man müsse "die Standpunkte annähern, dann müssen wir - ich sage jetzt etwas, was vielleicht auch in Russland nicht jeder gerne hören wird - versuchen, einen einheitlichen politischen Raum in diesen Gebieten zu schaffen." Er sei bereit sich "in diese Richtung zu bewegen, aber nur gemeinsam." Das könne gelingen, immerhin hätten Europa und Russland die vergangenen Jahre schon einige Schritte in die richtige Richtung gemacht.

Allerdings verschweige der Westen, dass die ukrainische Regierung im Osten der Ukraine alle vernichte, "sämtliche politischen Gegner und Widersacher." Tadelnder Blick. "Wollen Sie das? Wir wollen das nicht. Und wir lassen es nicht zu." Was heißt das nun konkret? Eine Antwort darauf gibt es heute nicht, wird es vermutlich so schnell nicht geben. Aber trotzdem, vielen Dank für das Gespräch.