Putin im Ukraine-Konflikt Der Trotz des bösen Buben

Was macht Wladimir Putin nach dem Absturz des Flugzeuges in der Ostukraine? Er trifft sich mit Vertretern der russisch-orthodoxen Kirche - und gibt ganz nebenbei eine Erklärung ab.

(Foto: REUTERS)

Die russische Regierung weist alle Schuld an der Eskalation der Krise in der Ukraine von sich - und zeigt sich nach dem Absturz der Passagiermaschine des Fluges MH17 unbeeindruckt von westlichen Drohungen. Dabei ist sich Russland durchaus bewusst über die Folgen jüngster Sanktionen.

Von Frank Nienhuysen

Mit leerem Blick starrte Vizepremier Arkadij Dworkowitsch vor sich hin, Dmitrij Medwedjew nickte ab und zu, und Wladimir Putin sprach. Der russische Präsident redete nicht von Schuld, aber wer die Verantwortung zu tragen habe für die Tragödie der MH17, das glaubte er schnell zu wissen.

Während die Welt nach der Flugzeugkatastrophe, dem vermutlichen Abschuss, entsetzt Richtung Ostukraine und misstrauisch nach Russland schaute, blickte der Kremlchef direkt nach Kiew. "Diese Tragödie wäre nicht geschehen, wenn es auf diesem Boden Frieden gäbe", wenn die Kämpfe nicht wieder aufs Neue begonnen hätten. "Ohne Frage", sagte er, "jene Regierung trägt die Verantwortung für die schreckliche Tragödie, auf deren Gebiet sie passiert ist." Also die ukrainische.

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Putin verspricht "endgültigen, vollständigen und langfristigen Frieden"

Russland ist keineswegs der Meinung, es müsse die Rolle des bösen Buben im Ukraine-Konflikt übernehmen. Aber es stellt sich darauf ein, dass andere Länder dies anders sehen. "Die Vereinigten Staaten verfolgen in der letzten Zeit eine äußerst unkonstruktive Politik, und ihr Vorgehen ist unvorhersehbar", sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Und sollte stimmen, was der Präsident der russisch-amerikanischen Handelskammer in Washington, Sergio Millian, sagte, dann geht es letztendlich sogar um die Machtbasis in Russland. Millian erklärte in einem Interview der Moskauer New Times, Washington beabsichtige, mit Hilfe der Wirtschaft in der russischen Bevölkerung Unmut gegenüber der Staatsmacht zu erzeugen. "Möglicherweise will man Russland in den Zustand der Rezession drängen."

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist so schlecht wie wohl nie zuvor seit dem Ende der Sowjetunion, aber es wirkt nicht so, als könnte der allseitige Schock nach dem Flugzeugdrama über der Ostukraine das Blatt nun wenden. Trotz Putins Aufforderung an Kiew und die Rebellen, die Kämpfe zu beenden und sofort Friedensgespräche zu beginnen.

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Vor allem wegen der jüngsten Sanktionen der USA, die eine Reihe großer russischer Unternehmen wie den Ölkonzern Rosneft sowie diverse Rüstungsbetriebe umfasst, macht sich das Land derzeit wenig Illusionen. Die Nesawissimaja Gaseta schreibt von einem "Schlag für die russische Wirtschaft" und davon, dass ähnliche Sanktionen auch noch von Japan drohten. Dennoch scheint Moskau derzeit wenig auf Annäherung zu setzen. Am nächsten Montag tritt fast symbolisch das russische Einfuhrverbot für Obst aus der Republik Moldau in Kraft, die vor wenigen Wochen mit der Europäischen Union ein Assoziierungsabkommen unterzeichnet hat.

Die Gegensätze dominieren

Nicht die Gemeinsamkeiten, sondern die Gegensätze dominieren mehr und mehr das Verhältnis zwischen West und Ost. "Die Ukraine-Krise ist in eine Phase der amerikanisch-russischen Rivalität, sogar Konfrontation übergegangen, die an das Great Game im 19. Jahrhundert erinnert, als es um die Vorherrschaft zwischen Russland und dem britischen Empire ging", schreibt der russische Analytiker Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie-Zentrum: "Russland konzentriert sich auf die postsowjetische Integration in Europa und Asien, während die USA in Europa eine Linie gegen Russland ziehen wollen. Die Ukraine, Georgien und die Republik Moldau sind dabei die Schlachtfelder im amerikanisch-russischen Kampf um Einfluss."

Die russischen Unternehmen sehen sehr wohl die Risiken möglicher weiterer Sanktionen, vor allem für den Fall, dass sie von der Europäischen Union kommen. Allerdings scheint Moskau auf Appeasement mit dem Westen auch wenig Wert zu legen - und baut vor. Auffällig häufig werden in Russland die engen Bande mit China betont, und auch der mehrtägige Besuch von Putin in Lateinamerika, die engere Verflechtung der Brics-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika - soll Moskau wirtschaftlichen Spielraum bringen. Und noch eine Alternative: Russland will sich auch mehr auf sich selber besinnen, die Wirtschaft "lokalisieren", heißt das neue Zauberwort.

Aus europäischer Sicht könnte dies der eigentlich sorgenvolle Trend sein, wenn es um die Ukraine geht: dass Russland allein seiner Wirtschaft wegen nicht bereit ist, seinen Kurs zu ändern, den Westen stärker zu besänftigen. Oder etwa doch? Er stehe mit seinem ukrainischen Kollegen Petro Poroschenko in Kontakt, sagte Putin am Freitag, als er das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche traf. Von nicht weniger als einem "endgültigen, vollständigen und langfristigen Frieden" sprach er diesmal, er hoffe, "dass wir es schaffen". Das klang nach einer dieser Hoffnungen, die Moskau in den vergangenen Monaten immer wieder durchschimmern ließ. Danach aber war der Westen stets enttäuscht.