Publikationen im Internet Totale Öffentlichkeit

Das Internet bedeutet Freiheit, Offenheit, Diskurs. Aber es hat auch noch nie ein so schrecklich effizientes Instrument der üblen Nachrede und der Verleumdung. Doch: Je mehr im Internet publiziert wird, desto weniger Leute interessiert das.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Lebte Bertolt Brecht noch, müsste ihm das Internet gefallen. Er nämlich hatte Ende der zwanziger Jahre in diversen Aufsätzen darüber nachgedacht, was denn wäre, wenn das Radio, das damals modernste Medium, nicht nur einseitig funktionieren, die Menschen also nicht nur beschallen würde. "Der Rundfunk", forderte Brecht, "ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln". Er müsste dazu "aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren". Gelänge dies, würde aus dem eigentlichen passiv machenden Radio "ein ungeheures Kanalsystem" werden, der "denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens".

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist aus Brechts Radiotheorie Wirklichkeit geworden. Das Internet ist jenes partizipative Medium, das sich Brecht mehr als politische Vision denn als technische Idee erträumte. (Dass ausgerechnet Brecht mit dem Urheberrecht anderer Leute ebenso freizügig umging wie viele Netzbewohner dies tun, ist ein nettes Aperçu.) Heute ist jeder, der einen vernetzbaren Computer halbwegs bedienen kann, Sender und Empfänger zugleich, Handelnder und Zuschauer.

In Despotenstaaten wie China, Nordkorea oder Iran versuchen die Mächtigen in dummer, weil archaischer Angst, die Zugänge zum Netz zu zensieren. Man will das Volk kontrollieren, physisch wie elektronisch. Das Einsperren des Volkes, das Abschneiden der Kommunikation war bis weit in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts nicht nur ein gängiges, sondern ein für die Diktatoren unerlässliches Mittel ihrer Machtsicherung.

Es gab jene staatgewordenen Versuche der Hermetik, wie etwa die mauerumgürtete DDR, in deren Sterbephase allerdings weniger die Beherrschten als vielmehr die siechenden Herrscher von der Kommunikation und damit vom Verständnis abgeschnitten waren. Die SED-Kaste glotzte in der Art von Goldfischen im Glas nach draußen und hielt jene, die von draußen zornig oder mitleidig hineinschauten, für Gefangene. Öffentlichkeit tötet Despotien, auch wenn das manchmal etwas dauert.

Orwell verkehrt

Mittlerweile sind allerdings wichtige Teile der Welt auf dem Weg zur totalen Öffentlichkeit. Im Internet kann jeder alles, was ihm zugänglich ist, publizieren. Weil das so ist, glauben viele, man müsste auch alles öffentlich machen. Wer sich dabei halbwegs geschickt anstellt, kann auch noch anonym bleiben; er muss nicht mutig sein, sondern nur handwerklich begabt. So wie Öffentlichkeit Diktaturen ins Wanken bringen kann, kann sie auch Menschen beschädigen, ja in den Tod treiben. Das Internet bedeutet Freiheit, Offenheit, Diskurs. Aber es hat auch noch nie ein so schrecklich effizientes Instrument der üblen Nachrede, der Verleumdung und der Verbreitung erfundenen Schmutzes gegeben wie das Internet.

Im Zuge der Debatte über Wikileaks ist zu hören, allein weil es das Netz gebe, könne es praktisch keine Privatheit mehr geben. Das ist Unsinn. Zwar kann man nicht kontrollieren, was andere über einen im Netz niederlegen, aber man kann durchaus relativ wenig von sich selbst preisgeben. Gewiss, es ist jedermann unbenommen, sein Liebesleben, seine Gedanken über den Tag oder diesen Leitartikel in einem Blog, einem sozialen Netzwerk oder einem Video zu verbreiten. Wer das tut, ist kein besserer oder modernerer Mensch als der, der das nicht tut.

Allerdings zieht auch das Internet Extremisten, Savonarolas und andere tendenziell totalitäre Charaktere an, die ihre Meinung für die einzig richtige halten. Man findet sie auf beiden Seiten. Da sind Gestalten wie Julian Assange, der missionarische Indiskretin, dem kein Preis zu hoch zu sein scheint, um seinen Traum einer umgekehrt orwellianischen Welt zu verwirklichen - nicht der Staat hat alle Kontrolle, sondern er verliert sie völlig. In diesem System der totalen Öffentlichkeit wird der, der sich ihm nicht beugt, zum Volksschädling. Je heftiger einer daran glaubt, dass die ganze Welt aus Verschwörungen besteht, desto inbrünstiger muss er, wenn er sich nur genug von den Verschwörern verfolgt sieht, alles, alles enthüllen. In der Vor-Netzzeit standen solche Menschen mit großen Plakaten an der Straßenecke oder schimpften auf dem Gehsteig laut vor sich hin. Heute haben sie einen DSL-Anschluss.

Ertrinken in der Datenflut

Aber es gibt auch jene, die glauben, das Netz sei die gestaltlose, dennoch ubiquitäre Wiederkehr des Beelzebubs. Sie beklagen, dass durch den Bruch nahezu aller Tabus im Netz die Verrohung der Gesellschaft rapide voranschreite. Die Emporlobung der Netz-Öffentlichkeit zum Geist der Moderne ist genauso hirnrissig wie deren Verteufelung. Das Netz ist so böse oder so gut wie jene, die es nutzen oder für Schlechtes missbrauchen.

Wenn der Spiegel das Assange-Material auswertet und verbreitet, dann fördert er - jenseits der kollateralen Befriedigung eines auch politisch getriebenen Voyeurismus - indirekt Assanges Weltbild von der totalen, ins Totalitäre schwappenden Öffentlichkeit. Wikileaks bedient sich der klassischen Medien, auch weil diese Medien immer noch erheblich mehr Aufmerksamkeit generieren können, als dies Netzveröffentlichungen fertigbringen - allemal in der politischen Klasse. Andererseits macht sich der Spiegel verdient, weil er das tut, was Journalisten auch in Zukunft tun müssen: Sie wählen aus, sie analysieren, sie schlagen Schneisen des Verständnisses in den Urwald der Roh-Informationen. Wie viel altmodischer und gleichzeitig zukunftsträchtiger ist es, den Wikileaks-Wust portioniert und analysiert in der Zeitung oder Zeitschrift zu lesen, als sich selbst durch das Zeug zu klicken. Wer das tun mag, möge es tun. Viele mögen es nicht.

Die immer größere Ausdehnung des Netzes, die mal organisches Wachstum, mal Metastasierung zu sein scheint, bringt allerdings auch mit sich, dass immer mehr zugänglich, aber deswegen keineswegs interessant wird. Zu Brechts Zeiten sehnten sich jene, die keine Stimme hatten oder denen man sie nahm, nach Öffentlichkeit, nach Veröffentlichung. Heute hat theoretisch jeder eine Stimme, jeder ist Sender. Empfänger dagegen möchten nicht mehr so viele sein.

Jene vielen Autoren, die früher darüber klagten, dass blöde Lektoren ihren Durchbruch verhinderten, kriegen heute, nachdem sie ihren Roman ins Netz gestellt haben, wiederum keine Resonanz. Auch die Netzgurus bieten ihre Bücher gedruckt auf holzhaltigem Papier an. Schön, wenn man in Gutenbergs Technik nachlesen kann, dass Print angeblich keine Zukunft hat. Heute sind unzählige Manuskripte, Dokumente und Meinungsäußerungen öffentlich zugänglich. Für die allermeisten interessiert sich niemand. Es ist wie mit dem Ozean: Er besteht aus Aberbilliarden Wassertropfen, deren Einzelexistenz keine Rolle spielt, weil sie nur als Gesamtheit Bedeutung haben.

Wahrscheinlich ist das ohnehin die beste Art, mit dem Wikileaks-Hype umzugehen: In der Datenflut ersäuft auch früher oder später das Interesse. Wenn alle Empfänger zu Sendern geworden sind und unablässig senden, hört keiner mehr zu.