An jener Stelle, an der sich die Stadt Višegrad in das grüne Tal schmiegt, spannt sich eine Brücke aus Bimsstein über den Fluss. Sie hat den Schriftsteller Ivo Andric zu seinem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Roman "Die Brücke über die Drina" inspiriert. Im Buch ist das Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert stummer Zeuge der wechselvollen bosnischen Geschichte. Fast fünfzig Jahre nach Entstehung des Romans wird sie zudem Zeuge eines der größten Massaker des Bosnienkrieges.

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Milan Lukic im Mai 1992 in der Uniform des Militärs der bosnischen Serben in Višegrad, dem Ort an dem die Verbrechen begangen wurden, für die er angeklagt ist. (© Foto: dpa)

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Milan und Sredoje Lukic machen den Fluss zu einem Massengrab. Wahllos treiben sie nichtserbische Männer und Frauen auf den Straßen, in Fabriken und Häusern zusammen und schlachten sie an den Ufern ab. Manche von ihnen werden lebendig von der Brücke gestoßen und, während sie in die Fluten fallen, erschossen. Frauen werden vergewaltigt, Männer zur Zwangsarbeit in Barracken gehalten. In der Stadt wird geplündert, die beiden Moscheen werden zerstört.

Im Juni 1992, so schreibt die Anklage, führen Milan und Sredoje Lukic sowie Mitar Vasiljevic etwa 65 muslimische Frauen, Kinder und alte Männer zu einem Haus in der Pionierstraße. Bevor sie eintreten, werden sie gezwungen, Geld und Schmuck abzugeben und sich auszuziehen. Dann wird die Tür hinter ihnen verschlosen. Nur einen Spalt breit öffnet Milan Lukic noch einmal die Tür, gerade so weit, dass er einen Brandsatz auf den Boden legen kann.

Flucht nach Argentinien

Innerhalb kürzester Zeit steht das Haus in Flammen. Diejenigen, die versuchen, aus dem Fenster zu springen, nehmen die Lukic-Vettern mit ihren Schusswaffen ins Visier. Vasiljevic richtet Scheinwerfer auf die Opfer. Schreie und Winseln sind noch etwa zwei Stunden nach der Brandlegung zu hören. Sechs Menschen überleben die Tortur. Einige Tage später wiederholen die drei Serben das Verbrechen nach demselben Muster in dem nahen Dorf Zupa. Dabei führen sie etwa siebzig Menschen in die Flammen, einer überlebt.

Milan Lukic war im August 2005 in Argentinien festgenommen worden, nachdem er offenbar mit einem gefälschten Pass der Republik Serbien und Montenegro eingereist war. Sein Cousin hatte sich einen Monat später den Behörden der bosnischen Serbenrepublik gestellt, nachdem er zuvor mehrere Jahre lang untergetaucht war. Beide Angeklagten haben stets ihre Unschuld beteuert. Ein Gericht in Belgrad verurteilte Milan Lukic bereits 2003 wegen Kriegsverbrechen, Entführung, Folter und Mord in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft. Damals ging es um die Entführung und Ermordung von 16 Muslimen im Oktober 1992 im serbischen Sjeverin.

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(sueddeutsche.de/bosw)