In Istanbul beginnt der Prozess um den Mord an dem Journalisten Hrant Dink. Dabei geht es um Gerechtigkeit - und letztlich um die türkische Demokratie.
Am Nachmittag des 19. Januar diesen Jahres lungerte vor dem Redaktionsgebäude der türkisch-armenischen Wochenzeitung Agos ein Junge herum, in der Tasche eine Pistole.
Zu Hrant Dinks Beerdigung kamen Hunderttausend (© Foto: AFP)
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Als er kurze Zeit später auf offener Straße vier Schüsse auf Kopf und Nacken des Mannes vor ihm abgab, eines Mannes, den er nie kennengelernt hatte, eines Mannes, der ihm den Rücken zudrehte, da starb dort, im Herzen Istanbuls, der Familienvater und Journalist Hrant Dink, Türke und Armenier, Linker und Christ, Versöhner und Herausforderer.
Das Gesicht auf dem Asphalt, der erstarrte Blick ins eigene Blut: Ein Bild, das man bei Dinks Weggefährten heute noch an der Wand finden kann. Zur Mahnung. An jenem Tag erlosch ein Leben. Und so viel mehr.
"Der Tag machte den Hoffnungen so vieler von uns den Garaus, hier einmal größere Freiheit, stärkere Selbstachtung und menschliche Würde sehen zu dürfen", schreibt der Dink-Freund Yavuz Baydar, einer der bekanntesten Kolumnisten der Türkei.
"Nagelprobe für die türkische Demokratie"
Yavuz Baydar wird am heutigen Montag um zehn Uhr vor der Türe des Istanbuler Gerichtes stehen, wo der Prozess eröffnet wird gegen Hrant Dinks Mörder. Und er wird nicht allein sein mit seinem Verlangen nach "voller Gerechtigkeit".
Verhandelt wird ein Mord. Und so viel mehr. "Mit Hrant Dink wurde die Redefreiheit ermordet. Mit ihm wurde die Aussöhnung mit den dunklen Abschnitten der türkischen Geschichte umgebracht", meint Yavuz Baydar: Der Prozess werde nicht weniger als "die Nagelprobe für das Überleben der türkischen Demokratie" sein.
In ihrem Büro im Stadtteil Beyoglu sitzt Fethiye Cetin, die Anwältin der Familie von Hrant Dink und sagt: "Es geht hier nicht nur um einen Gerichtsprozess. Es geht darum, in welchem Land wir leben wollen."
Worte, die sich für deutsche Ohren pathetisch anhören mögen, aus denen aber für all jene, die die letzten Monate in der Türkei miterlebt haben, bittere Dringlichkeit spricht. Das Land, das erstaunliche Jahre von Reform und Demokratisierung durchschritten hatte, erlebt mit einem Mal, wie dunkle Kräfte an ihm zerren.
Manche fühlen sich schon wieder am Rand eines Abgrunds. Und auch die Untersuchungen zum Mord an Hrant Dink haben das Tor geöffnet zu einem Labyrinth, "voller düsterer Ecken und schrecklicher Eingänge" (Yavuz Baydar). Wird man es ausleuchten können?
Der Mörder hatte Hintermänner
Immerhin: Die Anklage versucht sich erst gar nicht an der Behauptung, hier habe ein Einzeltäter gehandelt. Der Mörder, der 17-jährige Ogün Samast aus der Schwarzmeerstadt Trabzon, hatte Hintermänner. Sie haben seine Gedanken vergiftet, seine Schritte geleitet, ihm die Waffe in die Hand gedrückt.
18 Verdächtige werden von Montag an vor dem Richter stehen. Die Anklage lautet auf Mord, auf Gründung einer terroristischen Organisation und auf Beihilfe zu Terrorakten. Eingang in die Anklageschrift fanden auch Morddrohungen an Orhan Pamuk, dem Literaturnobelpreisträger und guten Freund Hrant Dinks.
Es war, so die beiden Staatsanwälte, ein politisches Verbrechen. Ausgeübt von Ultranationalisten, vorgeblich, um das Land auf eigene Faust von "Verrätern" zu befreien. Zwei der Angeklagten, Erhan Tuncel und Yasin Hayal, könnten bei einem Schuldspruch bis zum Ende ihres Lebens im Gefängnis verschwinden, den anderen drohen Haftstrafen von bis zu 35 Jahren.
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