Prozess gegen Werner Mauss Phantom vor Gericht

Kapuzenmann auf der Anklagebank: Lange Zeit gab es nicht einmal ein Foto von Werner Mauss. Vor Gericht verbirgt der inzwischen 76-Jährige sein Gesicht, so gut es nur geht.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Der frühere Privatagent Werner Mauss soll mehr als 15 Millionen Euro nicht versteuert haben - unter vier Namen. Nun muss er sich vor dem Landgericht Bochum verantworten.

Von Ralf Wiegand, Bochum

Der Staatsanwalt häuft Zahl auf Zahl, schichtet die Millionen zu einem Berg von Geld, den der Angeklagte hinterzogen haben soll, beschuldigt ihn, mit "erheblichem und fortgesetztem Verschleierungsaufwand" seine Einkünfte vor dem Finanzamt versteckt zu haben. Und der Angeklagte? Er sitzt, in einem dunkelblauen Stepp-Anorak verschwindend und vom Publikum weggedreht zwischen seinen Anwälten. Kein Wort ist am ersten Tag im Steuer-Prozess gegen den Privatagenten Werner Mauss vom Angeklagten zu hören, nicht einmal seine Personalien muss er angeben, das übernimmt der Richter. Mauss gibt sich geheimnisvoll.

76 Jahre alt ist der ehemalige deutsche Top-Agent inzwischen. Er rühmt sich selbst, gut 2000 Kriminelle hinter Gitter gebracht und rund 100 konspirative Organisationen zerschlagen zu haben. Das Leben, das er führte, organisierte er unter mehr als 30 verschiedenen Namen. Unter vier davon ist er angeklagt, zwischen 2002 und 2013 mehr als 15 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben. Vor dem Landgericht Bochum muss er sich als Werner Mauss alias Dieter Koch alias Claus Möllner alias Richard Nelson verantworten.

Angeklagt ist Werner Mauss alias Dieter Koch alias Claus Möllner alias Richard Nelson

Mauss, der Geheimnisvolle. Die Bundesregierung erteilt unter dem Hinweis auf die Gefährdung des Gemeinwohls kaum Auskünfte über ihn, obwohl er einst für viele Organe der Regierung des Bundes im Einsatz war, das Bundeskriminalamt etwa, das Innenministerium oder für den Bundesnachrichtendienst. Die Finanzbehörden haben ihm vor vielen Jahren eine Genehmigung erteilt, seine Steuern nicht an seinem Wohnort entrichten zu müssen, wie das bei Normalbürgern der Fall ist. Mauss durfte zum Schutz seiner Identität sein Steuerkonto vom Finanzamt Essen-Süd führen lassen, als "Dieter Koch".

Vor Gericht aber ist auch ein Geheimagent nur ein Mensch. Die Aura eines Geheimnisträgers zu wahren führt zu beinahe skurrilen Szenen. Mauss wird durch einen Nebeneingang und ein Nebentreppenhaus in den Saal C 240 des Bochumer Landgerichts gebracht, er umgeht so das Spalier der Kameras. Im Saal behält er seine dicke Jacke an, schützt sich gegen die Fotografen, die wie in jedem Verfahren von öffentlichem Interesse vor Verhandlungsbeginn fotografieren dürfen, indem er die riesige Kapuze tief ins Gesicht zieht. Dann dreht er den Kameras den Rücken zu. Draußen versucht der Gerichtssprecher umständlich, Mauss' Namen nicht zu erwähnen, und seine Anwälte sagen schon vorher, dass sie auch hinterher schweigen werden. Der Richter erwähnt den Wohnort des Angeklagten nicht öffentlich, was sonst üblich ist; später nennt Mauss' Anwalt ihn doch, Altstrimmig im Hunsrück. Dort, in einem festungsähnlich ausgebauten Anwesen, lebt Mauss seit bald 50 Jahren.

Der erste Verhandlungstag in einem der größten Steuerprozesse der Bundesrepublik dauert nur gut zwei Stunden. Die Anklage wird verlesen, dann versuchen die Anwälte von Mauss, den Gerichtsort Bochum auszuhebeln. Gegen Mauss müsse, argumentieren sie, entweder an seinem Wohnort oder in Essen, dem Sitz des Finanzamts und damit dem "Tatort", verhandelt werden. In Bochum findet der Prozess statt, weil Mauss dort am 21. Dezember 2012 festgenommen (und gegen Kaution von einer Million Euro wieder freigelassen) worden war. Das Gericht aber lässt am Gerichtsort Bochum keinen Zweifel.

Mauss war durch den Verkauf von Daten der Schweizer Bank UBS an die Behörden in Nordrhein-Westfalen aufgefallen. In den Unterlagen stießen die Ermittler auf den Namen des offenbar sehr vermögenden deutschen Staatsbürgers Claus Möllner, fanden aber kein Steuerkonto in Deutschland. Recherchen ergaben, dass es sich dabei um eine der vielen Scheinidentitäten von Werner Mauss handelte, der seine Steuern als Dieter Koch zahlte. Oder eben zu oft nicht, wie die Staatsanwaltschaft nach fast vierjährigen Ermittlungen beweisen will. Mauss' Verteidigung gründet auf der Behauptung, dass das viele Geld, das sich zum Teil in Steueroasen vermehrte, nicht seines ist, sondern ihm von einem Geheimbund zur Verfügung gestellt wurde. Er sei nicht mehr als der Treuhänder, der aus dem Topf seine Einsätze finanzierte und seine Legenden zum Schutz seiner wahren Identität pflegte. Wie er die Existenz dieses Agentenkontos beweisen will, wird der spannendere Teil des bis Dezember terminierten Verfahrens werden. Der erste Tag endete so, wie Mauss' Geschichte seit jeher geschrieben wird - ohne ein klärendes Wort von ihm. Der Prozess wird am 4. Oktober fortgesetzt.